Gleichberechtigung

Reformierte Frauen zeigen sich solidarisch

Eine römisch-katholische Seelsorgerin, die bei einer Messe konzelebriert hat, sorgt über Kirchenkreise hinaus für Gesprächsstoff. Reformierte Theologinnen unterstützen ihre Kollegin – weisen aber auf Aufholbedarf in der eigenen Kirche hin.

Innert weniger Tage haben gut 1230 Menschen eine Online-Petition für eine römisch-katholische Gemeindeleiterin unterzeichnet. Der Vorstoss geht zurück auf Ereignisse von Anfang September (siehe Kasten). Einerseits drücken die Unterzeichnenden darin Solidarität mit der Seelsorgerin aus, die gegen Kirchenrecht verstossen haben soll. Andererseits werfen sie der römisch-katholischen Kirche Doppelmoral vor. Regelverstösse würden toleriert, solange sie verborgen blieben. Auch Frauen dürften in der Kirche wirken, aber sie müssten unsichtbar bleiben. Ausserdem würde die Kirche bei vielen anderen, ernsthaften Missbräuchen wegschauen.

Unterzeichnet hat diese Petition auch Gabriela Allemann, Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz (EFS). Sie habe als Reformierte, als Aussenstehende sozusagen, zuerst gezögert. Doch sie habe ihre Solidarität ausdrücken wollen. «Als reformierte Pfarrerin bin ich fassungslos und auch etwas ratlos angesichts der Heftigkeit der Vorwürfe gegenüber der Gemeindeleiterin.»

Hintergrund

Eine römisch-katholische Gemeindeleiterin und mit ihr andere ungeweihte Personen haben bei einer Messe konzelebriert, wie das katholische Medienportal kath.ch berichtet hat. Das heisst, die Gemeindeleiterin hat das Hochgebet zur Wandlung allein gesprochen und den Gottesdienst wie auch die restliche Wandlung mit zwei Priestern, einem Diakon und einer weiteren Frau gemeinsam gefeiert. Laut katholischem Recht ist die sogenannte Eucharistiefeier aber nur geweihten Priestern erlaubt. Deshalb sprach der Churer Bischof Joseph Bonnemain von «liturgischem Missbrauch», er leitete nach Vorschrift eine kanonische Voruntersuchung gegen die Beteiligten ein. (mos)

Die reformierte Pfarrerin Cornelia Camichel Bromeis hat sich zunächst darüber gefreut, dass eine katholische Frau solche Handlungen vollzieht, «und dass es auch Männer gibt, die mitziehen und da eine Gemeinde ist, die es möglich macht.» Allerdings ist sie jetzt enttäuscht, dass erneut die Frau im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. «In den Medien wird nur über die Frau diskutiert und über sie geurteilt. Dabei waren auch Männer daran beteiligt. Das ist nach wie vor eine patriarchale Sichtweise.»

Cornelia Camichel Bromeis hat diese Haltung in der ökumenischen Zusammenarbeit immer wieder erlebt. «Als Bündner Dekanin wurde ich von der katholischen Hierarchie nicht wirklich ernst genommen.» Sie hofft, dass solche Aktionen gesellschaftlich etwas bewegen. «Das ist der Stachel im Fleisch.» 

Gabriela Allemann nimmt wahr, dass sich sehr viele Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz Gleichberechtigung in ihrer Kirche wünschen. Sie sieht auch positive Signale dafür. «Gerade deshalb scheint mir der aktuelle Fall so anachronistisch.» Allemann betont aber, dass auch in der reformierten Kirche, wo Frauen faktisch gleichberechtigt sind, noch Aufholbedarf besteht. «Die Kirche ist ein Abbild und ein Teil der Gesellschaft. Viele Bilder davon, wie Männer und Frauen sein sollten, sind stark verankert, da braucht es in beiden Kirchen ein kritisches Augenmerk.» (mos)