Die Euphorie des Verzichts
«Ich bin dankbar für jeden Löffel Suppe»
Fasten ist für mich eine Verwandlung. Genau wie Jesus auferstanden ist, erlebe ich jedes Jahr während der Fastenwoche einen Neuanfang. Vor zehn Jahren erzählte mir der damalige Pfarrer vom Fasten. Er sagte, dass eine Woche ohne feste Nahrung mich leistungsfähiger mache. Ich konnte es mir nicht vorstellen und wollte es ausprobieren.
Der Anfang war nicht leicht. Ich hatte einen tiefen Blutdruck, Schwindel und Kopfweh. Wegen der verringerten Sehschärfe verzichtete ich aufs Autofahren. Damals arbeitete ich noch als Chemiker. Ich spürte, wie ich bei der Arbeit gereizter war, wenn etwas nicht so verlief, wie ich mir das vorstellte. Also entschied ich mich, während des Fastens keine wichtigen Termine einzuplanen. Aber am vierten Tag kam plötzlich eine neue Energie. Ich war extrem produktiv, hatte einen klaren Kopf und geschärfte Sinne. In diesem Hoch schaffte ich die Sachen mit links.
Dieses Glücksgefühl ist der Grund, warum ich immer noch faste. Ich bin während dieser Zeit besonders empfänglich. Nicht nur riecht und schmeckt alles intensiver, sondern mich berühren auch die biblischen Texte stärker. Da das Fasten für mich eine spirituelle Dimension hat, ist es mir wichtig, das im kirchlichen Rahmen zu tun.
Mit der zwölfköpfigen Gruppe der reformierten Kirchgemeinde Zürich Kirchenkreis 12 entsteht ein Gemeinschaftsgefühl. Wir – mehrheitlich wie ich zwischen 60 und 80 Jahre alt – treffen uns das erste Mal am Freitagabend zum Entlastungstag. Ich bereite mich darauf vor, indem ich die Tage vorher weniger esse. Während des Taizé-Gottesdienstes feiern wir mit Singen und einem Abendmahl den Beginn der Fastenwoche.
In den nächsten sechs Tagen nehme ich nur Flüssigkeit zu mir, Wasser oder Tee. Wir treffen uns dann jeweils um 18.30 Uhr und essen schweigend eine Fastensuppe, die aus verschiedenen Gemüsen wie Sellerie, Rüebli und Lauch besteht. Dieses gemeinsame Mahl ist für mich das höchste der Gefühle. Ich merke, an wie wenig ich Freude haben kann. Ich bin dankbar für jeden Löffel Suppe. Dieses Gefühl macht das Fasten für mich zum religiösen Erlebnis. Ich bete zwar auch sonst regelmässig, doch während der Besinnung in der Gruppe begegnen mir christliche Gedanken, die mich berühren. Ich komme zur Ruhe, reflektiere und werfe Ballast ab.
Eigentlich bin ich ein Genussmensch. Ich bin seit vier Jahren pensioniert. Wenn ich nicht meine sechs Enkelkinder hüte, habe ich auch Zeit, um zu kochen und Gäste zu bewirten. Nicht selten gönne ich mir ein mehrgängiges Menu. Ich trinke gerne Wein und rauche ab und zu eine Zigarette. Umso wichtiger ist es, ein Mal im Jahr eine Pause zu machen. Ich schätze dann den Überfluss, in dem wir leben und realisiere, dass ich auch mit viel weniger auskommen kann.
Neben dem Geistigen tut mir das Fasten auch gesundheitlich gut. Es ist wunderbar, wie sich der Körper durch alle Öffnungen reinigt. Darm, Haut und Nieren, all diese Organe scheiden Schadstoffe aus. Es kann auch zu unangenehmen Gerüchen kommen, deswegen dusche ich beim Fasten viel. Wenn ich Mundgeruch habe, beisse ich in ein Stück Zitrone.
