Freiwilligenarbeit

«Jüngeren fehlt oft die Zeit für ein langfristiges Engagement»

Freiwilligenarbeit hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Ehrenamtliches Engagement müsse heute Spass machen und Raum für Eigeninitiative lassen, sagt der Soziologe Jakub Samochowiec.
Eine Freiwillige des Schweizerischen Roten Kreuzes prüft gespendete Lebensmittel. (Bild: Gaetan Bally / Keystone)

Herr Samochowiec, Studien zeigen, dass die Freiwilligenarbeit in der Schweiz über die Jahre stabil geblieben ist. Gleichzeitig ist oft vom Vereinssterben die Rede. Wie passt das zusammen?
Das sieht auf den ersten Blick wie ein Widerspruch aus. Tatsächlich haben sich aber die Formen des freiwilligen Engagements gewandelt. Viele Menschen sind heute zurückhaltender, wenn es darum geht, sich langfristig und verbindlich in einem Verein zu engagieren. Dagegen sind unverbindlichere Engagements etwa im Rahmen eines zeitlich begrenzten Projekts beliebter geworden.

Was sind die Gründe für diese Entwicklung?
Allgemein beobachten wir in der Gesellschaft eine geringere Bindungsbereitschaft. Das zeigt sich in verschiedenen Bereichen – etwa bei der Partnerwahl oder der abnehmenden Markenloyalität. Es gibt eben nicht nur eine Turnschuhmarke, sondern unzählige. Ebenso ist der Konkurrenzkampf um unsere freie Zeit erbitterter geworden. Das macht es schwierig, sich festzulegen. Gleichzeitig sind die Menschen mobiler geworden und identifizieren sich weniger stark mit ihrer Gemeinde.

Warum ist diese Bindung an die Gemeinde wichtig?
Freiwilliges Engagement – egal ob im Verein oder in anderer Form – entsteht oft in der Wohngemeinde und im Quartier. Ich kenne eine Person, die einmal vor dem Eishockeystadion in Thun angefragt wurde, ob sie beim Abreissen der Tickets behilflich sein könne – einfach weil sie zufällig da war. Daraus hat sich ein dreissigjähriges Engagement ergeben. Aufgrund unserer Mobilität sind lokale Berührungspunkte wie auch die Identifikation mit der Gemeinde teilweise verloren gegangen.

Wie kann man dem entgegenwirken?
Indem man die Menschen wieder stärker zusammenbringt und solche Berührungspunkte schafft. Das kann durch Quartierfeste, Nachbarschafts-Flohmärkte oder andere Aktivitäten in der Gemeinde geschehen. Dabei geht es zunächst gar nicht darum, Freiwillige zu gewinnen, sondern Kontakte und ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen. Wenn Menschen sich kennen und austauschen, entstehen daraus oft ganz von selbst Engagement und Solidarität.

Zur Person

Jakub Samochowiec forscht am Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon (ZH). Er ist promovierter Sozialpsychologe und befasst sich mit gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen. Zusammen mit weiteren Autorinnen und Autoren hat er verschiedene Studien zur Freiwilligenarbeit durchgeführt.

Am 20. Mai nimmt Jakub Samochowiec am Podiumsgespräch «Zwischen Ehrenamt und Eigenmarke – hat Freiwilligenarbeit noch Zukunft?» des Forums Kirche & Wirtschaft teil. (no)

Es braucht also eine gewisse Vertrautheit?
Ja, und das bedeutet gar nicht, dass alle Menschen eng befreundet sein müssen. Es reicht schon, wenn man sich zum Beispiel beim Vornamen kennt oder mit den Nachbarn zusammen in einer Whatsapp-Gruppe ist. Während der Corona-Pandemie sind vielerorts Nachbarschaftshilfen entstanden.

Welche Alternativen gibt es zum traditionellen Engagement in einem Verein?
Heute sind Eigenmotivation, Freiräume und Spass an der Freiwilligenarbeit entscheidend. Menschen wollen sich nicht als Vollstrecker einer Aufgabe wahrnehmen, die von jemand anderem definiert wurde. Inzwischen gibt es Freiwilligenprojekte, die diesen Ansprüchen gerecht werden. In Basel etwa ist die Facebook-Gruppe «Gärngschee» gegründet worden, die sich für armutsbetroffene Menschen engagiert.

Was zeichnet diese Initiative aus?
Anders als bei einem traditionellen Verein ist die Zutrittsschwelle dort sehr niedrig: Jeder hat die Möglichkeit, sein Engagement selbst zu bestimmen und er kann es auch jederzeit beenden. Solche Initiativen sind eine Art von Ökosystem, in dem viele Menschen locker miteinander verbunden sind und sich nach eigenem Gutdünken einbringen können. Das erlaubt es den Beteiligten, von den Ressourcen des Systems zu profitieren, um ihre Ideen umzusetzen. So hatten Teilnehmende von «Gärngschee» beispielsweise die Idee, ein Schulstarterkit für armutsbetroffene Kinder zu erstellen.

Oft ist zu hören, die Jungen seien weniger bereit, sich zu engagieren. Nehmen Sie das auch so wahr?
Jüngere Menschen engagieren sich tendenziell tatsächlich weniger als etwa Pensionierte, die besonders aktiv sind – zumindest wenn man formelles Engagement betrachtet. Ein Grund dafür ist: Heute sind mehr Frauen erwerbstätig, und gleichzeitig investieren Eltern mehr Zeit in die Kinderbetreuung. Junge Menschen berichten über mehr Zeitstress als früher. Insbesondere für langfristige Engagements bleibt dann nicht mehr viel Zeit. In einer alternden Gesellschaft gleicht sich das jedoch aus.

Um das zivilgesellschaftliche Engagement zu stärken, fordern Verbände einen unbezahlten Freiwilligenurlaub. Was halten Sie davon?
Es ist eine schöne Idee, aber der Teufel steckt im Detail. Zum einen ist es nicht einfach, zu definieren, was genau als Freiwilligenarbeit gelten soll. Zum anderen besteht die Gefahr, dass der Charakter der Freiwilligkeit durch solche Anreize verloren geht. Menschen könnten sich dann eher wegen der Belohnung engagieren als aus innerer Motivation.

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