Asylwesen

«Ich habe grossen Respekt vor den kommenden Monaten»

Was bedeutet die Corona-Pandemie für Menschen, die in die Schweiz geflüchtet sind? Beatrice Teuscher und Philipp Koenig, Seelsorgende im Bundesasylzentrum Ziegler in Bern, erzählen von Quarantänesituationen auf wenigen Quadratmetern und der Sorge vor einem unsicheren Winter.

Auf das Nötigste begrenzt: Ein Zimmer in einem Bundesasylzentrum. (Bild: Keystone / Christian Beutler)

Frau Teuscher, Herr Koenig – die Corona-Pandemie dauert nun schon neun Monate, jüngst wurden die Massnahmen wieder verschärft. Wie geht es den Menschen im Bundesasylzentrum angesichts dieser Situation?
Beatrice Teuscher: Ein Bundesasylzentrum ist generell eine Herausforderung für die Menschen. Sie müssen auf viele Dinge verzichten, die normalerweise zum Leben dazugehören, etwa auf das Verbundensein mit anderen. Das führt oft zu grosser Einsamkeit. Hinzu kommen die Langeweile und das Warten, was hier schnell zu einem gefühlten Dauerzustand wird. Corona hat das verstärkt.

Inwiefern?
Beatrice Teuscher: Vor allem zu Beginn dauerten die Verfahren teilweise länger und manche Asylsuchenden konnten nicht in andere Kantone transferiert werden. Bei vielen entstand dadurch der Eindruck, sie steckten fest, es gehe nicht weiter. Aktuell gibt es eine Unsicherheit in Bezug auf die Dublin-Verfahren. Die Asylsuchenden wissen nicht sicher, ob die Corona-Situation eine Rückführung in einen anderen europäischen Staat erlaubt und ob die Gefahr sich anzustecken dort grösser ist als hier. Das alles hat negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Menschen.

Philipp Koenig: Gerade Menschen, die schon lange unterwegs sind, spüren die momentane Einschränkung der Bewegungsfreiheit sehr. Auch Quarantäne-Situationen sind in einem Asylzentrum ungleich schwieriger auszuhalten. Wenn wir zehn Tage zu Hause bleiben müssen, dann haben wir dafür eine mehr oder weniger geräumige Wohnung mit vielen Annehmlichkeiten zur Verfügung. Die Asylsuchenden haben ein Zimmer – und das müssen sie oft noch teilen. Das ist hart.

Spüren Sie einen Unterschied zwischen der jetzigen Situation und dem Lockdown im Frühjahr?
Beatrice Teuscher: Der wichtigste Unterschied sind sicher die Grenzschliessungen. Wir erleben manchmal die Situation, dass ein Familienmitglied – etwa der Vater oder die Mutter – alleine vorausgeht, versucht in Europa Asyl zu erhalten und die Familie dann nachzieht. Dieses Konzept wurde im Lockdown durchkreuzt. Es gab aber auch die umgekehrte Situation: Asylsuchende, die freiwillig in ihr Heimatland zurückwollten, weil sie etwa von einem kranken Angehörigen erfuhren. Doch das ging nicht, die Grenzen waren zu, es gab keine Flüge. Das waren zum Teil bittere Geschichten.

Philipp Koenig: Auf der anderen Seite stelle ich jetzt ein gewisses Abfinden mit den Massnahmen fest. Abstand halten, Hände waschen, Maske tragen – das alles ist mittlerweile gut akzeptiert. Im Frühling war das schwieriger, zum Teil auch, weil die Platzverhältnisse den nötigen Abstand gar nicht zuliessen. Mittlerweile sind neue Zentren aufgegangen und es hat sich eine Routine entwickelt, wer beispielsweise wann zum Essen geht und welcher Weg dafür genommen werden muss.

