Türkei
Frauenrechtlerin legt Kopftuch ab
In der Türkei sorgt die Religionsbehörde Diyanet für politische Diskussionen. In einer Freitagspredigt hiess es jüngst, dass Frauen ihre Reize nicht offen zeigen sollten und das Tragen von Kleidung, die den Körper nicht bedecke oder die Figur betone, verboten sei. Und: «Das Erscheinen in unangemessener Kleidung in der Öffentlichkeit oder an offiziellen Orten ist eine Herausforderung selbst für die einfachsten Anstandsregeln.» Wer zu diesem «Verfall von Moral und Anstand» schweige, mache sich mitschuldig.
Für die Frauenrechtlerin und Historikerin Berrin Sönmez hat die Predigt das Fass zum Überlaufen gebracht. Jahrzehntelang hatte die 64-jährige gläubige Muslimin das Tuch getragen, nun verzichtet sie aus Protest darauf.
Sie habe sich immer geschworen, sollte das Kopftuch eines Tages Pflicht werden, werde sie es ablegen, wie Sönmez im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erklärt. Und diese Gefahr bestehe jetzt. Vor allem der Hinweis auf die «offiziellen Orte» habe Sönmez aufschrecken lassen.
Die Türkei ist laizistisch – Staat und Religion sind per Verfassung getrennt. Bevor der heutige Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine AKP vor mehr als 20 Jahren an die Macht kamen, waren Frauen mit Kopftuch in der Türkei benachteiligt – sie hatten damit keinen Zugang zu Universitäten oder staatlichen Einrichtungen. Erdogan hob die Verbote auf.
Religionsbehörde auf Regierungskurs
Frauenrechtlerinnen wie Sönmez befürchten, dass Erdogan den Spiess quasi umdrehen will. Viele finden das irritierend, denn Frauen ohne Kopftuch und mit freizügiger Kleidung sind in Teilen der Türkei allgegenwärtig - ein Kopftuchzwang wie im Iran ist in der Türkei kaum vorstellbar.
Die Historikerin fürchtet jedoch, dass der Druck auf Frauen in Behörden, aber auch im privaten Sektor immer weiter steige. Schon jetzt berichteten ihr Frauen, dass ihnen Karrierechancen verbaut oder sie sogar entlassen wurden, weil sie kein Kopftuch trügen.
Dass es sich dabei um Einzelfälle handelt, glaubt sie nicht. Seit der Einführung des Präsidialsystems 2018 agierten die Bürokraten in der Türkei nicht mehr selbstständig. Sönmez wirft der Religionsbehörde eine politische Agenda vor. Sie spreche aus, was die Regierung später umsetzen wolle.
AKP-Politiker verteidigt Religionsbehörde
Die Diyanet wurde von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk gegründet. Damit sollte der laizistische Staat auch die Kontrolle über den Islam haben. Das Religionsamt untersteht im Präsidialsystem Erdogan direkt und ist mit einem üppigen Budget ausgestattet. Die Freitagspredigten werden in den rund 90'000 Moscheen des Landes verlesen.
Erst vor Kurzem sorgte eine weitere Freitagspredigt für Diskussion, in der suggeriert wurde, dass Mädchen im Gegensatz zu Jungen beim Erbe benachteiligt werden sollten. Ein Aufschrei war die Folge.
Der Vizeparlamentspräsident und frühere Justizminister von Erdogans AKP, Bekir Bozdag, verteidigte die Behörde und schrieb auf X, sie sei Gegenstand ungerechtfertigter Debatten. Die Predigten seien frei von politischen Ansichten. Sie vermittelten Muslimen lediglich Informationen über islamische Regeln und gäben Ratschläge. Die Religionsbehörde äusserte sich auf dpa-Anfrage zunächst nicht.
Einseitige Auslegung des Islams
Das Problem sei die zutiefst orthodox-konservative Auslegung der Diyanet, dabei gebe es auch reformistische Ansätze in der Türkei, sagt Sönmez. «Die Religionsbehörde verwendet in ihren Predigten konsequent eine Sprache, die keinen Raum für unterschiedliche Interpretationen zulässt», sagt sie. «Das ist zutiefst falsch.» Ausserdem drehten sich zahlreiche Predigten alleine darum, wie sich Frauen verhalten sollten.
Ähnlich sieht das Mehmet Hayri Kirbasoglu, Theologieprofessor an der Universität Ankara. Das Kernproblem liege über die Türkei hinaus in «jahrhundertealten patriarchalischen Interpretationen» des Islam, sagt er der dpa.
Die Diyanet sollte eigentlich politisch unabhängig sein sowie frei von einem männerdominierten Monopol der religiösen Auslegung, so Kirbasoglu. Er war in den 80er Jahren Berater bei der Diyanet. Aktuell sei aber das Gegenteil der Fall; so habe die Religionsbehörde in jüngster Zeit eine zunehmend harte Haltung eingenommen und verstärke damit die Polarisierung im Land. (sda/ pef)