«Geld darf kein Selbstzweck sein»

Schweizerinnen und Schweizer leisten mehr als die Hälfte der Arbeit ohne Bezahlung. Dafür fordert die Frauensynode mehr Anerkennung. Regula Grünenfelder erklärt, warum es dazu ein neues wirtschaftliches Denken braucht.

Weg vom Geld hin zu menschlichen Bedürfnissen: Die Frauensynode will ein Umdenken bewirken. (Bild: Keystone)

Frau Grünenfelder, die Frauensynode macht derzeit auf die Wichtigkeit unbezahlter Arbeit, genauer gesagt Care-Arbeit aufmerksam. Was genau meinen Sie mit Care?
Care heisst Sorge oder Fürsorge. Der Begriff bezeichnet einerseits einzelne Tätigkeiten, darunter die Betreuung von Kindern, Alten oder Bekannten. Andererseits folgt daraus, dass alle Menschen fürsorgeabhängig sind. Gesellschaft und Politik sollten dies anerkennen.

Wie soll man Care-Arbeit anerkennen?
Es braucht ein Bewusstsein dafür, dass Menschen mehr unbezahlte als bezahlte Arbeit leisten. Und diese unbezahlte Arbeit nimmt sogar noch zu. Allein in der Schweiz wurden 2016 eine Milliarde mehr unbezahlte Stunden gearbeitet als im Jahr davor. Diese Verschiebung ist eindrücklich. Im Bruttosozialprodukt taucht sie jedoch nicht auf.

Ist Anerkennung ohne finanzielle Belohnung nicht bloss ein Lippenbekenntnis?
Anerkennen bedeutet natürlich, Konsequenzen zu ziehen. Es gibt schon Modelle, die in diese Richtung gehen. Zum Beispiel mit Betreuungsgutscheinen für Menschen, die Verwandte pflegen. Die Frauensynode will das Bewusstsein schärfen, dass Wirtschaft ein Fürsorge-Anliegen ist.

Die Frauensynode will einen Paradigmenwechsel in der Ökonomie erreichen: «weg vom Geld hin zum Kerngeschäft der Wirtschaft, der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse». Dabei kann Geld doch Fürsorge-Angebote finanzieren.
Geld ist eigentlich ein Mittel zum Zweck, aber es hat sich verselbständigt. Die Ökonomie konzentriert sich nur noch darauf. Das ganze System verhält sich wie ein Suchtkranker, der nur noch für seine Drogen lebt. Wenn Geld das einzige Bedürfnis dieses Systems ist und alle Aufmerksamkeit fordert, ist das der Anfang der Selbstzerstörung.

Inwiefern?
Wir zerstören die Ressourcen der Erde, weil die Rohstoffe nicht ansatzweise so schnell nachwachsen, wie wir sie verbrauchen. Das ist eine Folge unserer Wachstumsökonomie. Das soll nicht heissen, dass Geld schlecht ist. Geld ist eine gute Erfindung, aber es darf kein Selbstzweck sein.

Statt Geld soll die Ökonomie also Care ins Zentrum stellen. Wie wollen Sie das erreichen?
Wir wollen einerseits eine akademische Diskussion darüber anstossen, was Ökonomie ist. Der Verein «Wirtschaft ist Care» entwickelt und bespricht neue Theorien. Wir erleben da eine massive Einschränkung der Themen im Curriculum der Unis. Ausserdem veranstalten wir Denkforen. Zum Beispiel über die geldfokussierte Ökonomisierung der Geburtshilfe. Es ist dramatisch, was auf diesem Gebiet in der Schweiz passiert. Es gibt kaum noch freiberufliche Hebammen, weil die Zulassungen an immer mehr Bedingungen geknüpft werden. Es geht nur noch um Geld, nicht um Nachhaltigkeit.

Werden Sie auch ausserhalb von Universitäts- und Kirchenkreisen aktiv werden?
Der Verein «Wirtschaft ist Care» bewegt sich vor allem ausserhalb der Kirche und ist Teil eines wachsenden europäischen Netzwerks. Die primären Adressatinnen der Frauensynode sind zwar Kirchenfrauen, aber wir haben einen Wirkungskreis darüber hinaus, wir pflegen auch Kontakte zu anderen Berufsgruppen. Eben zum Beispiel zu Hebammen, Pädagoginnen oder Landwirtinnen.

Der synodale Prozess «Wirtschaft ist Care» dauert bis 2020. Können Sie in dieser kurzen Zeit etwas erreichen?
Da bin ich sehr zuversichtlich. Wir fangen ja nicht bei Null an, sondern bauen auf der Arbeit von anderen Vordenkerinnen und Vordenkern. Es gibt bereits eine breite Diskussion in Europa über ein Umdenken der Wirtschaftstheorien und über mögliche Modelle, die nicht nur auf Geld fixiert sind.

Dennoch brauchen grundlegende Veränderungen viel Zeit.

Wir haben nicht den Anspruch, dass bis 2020 alle unsere Ideen umgesetzt sind, aber wir wollen möglichst vielen Leuten in der Schweiz den Perspektivenwechsel näherbringen, seine Notwendigkeit und die Machbarkeit aufzeigen. Es sind keine abgefahrenen Ideen. Sie basieren auf soliden Zahlen und vernünftiger Argumentation. Wir lassen auch offen, wie unser Engagement nach 2020 weitergeht. Es ist wichtig, dass sich die Kirche in diese Diskussion einmischt, es geht ja um Werte. Menschen müssen verstehen, in welchem System sie leben, damit sie handlungsfähig werden.

 


Links zum Thema:

Frauensynode 2020

Verein «Wirtschaft ist Care»