Beatrice Teuscher: Das stimmt, hier gab es eine Beruhigung. Am Anfang war die Situation für alle neu und wohl auch überfordernd. Massnahmen mussten sehr schnell umgesetzt werden, es gab zu wenig Masken und Desinfektionsmittel. Das betraf die ganze Schweiz, klar. Doch in einem Zentrum, wo man so nah aufeinander hockt, führt das schnell zu Spannungen.

«Unsere Arbeit funktioniert über ein Medium wie das Handy nicht gut – zumindest, wenn wir den Menschen noch nicht kennen.»
Beatrice Teuscher

Nun steht der Winter bevor – und damit viele Unsicherheiten in Bezug auf die Pandemie.
Beatrice Teuscher: Die Zeit von November bis Februar ist bei uns immer sehr belastet. Die Dunkelheit, das schlechte Wetter – das ist gerade für Menschen aus südlichen Ländern schwer wegzustecken. Bis jetzt stelle ich zwar noch nicht fest, dass es den Asylsuchenden in diesem Jahr schlechter ginge als sonst. Aber vielleicht kommt das noch. Ich habe grossen Respekt vor den nächsten Monaten.

Wie haben Sie Ihre Arbeit an die Situation angepasst?
Beatrice Teuscher: Im Frühling haben wir versucht, die Kontakte via Handy zu intensivieren, vor allem bei den Menschen, die wir, da sie zur Risikogruppe gehörten, nicht aufsuchen sollten. Das hat aber nicht funktioniert.

Beatrice Teuscher

Beatrice Teuscher (50) arbeitet in einem Pensum von 50 Prozent im Bundesasylzentrum Ziegler in Bern. Daneben hat sie ein kleines Pensum als Pfarrerin an der Friedenskirche Bern.

Warum nicht?
Beatrice Teuscher: Womöglich weil die Asylsuchenden ohnehin schon die ganze Zeit am Handy waren und dann nicht auch noch mit den Seelsorgenden chatten wollten. Wir haben aber auch festgestellt, dass unsere Arbeit über ein Medium schlicht nicht gut funktioniert – zumindest dann, wenn wir den Menschen noch nicht kennen.

Philipp Koenig: Vielleicht müssen wir an dieser Stelle kurz erklären, wie genau wir Seelsorge verstehen …?

Bitte.
Philipp Koenig: Wir arbeiten aufsuchend, beziehungsorientiert und situationsbedingt. Das bedeutet, dass wir auf die Menschen zugehen, sie ansprechen und zuhören, was sie hier und in diesem Moment brauchen.

Beatrice Teuscher: Wir sind also viel in den Gängen unterwegs, stellen uns zu den Menschen in die Raucherecke oder setzen uns im Aufenthaltsraum dazu. Wir fragen, wie es geht, und manchmal ergibt sich daraus ein Gespräch. Die Funktion der Pfarrerin stelle ich dabei nicht unbedingt in den Vordergrund, denn das kann auch verwirren. Ich habe zum Beispiel einmal das italienische Wort «pastore» verwendet, was als «Schafhirtin» interpretiert wurde. Aufzulösen, was ich denn hüte, war ziemlich lustig.

Philipp Koenig: Ich fahre recht gut mit der Erklärung, dass ich «von den Kirchen» bin. Mit «den Kirchen» verbinden die meisten Asylsuchenden Institutionen, die grundsätzlich für alle da sind, für Gläubige, für Ungläubige und alle dazwischen, und nicht nur für Christen oder sogar nur Protestanten.

Hat sich durch das revidierte Asylgesetz, das seit gut anderthalb Jahren in Kraft ist, und durch die verkürzten Verfahren etwas an diesem Ansatz geändert?
Philipp Koenig: Der Grundgedanke der Seelsorge ist derselbe geblieben. Auch ob jemand nun 90 Tage im Zentrum bleibt oder 140, macht keinen grossen Unterschied. Wir stellen aber fest, dass in den verkürzten Verfahren der psychische Zustand der Asylsuchenden nicht immer genügend gewichtet wird. Da geht es zum Beispiel um Erlebnisse mit Menschenhandel und Gewalt oder um Kriegstraumata.

