«Ich habe da wohl einen Nerv getroffen»

Das zweite «Wort zum Sonntag» der reformierten Pfarrerin Catherine McMillan schlägt alle Rekorde: Fast 20‘000-mal wurde es im Videoplayer des Schweizer Fernsehens angeschaut und schafft es damit in die Top 3 der beliebtesten Kultursendungen 2016. Die Dübendorfer Pfarrerin erhielt auf die Sendung Reaktionen aus der ganzen Welt.

Catherine McMillan im «Wort zum Sonntag» vom 5. November 2016. (Bild: Printscreen «Wort zum Sonntag»)

19‘420 Views verzeichnet die Sendung «Wort zum Sonntag» vom 5. November im Player des Schweizer Fernsehens (Stand 5.1.). Zum Vergleich: Durchschnittlich rund 1‘000-mal wurde letztes Jahr ein «Wort zum Sonntag» angeklickt. In den letzten Jahren erreichte nur Sibylle Forrer im März 2015 mit dem Thema «Ehe für alle» einen ähnlich hohen Wert (rund 15‘000 Views).

McMillan schildert in der Sendung zum Reformationssonntag, wie die Reformation zum eigenen, kritischen Denken angeregt hat und welche Rolle dabei die Übersetzung der Bibel spielte. Unter dem Titel «Bibel lesen ist kritisch» greift sie die Verfolgungsgeschichte von anders denkenden christlichen Gemeinschaften auf, namentlich die Geschichte der Täufer. Sie erinnert daran, dass Freikirchen wie Landeskirchen «Kinder der Reformation» seien.

 

Grosses Echo

Auf Anfrage, wie sie sich die hohen Zuschauerzahlen erklärt, offenbart McMillan: «Ich war selber sehr überrascht.» Über 100 Zuschriften habe sie nach der Sendung erhalten, auch aus Spanien, Deutschland und den Philippinen. «Da habe ich wohl einen Nerv getroffen.» Nachkommen von Täufern hätten ihr ihre Familiengeschichte erzählt. Das habe ihr einmal mehr gezeigt, dass da noch tiefe Verletzungen seien. «Die 300-jährige Verfolgung der Täufer ist noch nicht überall genügend thematisiert worden», stellt McMillan fest.

Auch Kollegen aus der Landeskirche und reformierte und katholische Gemeindemitglieder hätten sich für ihre Worte bedankt, sagt McMillan. «Viele stossen sich an der herabsetzenden Kritik von Andersglaubenden. Sie stellen in den Medien ein ungehemmtes Bibel- und Freikirchen-Bashing fest.» Zudem sei oft beklagt worden, dass in manchen Sekteninfostellen keine theologisch ausgebildeten Personen arbeiten würden.

 

Gleiches Fundament

Anlass für ihr Plädoyer im «Wort zum Sonntag» war ein Artikel im «Blick», wie McMillan erklärt. Die Zeitung habe in Zusammenarbeit mit einer Sekteninfostelle die auffälligsten Sekten in der Schweiz aufgelistet, darunter auch evangelische Minderheitskirchen. «Ich fand es unmöglich, dass Freikirchen in den gleichen Topf mit Scientology, den Zeugen Jehovas oder der Kirschbaumblütengemeinschaft geworfen wurden.» Seit Jahren würden Freikirchen in die Sektenecke gestellt, so McMillan.

«Viele Freikirchen teilen dieselben theologischen Grundsätze wie die Landeskirchen», betont die Reformationsbeauftragte der Zürcher Landeskirche. «Die Reformatoren haben dazu aufgerufen, die Bibel zu lesen und sich ein eigenes Urteil zu bilden.» So habe die Reformation zur Entstehung verschiedener Gruppen mit verschiedenen Nuancen geführt. Dieser Zusammenhang sei vielen nicht klar und habe wahrscheinlich zu einem Aha-Erlebnis geführt. «Vielleicht auch deshalb die grosse Resonanz», vermutet McMillan.

Umso mehr ist ihr wichtig, dass Begriffe wie «Freikirche», «Sekte» oder «Fundamentalismus» theologisch und gesellschaftspolitisch verantwortlich diskutiert werden. «Die Religionsfreiheit wird sonst unterdrückt.»

 

Podestplatz

Wegen der vielen Klicks gehört «Bibel lesen ist kritisch» mittlerweile zu den fünf beliebtesten Kultursendungen 2016, wie das Schweizer Fernsehen am 20. Dezember auf seiner Website mitteilte. Zwar erscheint McMillans «Wort zum Sonntag» da erst ganz am Ende der 5er-Liste, würde aber nach Klickzahlen nach dem «Literaturclub» und dem «Kulturplatz» zurzeit den 3. Platz erreichen.

 

Raphael Kummer / ref.ch
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

Das «Wort zum Sonntag» vom 5. November 2016

Die beliebtesten SRF-Kultusendungen 2016