«Das darf nicht passieren»: Schweizer Hilfswerke kritisieren Oxfam

Mitarbeitende des britischen Hilfswerks Oxfam sollen Frauen in Haiti und im Tschad sexuell missbraucht und deren Not ausgenützt haben. Die Schweizer Hilfswerke Heks, Mission 21 und Brot für alle äussern sich enttäuscht über die Vorfälle. Selber versuchen sie mit Verhaltenskodizes und Mitarbeiterschulungen Missbräuchen vorzubeugen.

Das Hilfswerk Oxfam sorgt zurzeit für negative Schlagzeilen. (Bild:Wikimedia/Public Domain)

Der Missbrauchsskandal rund um Oxfam zeitigt Folgen: Die Schweiz stoppt ab sofort die Zahlungen an die internationale Organisation. Das Hilfswerk hat einen Reputationsschaden davongetragen. Mittlerweile sind auch in anderen internationalen NGOs – unter anderem bei Médecins sans Frontières – Missbrauchsfälle publik geworden.

Auch wenn Entwicklungsarbeit zurzeit für negative Schlagzeilen sorgt: Auf Schweizer Hilfswerke wie Heks, Mission 21 und Brot für alle haben die negativen Schlagzeilen bisher keine konkrete Auswirkungen, wie eine Nachfrage von ref.ch ergab. Auf die leichte Schulter nehmen die Hilfswerke die Missbrauchsfälle allerdings nicht. Heks-Sprecher Olivier Schmid bezeichnet den Vorfall als «sehr bedauerlich»: «Das schadet der Glaubwürdigkeit.»

«Doppelt inakzeptabel»

Auch für Lorenz Kummer, Sprecher von Brot für alle, ist der Oxfam-Skandal «doppelt inakzeptabel». Er verurteilt zum einen das fehlbare Verhalten der Mitarbeitenden vor Ort: «So etwas darf nicht passieren.» Zum anderen kritisiert er die mangelnde Kommunikation seitens von Oxfam: «Der Fall war intern seit 2011 bekannt. Wenn so etwas vorfällt, muss man sofort reagieren und öffentlich kommunizieren.» So sieht es auch Heks-Sprecher Olivier Schmid: «Transparenz ist in so einem Fall unerlässlich. Die Spender und die Öffentlichkeit haben ein Recht darauf, darüber informiert zu werden.»

Der Vorfall bei Oxfam ist tragisch – und er ist kein Einzelfall. Fakt ist: Mitarbeitende von Entwicklungsprojekten arbeiten häufig in Kontexten, die von grossen Machtgefällen, Konflikten und Gewaltkulturen geprägt sind. Diese Umstände begünstigen sexuellen Missbrauch, Korruption und Ausbeutung von Not. Das ist Hilfswerken bewusst. Heks, Mission 21 und Brot für alle setzen darum zum einen auf verbindliche Verhaltenskodizes und Leitlinien, um Machtmissbrauch – auch sexueller Art – und Korruption vorzubeugen.

Heks kennt beispielsweise einen vierseitigen Verhaltenskodex, den alle Mitarbeiter unterzeichnen. Ein Absatz darin thematisiere den Missbrauch der Position und der Machtstellung, wie Olivier Schmid erklärt. Darin sei detailliert aufgelistet, wie sich Mitarbeitende gegenüber Hilfsempfängern zu verhalten haben: «Eine sexuelle Beziehung zwischen Begünstigten und Mitarbeitenden wird explizit untersagt.» Zudem würden auch Fragen zu Kinderschutz und Korruption thematisiert.

«Der Verhaltenskodex gilt für alle Mitarbeitenden»

Verbindliche Papiere, die sexuelle Ausbeutung und Machtmissbrauch zum Thema machen, kennt auch Mission 21. Die in Basel verankerte Organisation führt ihre Leitlinien prominent auf der Webseite auf, so Christoph Rácz, Sprecher von Mission 21: «Diese gelten für alle Mitarbeitenden. Wer gegen den Verhaltenskodex verstösst, muss mit Sanktionen rechnen.»

Neben verbindlichen Verhaltensregeln und Leitlinien führen alle drei Hilfswerke regelmässige Schulungen mit Mitarbeitern und lokalen Partnerorganisationen vor Ort durch, denn dass Papiere alleine nicht ausreichen, ist allen drei Hilfswerken bewusst: «Es ist unerlässlich, unsere in den Leitlinien festgehaltenen Werte auch intern auf allen Ebenen zu vermitteln – und diese zu leben», so Heks-Sprecher Olivier Schmid. Dazu gehören bei allen drei Organisationen Workshops zu Gendergerechtigkeit und Machtfragen.

Meldestelle für Missbräuche

Gerade in Partnerländern, in denen zum Teil andere Werte und Gendervorstellungen vorherrschten, sei diese Sensibilisierung unerlässlich, betont Christoph Rácz von Mission 21. Seine Organisation setzt auch auf eine sorgfältige Rekrutierung von Mitarbeitenden und lokalen Partnern: «Wir arbeiten nur mit Fachleuten, deren Kompetenz ausgewiesen ist.»

Für den Fall, dass Missbräuche stattfinden, hat Heks seit einigen Jahren eine Meldestelle für Missbräuche eingerichtet, erläutert Olivier Schmid: «Erste Anlaufstelle sind Vorgesetzte vor Ort. Kann das Problem nicht lokal gelöst werden, können sich Betroffene an die Schweizer Meldestelle richten.» Jeder Fall werde untersucht. Bisher sei allerdings kein Vorfall gemeldet worden. Auch Christoph Rácz sind bisher keine Missbrauchsfälle bekannt. Die Mission 21 habe für solche Fälle zwei externe Ombudspersonen beauftragt.

«Es kann nie hundert Prozent Sicherheit geben»

Die befragten Hilfswerke sind sich der Missbrauchsrisiken bewusst und halten dementsprechende Massnahmen und Strategien bereit. Dass auch dies kein Garant gegen Fehlverhalten ist, macht Lorenz Kummer von Brot für alle klar. Er macht auf die Grenzen von Leitlinien und Prävention aufmerksam: «Auch wenn es bedauerlich ist: Missbrauch kann immer passieren. Es kann keine hundert Prozent Sicherheit geben. Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler.» Dies gelte auch für Hilfswerke.

Allen negativen Schlagzeilen zum Trotz bleibt Kummer optimistisch, was das grundsätzliche Vertrauen der Öffentlichkeit in die Arbeit der Hilfswerke angeht: «Unsere privaten Spenderinnen und die Institutionen, die uns unterstützen, können differenzieren. Sie stellen nicht die ganze Branche unter Generalverdacht wegen dieses Vorfalls.»