Friedensgipfel kann Kirchenwebsites zusammenbrechen lassen
Als es mit den Hackerangriffen auf die Website der reformierten Kirche Aargau begann, rieben sich die Verantwortlichen die Augen. Für gewöhnlich zählt der Online-Auftritt der Landeskirche 170 Besuche pro Tag. Doch zwischen dem 15. und 17. November 2023 waren es plötzlich 20'000 Zugriffe täglich.
Einen Monat später geriet die Website wieder in ein Klick-Gewitter: Vom 15. bis 16. Dezember wurde sie pro Tag 100'000 Mal aufgerufen. In der Nacht brach die Website schliesslich zusammen. An Weihnachten und Ostern schnellten die Zugriffszahlen ebenfalls in die Höhe – die Landeskirche meldete sich beim Schweizerischen Bundesamt für Cybersicherheit (BACS).
Das BACS ist das jüngste Bundesamt der Schweiz: Es besteht erst seit dem 1. Januar 2024. Doch die Organisation hat bereits seit Juli 2020 als Nationales Zentrum für Cybersicherheit Wirtschaft, Verwaltung und öffentliche Einrichtungen beraten bei Problemen mit Internetbetrug, Computerviren, gekidnappter IT-Infrastruktur oder Lösegeldforderungen.
Das BACS erfasst Cyberangriffe. In der letzten Maiwoche beispielsweise wurden ihm 1272 Fälle gemeldet. Bei den meisten handelte es sich um Betrugsversuche. Beinah 1300 gemeldete Fälle scheinen viel für den Zeitraum von sieben Tagen. Doch eine Woche nach Ostern – nach den letzten Cyberattacken auf die Website der Aargauer Landeskirche – waren beim BACS 2490 Meldungen eingegangen.
Auf Anfrage von ref.ch erklärt das BACS, bei den Vorgängen auf der kirchlichen Website habe es sich um «DDoS-Angriffe» gehandelt. «Das sind Angriffe auf die Verfügbarkeit von Webseiten oder anderen Internetdiensten. Es werden sehr viele Anfragen gleichzeitig versendet, damit diese nicht mehr erreichbar ist», sagt BACS-Sprecherin Manuela Sonderegger.
Hacker würden damit vor allem öffentliche Aufmerksamkeit suchen. Deshalb finden DDoS-Angriffe häufig im Zusammenhang mit gesellschaftlichen oder politischen Ereignissen statt. Sonderegger sagt: «Das BACS geht davon aus, dass vor, während und nach der Friedenskonferenz auf dem Bürgenstock die DDoS-Angriffe auf öffentliche Institutionen wieder zunehmen können.»
Auch die Vorfälle auf der Website der Aargauer Landeskirche standen im Zusammenhang mit wichtigen Terminen: November-Synode, Weihnachten und Ostern. «Es liegt nahe, dass die Landeskirche gezielt angegriffen wurde», sagt Claudia Daniel-Siebenmann, Leiterin Kommunikation der Reformierten Kirche Aargau. Daten seien jedoch nicht gestohlen worden.
Website war kaum geschützt
1. Definieren Sie Prozesse, die im Falle eines Angriffs aktiviert werden können. Erfassen Sie diese in einem Handbuch.
2. Erkundigen Sie sich bei Ihrem Internet Service Provider nach Hilfeleistungen bei einem DDoS-Angriff.
3. Legen Sie eine Abwehrstrategie fest: Bei einem DDoS-Angriff muss man dem Angreifer signalisieren, dass er sein Ziel nicht erreicht. Halten Sie durch, wird er sich von Ihnen abwenden.
4. Überprüfen Sie Ihre öffentlichen E-Mail-Adressen auf Erpressungsschreiben. Zahlen Sie unter keinen Umständen Lösegeld.
5. Protokollieren Sie den Angriff. Aufzeichnungen des Datenstroms oder der Mailverkehr sind wichtig für Strafanzeige und Analyse. Erstatten Sie Strafanzeige bei der Polizei. (dst)
Die Aargauer wurden von den Hackern überrascht. Vor den Angriffen war die Website der Landeskirche nur wenig gegen Angriffe geschützt. «Das war auch nicht nötig», sagt Daniel-Siebenmann. Ein professioneller Anbieter kümmerte sich um die Website, die Kommunikationsabteilung kontrollierte regelmässig die Zugriffszahlen. «Ab dem 15. November schnellten die Zugriffe aus der Türkei, Brasilien, Italien, Spanien und anderen Ländern plötzlich nach oben», erinnert sich Daniel-Siebenmann. An diesem Tag begann die Synode.
Nach der dritten Angriffswelle wurde schliesslich ein Geoblocking eingerichtet, um die Zugriffe auf die deutschsprachigen Länder einzugrenzen. Trotzdem wurde die Website ein viertes Mal arg strapaziert, auch durch Seitenaufrufe von Schweizer IP-Adressen. Danach wurden die Sicherheitsvorkehrungen nochmals erhöht: Seither authentifiziert die Website jeden Besucher.
Die Aargauer Landeskirche hat den Schutz ihres Online-Auftritts wesentlich verstärken lassen und trotzdem sagt die Kommunikationsverantwortliche: «Wir kämpfen noch.» Bis alles abgesichert ist, wird es noch dauern.
So kann man trotz Cyberangriff weiterarbeiten
Daniel-Siebenmann sagt, man habe Glück gehabt. Mehrfach. Die Server für die Website stehen beim Anbieter und sind so leistungsfähig, dass sie die meisten DDoS-Attacken verkrafteten ohne einen Zusammenbruch der Website. Und: Die Landeskirche hat kein Intranet – das womöglich mit der Website hätte verbunden sein können. «So konnten wir auch während der Angriffe weiterarbeiten.»
Bislang haben sich keine weiteren kirchlichen Institutionen beim BACS gemeldet. Claudia Daniel-Siebenmann hat bei anderen reformierten Landeskirchen nachgefragt und sagt: «Sie sind derzeit kaum von solchen Angriffen betroffen.» Doch offenbar kann es jeden treffen. Die Kommunikationsbeauftragte rät, die Webseitenstatistik und die Zugriffszahlen im Auge zu behalten. Hackerangriffe sind dadurch schneller zu erkennen.