Deutschland

Evangelische Kirche bei Sterbehilfe uneinig

In Deutschland ist die Debatte über den assistierten Suizid neu entbrannt. In einem Gastbeitrag in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» sprachen sich mehrere hohe Kirchenvertreter für die Sterbehilfe in diakonischen Einrichtungen aus. Nicht anfreunden mit dieser Haltung kann sich der Rat der Evangelischen Kirche.

Ein knappes Jahr nach dem Sterbehilfe-Urteil des Bundesverfassungsgerichts treten innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) unterschiedliche Positionen zur bevorstehenden gesetzlichen Neuregelung offen zu Tage. Während einige hochrangige Kirchenvertreter in einem Gastbeitrag in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» vom 11. Januar für die Möglichkeit eines assistierten professionellen Suizids in kirchlich-diakonischen Einrichtungen plädierten, sagte ein EKD-Sprecher, die EKD lehne jede organisierte Hilfe zum Suizid ab, die dazu beitrage, dass die Selbsttötung zur Option neben anderen werde.

In dem unter anderem von Diakonie-Präsident Ulrich Lilie unterzeichneten Gastbeitrag heisst es im Gegensatz dazu, kirchliche Einrichtungen sollten eine bestmögliche medizinische und pflegerische Palliativversorgung sicherstellen. Zugleich dürften sie sich aber dem freiverantwortlichen Wunsch einer Person nicht verweigern, ihrem Leben mit ärztlicher Hilfe ein Ende zu setzen.

Verbot von Sterbehilfe aufgehoben

Das Bundesverfassungsgericht hatte im Februar vergangenen Jahres im Wesentlichen den Klagen von Sterbehilfeorganisationen, Ärzten und Einzelpersonen Recht gegeben, die sich gegen das Verbot organisierter – sogenannter geschäftsmässiger – Hilfe bei der Selbsttötung richteten. Die Karlsruher Richter erklärten das entsprechende Gesetz für nichtig und begründeten das mit dem Recht auf selbstbestimmtes Sterben, das auch Dritten die Assistenz beim Suizid erlaube.

Die Autoren des Zeitungsbeitrages plädieren für besonders qualifizierte interdisziplinäre Teams in den kirchlich-diakonischen Einrichtungen, um dem Recht auf selbstbestimmtes Sterben Geltung zu verschaffen. Das dürfte «sehr viel eher Ausdruck verantwortlichen Handelns sein», als wenn durch eine Verweigerung Suizidwillige dazu gezwungen seien, «sich auf die Suche nach – möglicherweise durchaus eigennützig und nicht im Interesse des Lebensschutzes handelnden – Organisationen zu machen».

Prävention soll Vorrang haben

Der Beitrag wurde vom Münchner Theologen Reiner Anselm, der Vorsitzender der Kammer für öffentliche Verantwortung der EKD ist, der Bochumer Theologin Isolde Karle und dem Diakonie-Präsidenten Lilie verfasst. Er sei das «Ergebnis eines gemeinsamen Diskussionsprozesses» mit dem hannoverschen Landesbischof Ralf Meister, dem Bochumer Juristen Jacob Joussen, der dem Rat der EKD angehört, und dem Palliativmediziner Friedemann Nauck aus Göttingen.

Landesbischof Meister hatte nach dem Urteil wiederholt erklärt, es gebe ein Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben. Diakonie-Präsident Lilie sagte im Dezember dem Evangelischen Pressedienst, Prävention zur Verhinderung eines Suizids sei für die Diakonie «das erste Gebot»: «Danach sagen wir aber auch: Wir begleiten alle Menschen, auch diejenigen, die trotz all dieser Angebote den Weg des assistierten Suizids wählen.» Beide wichen damit von Erklärungen des Rates der EKD ab.

«Lange Schuldgeschichte»

In dem Beitrag in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» heisst es: «Leider gibt es im Umgang mit Suizidenten durch die Kirche eine lange Schuldgeschichte.» Heute gebiete es der «aus dem christlichen Glauben entspringende Respekt vor der Selbstbestimmung», dem Sterbewilligen Beratung, Unterstützung und Begleitung anzubieten. Kirchliche Einrichtungen müssten Orte sein, in denen Suizid auf «sichere und nicht qualvolle Weise» vollzogen werden könne. «Parallel dazu erscheint es aber, ebenfalls zum Schutz der Selbstbestimmung, sinnvoll und auch legitim, von den Suizidwilligen zu verlangen, sich vor der Inanspruchnahme eines assistierten Suizids von einer anerkannten Stelle beraten zu lassen», argumentieren die Theologen Anselm, Karle und Lilie.

Der EKD-Sprecher sagte zu dem Zeitungsbeitrag, die EKD halte den gesellschaftlichen Diskurs über den Umgang mit Leid und Tod für notwendig. «Zu diesem Diskurs können auch evangelische Stimmen beitragen, die von der klaren Position des Rates der EKD abweichen», fügte er hinzu. (epd/no)