Am siebten Tag brechen wir das Fasten. Zur Feier essen wir einen gedämpften Apfel. Der schmeckt himmlisch. Mit einem Gottesdienst feiern wir das Ende der Woche. Danach folgen die Aufbautage. Es ist wichtig, nicht sofort wieder normal zu essen. Ein Schnitzel herunterzuwürgen, wäre undenkbar. Man muss den Körper langsam wieder aufbauen.
Nachdem ich während des Fastens den Körper heruntergefahren habe, fühlt sich die Zeit danach wie ein Erwachen, ein Aufblühen an. Es ist, als ob ich ganz neu zur Welt kommen würde. Der Frühling, wenn auch in der Natur neues Leben erwacht, ist dafür ein idealer Zeitpunkt. Ausserdem kann ich mich dank des Fastens besser auf Ostern vorbereiten. Nach dem Verzicht erlebe ich den Karfreitag tiefer. Die Osterbotschaft bekommt nach jedem Fasten eine neue Bedeutung.
Heinz Stahel (69) ist pensioniert und lebt in Zürich. Er ist verheiratet und hat drei Söhne.
«Es ist ein Frühjahrsputz für den Körper»
Fasten reinigt mich. Zwei Mal sechs Tage im Jahr esse ich nur Gemüsebouillon und trinke Karottensaft, Wasser sowie Tee. Ich nehme maximal 500 Kalorien pro Tag zu mir. Mittlerweile faste ich bereits seit vier Jahren. Das erste Mal war für mich schwierig. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt und was mit meinem Körper passiert. Am dritten Tag wurde mir schlecht, ich hatte Kopfschmerzen und Schwindel. Der Körper reagiert stark, denn er stellt den ganzen Stoffwechsel um und greift auf die Fettreserven zurück. Jetzt weiss ich: Ein Löffel Honig und viel trinken hilft. Es ist für mich auch wichtig, zusätzlich Mineralien zu mir zu nehmen.
Hat man die Krise erst überwunden, überkommt einen die Euphorie. Deswegen ist es für mich gut, in einer Gruppe zu fasten, in der man sich gegenseitig motiviert. Ich habe neben meiner Tätigkeit als Informatikerin eine Ausbildung zur Fastenleiterin beim Schweizer Kneipp-Verband absolviert, damit ich in meinem Quartier in Zürich Fluntern eine Fastenwoche leiten kann. Für nächstes Jahr ist eine Ferien-Fastenwoche im Tessin geplant.
Der Austausch in der Gruppe ist wichtig, man gibt sich Tipps, wie man besser durchhalten kann. Allerdings spürt man beim Fasten gar keinen Hunger. Meistens nimmt man zu Beginn ein Abführmittel, das den Darm entleert. So kommt das Hungergefühl nicht auf. Man kämpft eher gegen die Lust. Durch das Fasten sind die Sinne geschärft, wenn man etwas Gutes riecht, möchte man es essen.
Fasten tut in vieler Hinsicht dem Körper gut. Es fördert den Abbau von Fettzellen, da der Blutzucker, der sonst zur Energiegewinnung herangezogen wird, bereits verbraucht ist. Der Verzicht auf feste Nahrung wirkt sich positiv auf Herzrisikofaktoren wie Übergewicht aus. Ausserdem schüttet der Körper während des Fastens vermehrt Sirtuine aus, die den Stoffwechsel ankurbeln sollen. Das typische Hoch, das Fastende ab dem vierten Tag spüren, kommt daher, dass der Körper mehr vom Stimmungsaufheller Serotonin produziert.
Doch Fasten ist keinesfalls risikofrei. Ärzte warnen vor allem vor Muskellabbau. Da der Körper kein Eiweiss aus der Nahrung zugefügt bekommt, holt er sich dieses aus den Muskeln. Auch Organe büssen etwas an Grösse ein. Wer extrem und zu lange fastet, riskiert einen gefährlichen Abbau des Herzmuskels.
Aus diesem Grund ist es wichtig, sich leicht zu bewegen. Ideal sind Yoga-Übungen und Spaziergänge. Von intensivem Sport wird hingegen dringend abgeraten, da dieser den Muskelschwund beschleunigt. Da auch Leber und Nieren während des Fastens intensiv arbeiten, wird empfohlen genug zu trinken, mindestens drei Liter pro Tag.
