«Ich erlebe gerade eine starke Emanzipationsbewegung»

Wenn Entwicklungszusammenarbeit erfolgreich sein will, darf sie die Rolle der Geschlechter nicht ignorieren – davon ist Magdalena Zimmermann überzeugt. Anlässlich einer interreligiösen Fachtagung spricht die stellvertretende Direktorin von Mission 21 über das zunehmende Selbstbewusstsein von Frauen und den Umgang mit den eigenen Geschlechterbildern.

Magdalena Zimmermann, eine der Rednerinnen an der Fachtagung «Geschlechter-Rollen in den Religionen» von Mission 21. (Bild: Dorothee Adrian)

Frau Zimmermann, welche Rolle spielen Geschlechter-
fragen in der Entwicklungszusammenarbeit?
Wenn man diese Fragen vernachlässigt, geht es uns wie vor vielen Jahren in der Provinz Kwango im Kongo. In der Landwirtschaft dort ist schwere Arbeit Frauensache, die Frauen haben alle einen ganz krummen Rücken vom vielen Schleppen. Wir dachten deshalb, es könnte hilfreich sein, wenn wir einen Bauern von dort einmal in die Schweiz einladen, damit er sieht, wie das bei uns läuft.

Klingt interessant. Was ist passiert?
Die Gastgeber waren freikirchlich geprägte Bergbauern, auf ökonomischer und religiöser Ebene gab es also etliche Gemeinsamkeiten. Auch bei den Schweizern waren zudem die Geschlechterrollen klar festgelegt. Aber die schweren Arbeiten sind in der Schweiz ganz klar Männersache. Das hat den Gast aus dem Kongo aber überhaupt nicht beeindruckt. Als ich ihn vor ein paar Jahren besucht habe, hatte sich rein gar nichts geändert.

Wie hätten Sie das stattdessen angehen müssen?
Ein Weg ist, das Selbstbewusstsein der Frauen zu stärken. In dieser Gegend sind die Menschen sehr religiös. Deshalb arbeiten wir viel mit der Bibel und zeigen, dass es dort gleichberechtigte Frauen gibt, die ihre eigene Würde haben. In unseren Kirchen unterstützen wir viele Frauengruppen, die wir regelmässig treffen. Da geht es zum einen um den geistlichen Austausch: Welche Rechte habe ich als Tochter Gottes? Zum anderen geht es um ganz praktische Fragen: Wie können wir unsere Existenz besser absichern? Und dann wird vielleicht aus der gemeinsamen Kasse eine Nähmaschine für eine Frau gekauft oder Kochgeschirr, das sie auf dem Markt verkaufen kann.

Was erleben Frauen aus Europa, die in diesen Ländern arbeiten?
Wenn eine Frau als Ärztin oder Pflegefachfrau in einem Projekt vor Ort mitarbeitet, muss sie erst einmal darum kämpfen, dass man sie ernst nimmt, obwohl sie kein Mann ist. Andererseits darf sie ihre europäischen Vorstellungen von Geschlechterbeziehung nicht absolut setzten. Sie muss sich an die Gebräuche vor Ort anpassen, ohne sich aufzugeben. Zum Beispiel Männer mit einem Knicks begrüssen, weil man das in diesem Stamm eben so macht. Wenn sie das nicht machte, würden sich die Männer jedes Mal so aufregen, dass sie verloren hätte, bevor sie überhaupt angefangen hat.

Im Flyer zur Fachtagung, an der Sie teilnehmen, heisst es, «was Mädchen tun und Knaben lassen sollen, wird häufig mit Bezug auf die heiligen Schriften legitimiert.» Ganz konkret: Fördert die Religion patriarchalische Verhältnisse?
Das ist eine schwierige Frage. Religion ist immer ambivalent. Sie kann dazu benützt werden, die Diskriminierung zu verstärken. Auf der anderen Seite erlebe ich in unseren Partnerkirchen gerade eine sehr starke Emanzipationsbewegung. Da prägen starke Frauen selbstbewusst das Leben ihrer Kirche, und die nehmen die Ermächtigung dazu aus dem Glauben.

Gerade im Zusammenhang mit muslimischen Einwanderern wird oft argumentiert, dass deren Frauenbild der Integration im Weg stehe. Was für Herausforderungen kommen auf uns zu, wenn Menschen aus patriarchal geprägten Ländern nach Europa migrieren?
Das hat nicht primär etwas mit Muslim oder Christ zu tun. In Deutschland hat eine Studie sogar gezeigt, dass muslimische Einwanderer aus dem Iran die Hausarbeit gerechter verteilen als die Einheimischen. Das hat damit zu tun, dass iranische Einwanderer oft aus der Mittel- oder Oberschicht kommen und sehr gut ausgebildet sind. In solchen Verhältnissen lässt sich Geschlechtergerechtigkeit leichter durchsetzen als bei wenig gebildeten, ökonomisch schwachen Menschen.

Und wie kann man die Frauen aus solchen unterprivilegierten Schichten fördern?
Ganz wichtig sind niederschwellige Angebote, zum Beispiel Sprachkurse auf dem Spielplatz. Das wirkt viel besser, als den Frauen einen Flyer ins Haus zu schicken.

Wie müssen wir unsere eigenen Vorstellungen überdenken, damit es zum Dialog kommt?
Wir müssen uns klar werden, welche Werte für uns grundlegend sind. Wir können Wert auf Gleichberechtigung in Bildung und Berufswahl legen, müssen aber nicht fordern, dass Migranten alle bei uns üblichen Rollenmodelle menschlichen Zusammenlebens übernehmen. Wenn eine Frau an die Uni gehen kann, ist es zweitrangig, ob sie dabei ein Kopftuch trägt.

Vor fünfzig Jahren sah es in dieser Hinsicht bei uns ja auch noch ganz anders aus.
Unbedingt! Ich selbst war ja noch ein «Fräulein» und habe in der Schule gelernt, dass ich kein Stimmrecht habe und bei grösseren Einkäufen meinen Mann fragen muss. Wir idealisieren oft unsere eigene Situation und sehen nur die schlechte Praxis bei den anderen.

Pfarrerin Magdalena Zimmermann ist stellvertretende Direktorin von Mission 21 und leitet dort die  Abteilung «Bildung Austausch Forschung».