20. Todestag von Dorothee Sölle

Erinnerungen an eine Theologin

Vor zwanzig Jahren ist Dorothee Sölle gestorben. Bleibende Eindrücke hat sie in persönlichen Begegnungen hinterlassen, aber auch durch ihre Texte. Das zeigen diese zusammengestellten Erinnerungsstücke.

Dorothee Sölle stand der protestantischen Kirche stets kritisch gegenüber. (Archivbild: Brigitte Friedrich/ Keystone/ Süddeutsche Zeitung)

Sie war eine umstrittene, aber auch eine einflussreiche protestantische Theologin: Dorothee Sölle. In Köln geboren, studierte Sölle Philosophie und Philologie, wechselte zur Theologie und besuchte auch Germanistik-Vorlesungen. Sie heiratete den Maler Dietrich Sölle, gebar drei Kinder und arbeitete als Gymnasiallehrerin und Journalistin. In den 1960er-Jahren setzte sie sich in Nachtgebeten ein für Pazifismus und Ökologie. 1969 heiratete sie Fulbert Steffensky und wurde erneut Mutter. Am 27. April 2003 erlitt Sölle im baden-württembergischen Göppingen im Alter von 73 Jahren einen Herzinfarkt, an dessen Folgen sie starb.

Zum 20. Todestag haben wir eine reformierte Pfarrerin, einen reformierten Pfarrer, eine Philosophin und einen emeritierten Theologieprofessor gebeten, persönliche Erinnerungsstücke an Dorothee Sölle zu notieren. (jow)

Tanja Oldenhage

Reformierte Pfarrerin

Ich erinnere mich an eine Begegnung mit Dorothee Sölle Ende der 1990er Jahre. Das war an einem Treffen europäischer Theologinnen in den USA. Wir tauschten uns über unsere Arbeit aus. Wir jüngeren Kolleginnen erzählten von unseren Versuchen, antijüdisch belastete christliche Interpretationsmuster aufzubrechen. Wir sprachen auch darüber, wie schwierig wir es fanden, dem Gedenken an die Shoah innerhalb offizieller akademischer Diskurse Platz einzuräumen.

Nach der Diskussion kam Dorothee Sölle auf mich zu und sagte: «Ist das also immer noch ein Kampf.» Sie sagte dies nachdenklich und, wie mir schien, auch etwas beunruhigt so als hätte sie erwartet, dass das Nachdenken über die Shoah in der Forschung inzwischen etabliert sein sollte.

Dorothee Sölle selbst hatte bereits Anfang der 1970er Jahre wichtige Weichen für eine «Theologie nach Auschwitz» gestellt. Ihr Buch «Leiden» hatte ich als Studentin gelesen und es war mit ein Grund, warum ich die Theologie nicht aufgab. In diesem Buch stellte Sölle die Erinnerung an die Shoah ins Zentrum ihres theologischen Nachdenkens. Wie können wir nach Auschwitz daran festhalten, dass ein allmächtiger Gott über uns waltet?

« Sie schenkte mir und vielen anderen Menschen die Möglichkeit, an der christlichen Gottesrede überhaupt festzuhalten. »
Tania Oldenhage

Anders als viele andere Theologen und Theologinnen, deren Bücher ich las, weigerte sich Sölle, diese Frage mit traditioneller Rhetorik zu beantworten oder zu verharmlosen. Auschwitz war für sie nicht nur ein Aufhänger oder ein Beispiel, um über menschliches Leid zu theologisieren.

Für sie waren die nationalsozialistischen Verbrechen eine zentrale Herausforderung für das christliche Denken und änderten die Art und Weise, wie sie von Gott reden wollte. Damit schenkte sie mir und vielen Menschen, die ich kenne, die Möglichkeit, an der christlichen Gottesrede überhaupt festzuhalten.

Tania Oldenhage ist reformierte Pfarrerin an der Johanneskirche in Zürich. Die 53-Jährige hat an der Universität Basel habilitiert, wo sie als Privatdozentin unterrichtet. Oldenhage lebte über zehn Jahre in den USA und lehrte an verschiedenen Universitäten. Sie ist zudem tätig für die feministisch-theologische Zeitschrift Fama. Oldenhage lebt in Zürich.

Peter Weigl

Reformierter Pfarrer

Persönlich begegnet bin ich Dorothee Sölle nie. Aber ihre Bücher und Texte begleiteten mich im Studium in den Neunzigerjahren als stete Korrektur und Provokation für die ausgetreteneren Pfade der Theologie: «Atheistisch an Gott glauben», «Leiden», «Wählt das Leben»,… - für ihre Mystik war ich damals noch zu jung.