Schwangere sollten auf keinen Fall fasten, da die aus dem Fettgewebe freigesetzten Giftstoffe auf den Fötus übergehen könnten. Auch Menschen mit Depressionen wird vom Fasten abgeraten. Experten raten ausserdem, das Fasten mit einen Entlastungstag zu starten, an dem man nur Obst und Gemüse mit Reis oder Kartoffeln zu sich nimmt. Nach dem Fasten sollten drei Aufbautage folgen, in denen die Nahrungsaufnahme langsam gesteigert wird. Empfohlen wird eine Fastenzeit von sechs bis acht Tagen. (cla)
Obwohl ich nicht aus spirituellen Gründen faste, sondern wegen den positiven Effekten auf die Gesundheit, schätze ich die Auswirkung auf den Geist. Ich spüre, wie ich klarer denke und konzentrierter bin. Das Fasten ist nicht nur wie ein Frühjahrsputz für den Körper, sondern gibt mir auch die Gelegenheit, über mich selbst und die Welt nachzudenken. Bin ich eine Woche lang weg von zuhause, schalte ich ab und fokussiere auf das Wesentliche.
Ich habe verschiedene Fastenarten ausprobiert, doch die bewährteste traditionelle Methode ist für mich diejenige von Otto Buchinger. Der Arzt hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Heilfasten begründet und behandelte Patienten mit verschiedenen Krankheiten in seiner Klinik. Später wurde auch wissenschaftlich bewiesen, dass das Fasten den Körper entgiftet. Wenn man nichts isst, baut dieser die Abfallprodukte in den Zellen ab, scheidet sie aus oder recycelt sie. Diese Erkenntnisse haben mich davon überzeugt, dass das Fasten wirklich etwas bringt. Ich finde aber auch die moderneren, nicht so strengen Fastenmethoden interessant und probiere immer wieder neue Praxen aus.
Die Nachfrage nach dem Fasten hat zugenommen. Es liegt eben auch im Trend. Immer mehr Menschen wollen heutzutage gesund leben und auf übermässigen Konsum verzichten. So ist auch vegane Ernährung in Mode oder Digital Detox, wo wir bewusst Offline-Zeiten einräumen. Der Zeitgeist lehrt uns, dass wir mit dem Verzicht zur Ruhe kommen. Das ist eine Lebenseinstellung. Natürlich wurde dies auch als Geschäftsidee aufgenommen. So kann man in einem Vier-Sterne-Hotel fasten und für eine Woche 3000 Franken bezahlen. Das entscheidet jeder für sich selbst.
Ich empfehle auf jeden Fall ein Rahmenprogramm zum Fasten. Mein erstes Mal habe ich das Fastenwandern in St. Moritz besucht. Morgens hatten wir Gymnastik und nach der Suppe am Mittag gingen wir wandern. Am Abend ging ich in die Sauna. Es ist gut, wenn man sich während des Fastens bewegt. Es wird empfohlen, dass man den Körper aktiviert.
Im Alltag mache ich oft Intervallfasten. Ein willkommener Nebeneffekt ist, dass man über die Jahre sein Gewicht hält, auch im Alter. Ich esse um 18 Uhr zu Abend und nehme dann das Frühstück erst um 10 Uhr zu mir. So bleibe ich 16 Stunden ohne Nahrung. Intervallfasten ist eine gute Methode, um sich auf eine Fastenwoche vorzubereiten. Ich rate denjenigen, die noch nie gefastet haben, schrittweise zu üben. Eine Woche fasten ist schon sehr anspruchsvoll, es zehrt an den Nerven. Deswegen ist es auch nicht empfehlenswert für psychisch instabile Menschen.
Ich könnte ohne das Fasten nicht mehr leben. Ich fühle mich fit und will es auch bis ins hohe Alter bleiben.
Heike Horwedel ist neben ihrer Tätigkeit als Informatikerin Fastenleiterin und Yoga-Lehrerin. Sie lebt in Zürich.