Fürsorgerische Zwangsmassnahmen

«Kinder wurden aus ihren Familien gerissen»

Die Historikerin Julia Rhyner arbeitet die Geschichte der Fürsorgerischen Zwangsmassnahmen im Kanton Glarus auf. Es gehe auch darum, den Betroffenen eine Stimme zu geben.
Zwangsplatzierte Kinder arbeiten 1930 in der Mädchenerziehungsanstalt Mollis (Glarus) für die Selbstversorgung des Heims. (Bild: Thomas Huonker / Guido-Fluri-Stiftung / sda)

Frau Rhyner, es gibt im Kanton Glarus bereits eine Anlaufstelle für Betroffene von Fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Warum braucht es zusätzlich eine Studie?
Die Anlaufstelle war ein wichtiger Schritt, aber die Geschichte der Fürsorgerischen Zwangsmassnahmen im Glarnerland ist noch kaum erforscht. Man weiss, dass viele Kinder und Jugendliche von der Vormundschaftsbehörde aus ihren Familien gerissen und in Heimen oder Pflegefamilien untergebracht wurden. Eine systematische Aufarbeitung fehlt jedoch. Diese Lücke will die Studie schliessen.

Gab es im Glarnerland viele solche Einrichtungen?
Ja, es gab eine Vielzahl von Anstalten, etwa das Idaheim in Näfels, die Linthkolonie in Ziegelbrücke oder das Mädchenheim in Mollis. In den Heimen wurden nicht nur Glarner Kinder untergebracht, sondern teilweise auch Kinder und Jugendliche aus anderen Kantonen.

Zur Person

Julia Rhyner studierte Geschichte und Anglistik an den Universitäten Zürich und Nottingham. Sie übernahm im Zuge eines Projekts zur Reorganisation und Digitalisierung des Klosterarchivs Einsiedeln die Leitung des Bereichs «Aktenerschliessung». Anschliessend war sie als Gymnasiallehrperson für Geschichte tätig und arbeitet heute als freischaffende Historikerin mit Schwerpunkt auf Glarner Geschichte.

Rhyner soll im Auftrag der Glarner Regierung einen Forschungsbericht erarbeiten, der die Fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen im Kanton Glarus untersucht.

Wer betrieb diese Heime – waren kirchliche Träger wie in anderen Kantonen ebenfalls beteiligt?
Ja, auch im Glarnerland spielten kirchliche Institutionen eine wichtige Rolle, etwa in Näfels oder in Braunwald. Das Idaheim in Näfels wurde von katholischen Ordensschwestern geführt, das Flueblüemli in Braunwald von einer evangelischen Diakonischen Schwesternschaft. Daneben gab es aber auch private Einrichtungen wie das Heim St. Maria in Diesbach, das von einer Privatperson gegründet wurde.

Wie gehen Sie bei der Studie vor?
Die Studie hat zwei Ziele: Einerseits geht es um den institutionellen und rechtlichen Rahmen – das geschieht über das Aktenstudium im Glarner Landesarchiv. Es geht darum zu verstehen, wie die Behörden vorgingen, welche Regeln galten und wer Verantwortung trug – vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Achtzigerjahre. Die Studie will andererseits aber auch den Betroffenen eine Stimme geben, ihnen Anerkennung verschaffen und insgesamt einen Beitrag zur öffentlichen sowie wissenschaftlichen Aufarbeitung eines lange tabuisierten Kapitels leisten.

Führen Sie dazu Gespräche mit Betroffenen?
Ja, das ist ein zentraler Teil des Projekts. Denn die Auswirkungen der Fürsorgerischen Zwangsmassnahmen spüren oft auch noch die Nachkommen der direkt Betroffenen. Viele kommen aus zerrütteten Familienverhältnissen oder leben in Armut. Es geht in der Studie also nicht nur um die Vergangenheit, sondern darum, die Gegenwart zu verstehen und etwas für die Zukunft zu lernen.

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