Dass Theologie sich in Poesie und Musik verkörpert und leidenschaftlich für die leidenden Menschen Partei nimmt, ist auch mein Credo.

Ein Text, den ich bis heute mit mir trage, ist ihr Gedicht «Der dritte Weg». Darin heisst es: «Wir sehen immer nur zwei Wege, sich ducken oder zurückschlagen, sich kleinkriegen lassen oder ganz gross herauskommen, getreten werden oder treten. Jesus du bist einen anderen Weg gegangen, du hast gekämpft aber nicht mit Waffen, du hast gelitten aber nicht das Unrecht bestätigt, du warst gegen Gewalt, aber nicht mit Gewalt.

Wir sehen immer nur zwei Möglichkeiten, selber ohne Luft zu sein oder andern die Kehle zuhalten. Angst haben oder Angst machen, geschlagen werden oder schlagen. Du hast eine andere Möglichkeit versucht, und deine Freunde und Freundinnen haben sie weiterentwickelt. Sie haben sich einsperren lassen, sie haben gehungert, sie haben die Spielräume des Handelns vergrössert.

« Die Spielräume des Handelns lassen sich vergrössern. Die Verantwortung dafür ist in unsere Hände gelegt. »
Peter Weigl

Wir gehen immer die vorgeschriebene Bahn, wir übernehmen die Methoden dieser Welt. Verachtet werden und dann verachten, die Andern und schliesslich uns selber. Lasst uns neue Wege suchen. Wir brauchen mehr Phantasie als ein Rüstungsspezialist und mehr Gerissenheit als ein Waffenhändler. Und lasst uns die Überraschung benutzen, und die Scham, die in den Menschen versteckt ist.»

Jenseits aller wirtschaftspolitischen Spekulation – und doch mit ganz explizitem Bezug zur Realwirtschaft – steht Dorothee Sölle als eine der Freundinnen Jesu für seine Nachfolge ein: Die Spielräume des Handelns lassen sich vergrössern.

In einer von Gott nicht zu Ende geschaffenen Welt ist die Verantwortung dafür in unsere Hände gelegt. Und lange vor dem aktuellen Schamdiskurs in Psychologie und Theologie setzt Dorothee Sölle dabei auch auf die Kraft des Unbewussten.

Peter Weigl ist Reformierter Pfarrer. Er lebt in Langnau im Emmental.

Geneva Moser

Philosophin, Geschlechterforscherin und Co-Redaktionsleiterin (Bild: Ella Mettler)

Nein, ich kannte Dorothee Sölle nicht persönlich. Nie habe ich einen ihrer Vorträge live gehört, mit ihr ein Glas Wein getrunken, war mit ihr schwimmen oder habe beim politischen Nachtgebet in Köln mitgebetet. Und vermutlich ist mein Sprechen über sie anders. Anders als es ihre Zeitgenoss*innen gerne hätten, es gewohnt sind. Die Diskurse über Religion, über Kapitalismus und Ausbeutung, auch über Geschlecht und über ökologische Fragen haben sich seit Sölles Wirken verändert.

Und trotzdem: Selten habe ich beim Lesen einer Autorin so sehr das Gefühl, dass sie mit mir spricht, genau mit mir und genau jetzt. Weshalb ist das so, was ist so zeitlos an Sölles Denken? Vielleicht ist es die von ihr gelebte, demokratisierte Mystik, eine allen Menschen offenstehende Erfahrung letzter Wirklichkeit.

« In Sölles Worten: «Und wenn in unserem Land jetzt ‹Träumer› ein Schimpfwort wird, dann wollen wir lieber alles dieses sein: Träumer.» »
Geneva Moser

Eine Mystik, die nicht allein innerlich sein kann, sondern das widerständige Nein zu den Verhältnissen, wie sie sind, schon in sich trägt, und gleichzeitig den köstlichen, lustvollen Geschmack des Jas (wie es Fulbert Steffensky in Anlehnung an Hélder Câmara formulierte): Ja zur ganzen Bandbreite an erfahrbaren Emotionen, Ja zu den Widersprüchen der eigenen Person, Ja zur Freude am Schönen in der Musik, der Natur, der Sprache, Ja zu einer handelnden menschlichen Existenz, die sich nicht mit der Rede vom allmächtigen Gottvater aus der Verantwortung stehlen kann, Ja zum beherzten Loben (ohne Lügen), Ja zum närrischen Benennen der Macht, Ja zum Gegenwind, und vor allem Ja zur – meinetwegen naiven, utopischen – Hoffnung.

