Deutschland

Evangelischer Kirchentag wird 75

Als Reaktion auf den Nationalsozialismus wurde vor 75 Jahren der Deutsche Evangelische Kirchentag gegründet. Nun werfen die Jubiläums-Feierlichkeiten die Frage auf, welche Rolle der Anlass heute noch spielt.

Für viele Protestanten ist der Deutsche Evangelische Kirchentag (DEKT) ein fester Termin im Kalender. «Zeitansage» will er sein, und als Laienbewegung eine Schnittstelle bilden zwischen Kirche und Welt. Der nächste Kirchentag findet zwar erst im kommenden Frühling statt, doch bereits dieses Wochenende wird das 75-Jahr-Jubiläum in Greifswald gefeiert. Dabei muss sich der DEKT auch die Frage seiner eigenen künftigen Bedeutung stellen, denn die Teilnehmerzahlen sind rückläufig.

Für die Generalsekretärin des DEKT, Kristin Jahn, ist der kirchliche Grossanlass dennoch kein Auslaufmodell: «Wenn ich in die Gesellschaft schaue, brauchen wir den Kirchentag mehr denn je als Plattform, damit engagierte Menschen etwas Neues auf die Strasse bringen.» Der Kirchentag biete eine Diskursplattform für Fragen des Zusammenlebens – «auch und vor allem angesichts der letzten Wahlerfolge der AfD in Thüringen und Sachsen».

«Es hilft nur der Dialog»

Damit positioniert Jahn den Kirchentag im Umgang mit der vom Verfassungsschutz in Teilen als rechtsextrem eingestuften Partei. Zuvor hatten sich die Kirchen in Deutschland bereits deutlich gegen die Wahl von AfD-Kandidatinnen in die Landtage der verschiedenen Bundesländer ausgesprochen (ref.ch berichtete). Klar sei, man werde die Menschen nur einzeln zurückgewinnen, sagt Jahn. «Es hilft uns nur der Dialog. Wir sind offen für alle, gleich, welche Partei jemand gewählt hat. Aber wir geben jenen keine Bühne, die menschenverachtende Positionen vertreten.»

Mit den Feierlichkeiten in Greifswald im ostdeutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern gehen die Veranstalter ganz bewusst zurück zu den Wurzeln der Laienbewegung. Nach der Erfahrung im Zweiten Weltkrieg, dass die Amtskirche kaum Widerstand gegen den Nationalsozialismus leistete, wollte eine Gruppe von Privatpersonen um den Pommerschen Juristen Reinold von Thadden-Trieglaff die evangelische Laienbewegung stärken. 1949 wurde der erste Kirchentag dann in Hannover gefeiert.

Kirchentage auch im Osten

In der Rückschau auf die lange Geschichte der Kirchentage stehe meist die westdeutsche Tradition im Fokus, sagt der Greifswalder Kirchenhistoriker Thomas K. Kuhn. «Es ist zwar bekannt, dass es auch in der DDR Kirchentage gab.» Aber die seien im Westen häufig zu wenig wahrgenommen worden. Deshalb sei es «umso erfreulicher», dass die Feierlichkeiten nun im Osten stattfinden würden. Dazu passend, widmen sich Forschende in einem Kolloquium den Debatten auf den Kirchentagen in Ost und West seit 1949; «Auf der Suche nach Frieden», ist der Titel der Tagung.

Ihm sei wichtig, «dass der Kirchentag auch zukünftig ein kritisches und kreatives Forum für Laien bleibt und sich seine Selbstständigkeit bewahrt», sagt Kuhn. Es brauche kirchliche Grossveranstaltungen über landeskirchliche Grenzen hinweg – insbesondere für diejenigen, «denen ihre Kirchengemeinde manchmal vielleicht etwas provinziell vorkommt.» Und Generalsekretärin Jahn sagt: «Wir gehen in eine andere Zeit, in der wir mit Gott in der Pampa unterwegs sind.» Dafür brauche es eine Zukunftserzählung – eine, bei der man sich nicht von Mitgliederzahlen treiben lasse. (epd/ vbu)