Welttag der humanitären Hilfe

Wenn Helfer unter Beschuss geraten

Sie kamen ums Leben bei dem Versuch, anderen zu helfen: 350 humanitäre Helferinnen und Helfer wurden vergangenes Jahr getötet. Am 19. August erinnern die Vereinten Nationen an ihren Einsatz.

Konvois werden beschossen, Mitarbeitende von Hilfsorganisationen entführt, verletzt oder getötet: Der Krieg im Sudan trifft auch die Helferinnen und Helfer. 71 von ihnen kamen 2025 bei ihrem Einsatz in dem nordostafrikanischen Land ums Leben. Seit Beginn dieses Jahres liegt die Zahl laut Angaben der «Aid Worker Security Database» bei elf.

Caritas Schweiz bestätigt gegenüber ref.ch die generell erschwerte Lage für humanitäre Hilfe. «Angriffe auf humanitäre Einsätze nehmen zu», sagt Sprecherin Daria Jenni. Zuletzt sei 2022 ein Angestellter von Caritas Schweiz im Südsudan getötet worden. Lokale Partnerorganisationen in Kriegsländern hätten dieses Jahr schon einige Tote beklagen müssen.

Denis Drichi weiss ebenfalls um die Risiken. «Vor allem die Luftangriffe und Drohnen sorgen für Unsicherheit», sagt der Nothilfe-Koordinator der Welthungerhilfe für den Sudan.

Kollege im Sudan getötet

Der seit mehr als drei Jahren andauernde Krieg zwischen der regulären Armee und den «Rapid Support Forces» hat im Sudan eine der schlimmsten humanitären Krisen der jüngeren Vergangenheit ausgelöst. Nach Angaben der Vereinten Nationen leiden 19 Millionen Menschen akut Hunger. Millionen von Menschen sind auf der Flucht.

Die Welthungerhilfe unterhält 28 Projekte im Sudan, versorgt etwa unterernährte Babys und Kinder mit Spezialnahrung. Das Kampfgeschehen sei eine grosse – und mitunter tödliche – Gefahr für die Mitarbeitenden, sagt Drichi und verweist auf die Einnahme der Regionalhauptstadt Al-Faschir durch die RSF-Miliz vergangenes Jahr. Auch einer seiner Kollegen sei damals getötet worden, erzählt der 40-Jährige.

Angriffe haben zugenommen

Jedes Jahr würdigen die Vereinten Nationen am 19. August den Einsatz humanitärer Helferinnen und Helfer, erinnern an die Gefahren ihrer Arbeit und rufen zur Achtung des humanitären Völkerrechts auf. Weltweit haben Angriffe in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Laut der «Aid Worker Security Database» kamen vergangenes Jahr 350 Helferinnen und Helfer ums Leben, die zweithöchste Zahl nach 2024, als 387 Mitarbeitende von Hilfsorganisationen getötet wurden. Seit Anfang dieses Jahres sind es 84.

Caritas International forderte angesichts dieser Zahlen einen besseren Schutz für Hilfskräfte. Ende Juli sei eine Caritas-Mitarbeiterin bei einem russischen Raketenangriff in der Ukraine ums Leben gekommen. Im Sudan wurden den Angaben zufolge im Juni ein Mitarbeiter eines lokalen Caritas-Partners und ein katholischer Priester bei einem bewaffneten Überfall auf ein Lagerhaus getötet.

«Wenn Helfende getötet, Lager geplündert und Hilfskonvois angegriffen werden, dürfen wir das nicht als unvermeidbare Begleiterscheinung hinnehmen. Wer Helfer angreift, trifft nicht nur einzelne Menschen. Er nimmt Kranken, Kindern und Familien die Hilfe, auf die sie angewiesen sind», sagte der Leiter von Caritas international.

Der mit Abstand gefährlichste Ort für Hilfsorganisationen war laut «Aid Worker Security Database» zuletzt der Gaza-Streifen. 186 Helferinnen und Helfer wurden dort allein 2025 getötet. Ausser dem Sudan nennen die Fachleute die Ukraine, Äthiopien, Syrien, Haiti den Tschad sowie Kamerun als Länder mit einem besonders grossen Risiko.

Völkerrecht «extrem geschwächt»

Länder, in denen auch die medizinische Hilfsorganisation «Ärzte ohne Grenzen» im Einsatz ist. Nach der Wahrnehmung von Christian Katzer, Geschäftsführers der deutschen «Ärzte ohne Grenzen»-Sektion, werden Kriege und Konflikte heute rücksichtsloser ausgefochten als noch vor zehn oder 20 Jahren. «Die Angriffe auf medizinische Einrichtungen und Mitarbeitende haben extrem zugenommen», sagt Katzer.

«Das ist nicht vergleichbar mit früher, als schon ein T-Shirt mit unserem Logo ein guter Schutz war», sagt Katzer. Auch die Verhandlungen mit Regierungen oder bewaffneten Gruppen sei vor wenigen Jahren noch einfacher gewesen. Die Standards des humanitären Völkerrechts seien durch die jüngsten Kriege und Konflikte, etwa in der Ukraine oder im Gaza-Streifen «extrem geschwächt» worden, beklagt er. Hinzukomme eine weitverbreitete Straflosigkeit.

Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht

Seine Kolleginnen und Kollegen von der Welthungerhilfe versucht Nothilfe-Koordinator Drichi bei der Planung von Einsätzen im Sudan bestmöglich zu schützen. Es gebe ein strenges Sicherheitsprotokoll und vor jedem Einsatz würden die Gefahren abgeschätzt. Aber eine 100-prozentige Sicherheit gebe es nicht, sagt Drichi: «Der Krieg hier ist komplex und es kann auch alles anders kommen.»

Die psychische Belastung für die Helfenden sei hoch, vor allem für die sudanesischen Angestellten, berichtet Drichi. Denn sie seien nicht nur selbst in Gefahr, sondern sorgten sich auch um ihre Familien, die teilweise mitten in den umkämpften Gebieten lebten. «Mit diesem permanenten Stress umzugehen, ist nicht immer leicht.»

Drichi selbst kommt aus Uganda, arbeitet aber seit 2022 im Sudan. Seine Familie, die in der ugandischen Hauptstadt Kampala lebe, mache sich häufig Sorgen um ihn, etwa wenn er bei Einsätzen in der Darfur-Region unterwegs sei. «Aber angesichts der grossen Not verstehen sie auch, warum ich hier bin und helfe», sagt Drichi. (epd/ gab)

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