In Sölles Worten: «Und wenn in unserem Land jetzt ‹Träumer› ein Schimpfwort wird und ‹naiv› ein Schimpfwort wird, ‹utopisch› ein Schimpfwort wird, dann wollen wir lieber alles dieses sein: Träumer, naiv, utopisch. Nämlich Narren in Christus.»

Geneva Moser,*1988, ist Philosophin und Geschlechterforscherin und Co-Redaktionsleiterin der Zeitschrift «Neue Wege», die im April Dorothee Sölle eine Schwerpunktausgabe unter dem Titel «Mystik ist Widerstand» gewidmet hat.

Albrecht Grözinger

Evangelischer Pfarrer

Als ich im Jahre 1969 mein Theologiestudium an der Universität Tübingen begann, trat ich in eine beinahe reine Männerwelt ein. Unter den Lehrenden gab es kaum eine Frau, und Theologiestudentinnen waren selten. In dieser Männerwelt gab es ein Gerücht. Und dieses Gerücht trug den Namen Dorothee Sölle. Dem Gerücht ging der Satz voraus, den sie auf dem Kirchentag in Köln im Jahre 1965 sagte: «Wie man nach Auschwitz den Gott loben soll, der alles so herrlich regiert, das weiss ich nicht.» Dieser Satz hat uns Theologiestudierende der 68er-Generation elektrisiert.

Und so griffen wir erwartungsvoll nach ihrem Buch, das im selben Jahr erschienen war «Stellvertretung. Ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes». Der Untertitel war offensichtlich so provozierend, dass sich erst nach längerer Suche ein Verlag fand, der bereit war, das Buch zu drucken. Wenn ich heute das Buch in die Hand nehme, staune ich, wie gründlich ich dieses Buch gelesen haben – mit Unterstreichungen und Doppelunterstreichungen in verschiedener Farbe.

Es war das Buch, das mir den Weg in die Theologie öffnete, und zwar in eine Theologie, in der es keine Denkverbote gab, eine Theologie als ein intellektuelles Denkabenteuer. Dieser Impuls, den ich ganz zweifellos primär von Dorothee Sölle erhalten habe, bestimmt mein theologisches Denken bis auf den heutigen Tag.

Persönlich kennengelernt habe ich Dorothee Sölle dann im zweiten Teil meines Theologiestudiums in Mainz. Gegen grosse Widerstände seitens der Mehrheit der Professoren, aber auch von Kirchenleitungen, haben damals einige wenige Dozierende zusammen mit uns Studierenden einen Lehrauftrag für Dorothee Sölle an der Mainzer Evangelisch-Theologischen Fakultät durchgesetzt.

« Stets klang mir ihr Satz im Ohr: «Denken Sie noch einmal darüber nach.» »
Albrecht Grözinger

Mir begegnete in ihren Seminaren eine offene und zugleich strenge Denkerin. Wenn sie den Eindruck hatte, man sage nur etwas, was ihr gefallen möge, konnte sie einem sehr ruppig das Wort abschneiden. Und umgekehrt bekam man von ihr immer dort Ermutigung, wo man auch etwas Unfertiges oder Unausgegorenes zu formulieren versuchte. «Denken Sie darüber noch einmal nach» – Diesen Satz habe ich oft von ihr gehört.

Mit diesem Satz «Denken Sie noch einmal darüber nach» ist auch mein weiterer Denkweg mit Dorothee Sölle vorgezeichnet. Ich bin ihr nach der Mainzer Studienzeit nur noch einmal begegnet, als wir sie an unserer Basler Fakultät zu Gast hatten.

Gelesen habe ich die weiteren Werke von Dorothee Sölle immer sehr genau. Auch als ich merkte, dass unsere theologischen Denkwege nicht mehr unbedingt parallel verliefen. Gerade dort, wo ich manches anders sah als Dorothee Sölle, klang mir aber stets ihr Satz im Ohr: «Denken Sie noch einmal darüber nach.»

Albrecht Grözinger ist evangelischer Pfarrer. Der 73-Jährige lehrte praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal sowie an den Universitäten von Mainz, Heidelberg und zuletzt Basel. Seit seiner Emeritierung ist er Mitglied der Ombudsstelle der Universität Basel. Grözinger lebt in Basel.