Imame wollen für bessere Integration sorgen

Eine Weiterbildung für Imame und muslimische Betreuungspersonen stösst im Kanton Zürich auf reges Interesse. Denn diese hätten ein Bedürfnis, den Schweizer Kontext noch besser kennenzulernen und sich zu vernetzen, sagt Abduselam Halilovic von der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ).

Viele Imame seien theologisch sehr gut ausgebildet, wünschten sich jedoch mehr Informationen zum Leben in der Schweiz, sagt Abduselam Halilovic von der VIOZ.

Abduselam Halilovic, warum brauchen Imame eine Weiterbildung?
Das Angebot richtet sich auch an muslimische Betreuungspersonen, also etwa an Jugend- oder Frauengruppenleiterinnen. Viele von ihnen sind theologisch sehr gut ausgebildet, aber sie haben Fragen zum Kontext hier in der Schweiz.

Wie meinen Sie das?
Imame und Betreuungspersonen bringen in der Schweiz häufig verschiedene Rollen unter einen Hut. Sie machen Familienberatungen, Jugendprojekte und unterrichten Kinder. Das ist teilweise eine Herausforderung. Die Weiterbildung geht genau solche Themen an. So lernen sie etwa die Angebote der Behörden kennen. Kommt jemand mit Schulden, dann können sie diese Person an eine Schuldenberatungsstelle verweisen. Oder es wird vermittelt, wie sie ein attraktives Programm für Jugendliche gestalten können, die hier aufgewachsen sind. Für den Religionsunterricht von Kindern lernen sie religionspädagogische Ansätze kennen, die dem Schweizer Kontext gerecht werden.

Warum macht der Kontext «Schweiz» so einen grossen Unterschied?
Viele Imame und Betreuungspersonen kommen aus einem Land, wo der Islam die Mehrheitsreligion ist. Hier sind wir eine Minderheit. Das bringt andere Herausforderungen mit sich. Es geht um Fragen von Integration und Teilhabe an der Gesellschaft. Wir werden vor allem darauf aufmerksam, wenn es um Probleme geht.

Zur Person

Abduselam Halilovic (30) ist Präsident und Medienverantwortlicher der VIOZ. Er studierte Islamwissenschaft an der Universität Zürich und arbeitet als Assistent der Geschäftsführung und muslimischer Seelsorger bei der Muslimischen Seelsorge Zürich.

Woran denken Sie da?
Etwa an die Handschlagdebatte, einige muslimische Jugendliche in Basel-Land wollten einer Lehrerin die Hand nicht geben. Hier könnte ein Imam vermittelnd wirken. Es soll aber nicht nur um Probleme gehen. Sondern auch darum, wie Muslime und Musliminnen einen positiven Beitrag in der Gesellschaft leisten können.

Diese Weiterbildung richtet sich nur an Imame und Betreuungspersonen aus Zürich – warum?
Die Betreuungspersonen brauchen lokale Kontakte. Ein Jugendleiter aus Regensdorf muss nicht die Integrationsfachstelle im Kanton Genf kennenlernen, sondern jene in Zürich. Auch die Vernetzung mit anderen Betreuungspersonen ist sehr wichtig.

Wie ist die Idee für diese Weiterbildung entstanden?
Die VIOZ hatte in der Vergangenheit bereits mehrfach eine ganze Imam-Ausbildung in der Schweiz angeregt. Dafür gibt es aber keine Rechtsgrundlage, weil islamische Gemeinschaften nicht öffentlich-rechtlich anerkannt sind. Eine Weiterbildung ist jedoch gut möglich. Dabei können diejenigen Fragen behandelt werden, die die Imame besonders beschäftigen. Deshalb haben wir dann gemeinsam mit der Universität Fribourg und dem Kanton Zürich diese Weiterbildung entwickelt. Und es zeigt sich, das Bedürfnis ist wirklich da.

«Wir Muslime und Musliminnen sind sehr interessiert daran, Radikalisierung zu bekämpfen. Uns fehlen oft einfach die Ressourcen dazu.»

Woran machen Sie das fest?
Wir haben 20 Plätze zu vergeben, es haben sich 36 Personen angemeldet. Wir organisieren einen zweiten Lehrgang, damit wirklich alle teilnehmen können, die die Bedingungen erfüllen.

Wer darf dabei sein?
Vor allem müssen die Imame und Betreuungspersonen ehrenamtlich oder beruflich in einer muslimischen Gemeinschaft tätig sein. Sie müssen auch ein Empfehlungsschreiben vorweisen, sowie einen Strafregister- und Betreibungsregisterauszug einreichen.

Geht es in der Weiterbildung auch um Extremismus und Radikalisierung?
Ja, das ist ein Teil der Weiterbildung. Die Teilnehmenden lernen Fachstellen kennen und können sich vernetzen. Wir Muslime und Musliminnen sind sehr interessiert daran, Radikalisierung zu bekämpfen. Uns fehlen oft einfach die Ressourcen, um das professionell anzugehen.

«Es ist eine Form der sozialen Anerkennung für die Musliminnen und Muslime. Wir gehören zum Kanton.»

Die VIOZ organisiert diese Weiterbildung gemeinsam mit der Universität Fribourg und dem Kanton Zürich. Was erhofft sich der Kanton von dieser Weiterbildung?
Ich kann nicht im Namen des Kantons sprechen. Aber die Förderung der Teilhabe ist eines der Zürcher Legislaturziele. Diese Weiterbildung ist sicherlich Teil davon, spezifisch für die muslimische Gemeinschaft. Für die Behörden ist es wichtig, Ansprechpersonen in der muslimischen Gemeinschaft zu haben, zu Fragen wie Integration oder Sicherheit. Und es ist auch eine Form der sozialen Anerkennung für die Musliminnen und Muslime. Wir gehören zum Kanton.

Bieten andere Religionsgemeinschaften auch solche Weiterbildungen an?
Mir sind keine bekannt. Bei uns als VIOZ war einfach der Wunsch da, sich konkret und  professionell weiterzubilden.