«Ich empfinde die Erfahrung von Verletzlichkeit und Unsicherheit als heilsam. Gerade im Asylbereich sind Menschen schon immer mit solchen Gefühlen konfrontiert.»
Philipp Koenig

Dennoch bleibt die Frage: Wie funktioniert Seelsorge, wenn man einen Menschen nur zwei-, dreimal kurz sieht, bevor es weitergeht ins nächste Zentrum?
Beatrice Teuscher: Natürlich, wenn jemand stark belastet ist, dann braucht es mehr als diese zwei, drei Begegnungen. Wir vergewissern uns, dass die Asylsuchenden mit den richtigen Fachleuten in Kontakt kommen, und hoffen, dass das Netz auch in diesen Fällen hält. Als Seelsorger sind wir aber ohnehin keine Therapeuten, die Langzeitbegleitung machen können. Unsere Aufgabe ist es, dem Gegenüber eine Begegnung zu ermöglich, damit er oder sie sich öffnen kann. Dass er oder sie einfach als Mensch wahrgenommen wird und nicht als Patientin oder Nummer im System. Selbst wenn das nur punktuell stattfindet, kann das schon heilsam sein.

Philipp Koenig: Wenn die Person das wünscht, können wir ausserdem weitere Hilfe vermitteln – ein erneutes Gespräch mit der Anwältin zum Beispiel.

Philipp Koenig

Philipp Koenig (54) ist reformierter Gemeindepfarrer in Bern-Bümpliz und arbeitet zudem einen Tag pro Woche im Bundesasylzentrum Ziegler in Bern.

Und wie hat Corona Ihre Arbeit beeinflusst? Zwei Meter Abstand beispielsweise sind für ein persönliches Gespräch ja ziemlich viel.
Philipp Koenig: Ich empfinde einen Händedruck in der Seelsorgearbeit als sehr wichtig. Wenn man jemanden besser kennt, vielleicht auch mal eine Berührung an der Schulter. Das alles fällt nun weg, was nicht immer einfach ist. Und dann natürlich die Masken. Ich finde es schwieriger, Kontakt mit jemandem herzustellen, wenn ich das Gesicht nicht sehe und weiss, dass das Gegenüber mein Gesicht auch nicht vollständig sieht.

Beatrice Teuscher: Wenn wir in einem Gespräch nicht weiterkommen, brauchen wir ausserdem oft die Handys zum Übersetzen. Die gehen dann hin und her, was jetzt nicht mehr passieren darf. Ich muss mich wahnsinnig konzentrieren, nicht in solche Fallen zu tappen.

Seelsorge kann emotional herausfordernd sein. Fällt es Ihnen in diesem speziellen Jahr schwerer, mit der Belastung umzugehen?
Philipp Koenig: Ich merke, dass Fragen der Verunsicherung und Verletzlichkeit nun auch mich betreffen. Mir ist bewusster, dass ich krank werden kann oder dass ich anderen schaden könnte, indem ich das Virus ins Zentrum einschleppe. Herausfordernd ist auch, dass ich mich immer wieder neu darauf einstellen muss, was jetzt gerade gilt und wie es weitergeht. Allerdings empfinde ich diese Erfahrung durchaus als heilsam. Andere Menschen, gerade im Asylbereich, sind schon immer mit solchen Gefühlen konfrontiert.

Beatrice Teuscher: Die Menschen hier im Zentrum haben ihre Ressourcen oft vollständig aufgebraucht, finanziell, körperlich, seelisch. Viele von ihnen waren monate- oder gar jahrelang unterwegs und sind von ihren Erlebnissen erschöpft. Mir bewusst zu machen, was das heisst, und dann gemeinsam Wege zu finden, wieder Kraft und Energie zu schöpfen – gerade auch weil diese Fragen für mich selbst wegen Corona mehr ins Zentrum gerückt sind –, das war schon eine prägende Erfahrung.