USA

Evangelikale fürchten unter Joe Biden schwindenden Einfluss

Mit dem Machtwechsel im Weissen Haus dürfte auch der Einfluss der weissen evangelikalen Christen in den USA auf politische Entscheidungen schwinden. Aber auch die katholische Kirche blickt mit gemischten Gefühlen auf den Neuanfang.

Joe Biden während eines Auftritts in der Grace Lutheran Church in Kenosha, Wisconsin. (Bild: Keystone / Carolyn Kaster)

Donald Trump ist als Präsident Geschichte. Im Weissen Haus wohnt in wenigen Tagen sein Nachfolger Joe Biden. Der Wechsel wirkt sich auch auf das politische Gewicht der Kirchen aus: Weisse Evangelikale werden wohl deutlich weniger zu sagen haben. Dafür könnte der Einfluss gemässigter Protestanten und Katholiken steigen. Allerdings waren die Bischöfe gerade in der Frage des Abtreibungsverbots eher auf Trumps Linie als auf der des Katholiken Joe Biden.

Die weissen evangelikalen Christen verlieren ihren grössten Beschützer. So bald wird es wohl keine Fotos mehr von evangelikalen Pastoren geben, die im Oval Office Hände auflegen und für den Präsidenten beten. Rund 80 Prozent der weissen evangelikalen Wählerinnen und Wähler stimmten 2016 für Trump. Im vergangenen Sommer waren laut dem Pew Research Center noch 72 Prozent mit seiner Amtsführung zufrieden. Trump ernannte gleich mehrere Bundesrichter, die Hoffnung auf ein Abtreibungsverbot weckten – ein zentrales Anliegen vieler Evangelikaler.

Selten im Gottesdienst zu sehen

Trumps Slogan, man müsse Amerika «wieder grossartig machen», findet nach Ansicht von Religionswissenschaftler Robert Jones Gefallen in einer konservativen weissen Welt, die sich von demografischen und gesellschaftlichen Trends bedroht fühlt. Was Trump selber glaubt, blieb bis zuletzt unklar. In einem Gottesdienst sah man ihn selten.

Im Oktober 2020 sagte er dem Informationsdienst «Religion News Service», er sei als Kind in der Presbyterianischen Kirche konfirmiert worden. Gegenwärtig betrachte er sich als «nicht-konfessionellen Christen» (non-denominational Christian). Trumps geistliche Beraterin, die pfingstkirchlich geprägte Predigerin Paula White, gilt als Vertreterin des «Wohlstandsevangeliums». Gott wolle, dass Gläubige im Wohlstand leben.

Trump sei der erste Präsident, dessen einzige religiöse Impulse vom Wohlstandsevangelium kommen, schrieb die Historikerin Kate Bowler, Autorin des Buches «Blessed: A History of the American Prosperity Gospel» (Deutsch: Gesegnet: Die Geschichte des amerikanischen Wohlstandsevangeliums).

Keine ungetrübte Freude bei Katholiken

Der Katholik Joe Biden stammt aus einem anderen Milieu. Ordensschwestern hätten ihm beigebracht, dass man sich um andere Menschen kümmern müsse, erzählt er in seiner Autobiografie «Promises to Keep» (Deutsch: Versprechen, die man halten muss). Die Messfeier und der Rosenkranz bedeuten ihm angeblich viel.

In Reden greift Biden Bibelpassagen auf. Er spricht von Nächstenliebe und seinem Wunsch, die «Seele der Nation» zu heilen. Bei der Ansprache zum Wahlsieg zitierte er aus dem Buch der Prediger: Alles habe seine Zeit. Nun sei in Amerika die Zeit zum Heilen gekommen.

Römisch-katholische Bischöfe verfolgen den Machtwechsel dennoch mit gemischten Gefühlen. Bei Anliegen wie Einwanderung und soziale Gerechtigkeit haben sie Trump kritisiert. Bei Schwangerschaftsabbruch und Religionsfreiheit schätzen sie dagegen den scheidenden Präsidenten.

Kirchen hoffen auf humane Einwanderungspolitik

Man habe Grund zur Annahme, Biden werde bei der Flüchtlingspolitik, beim Klimaschutz und bei der Hilfe für die Armen für Massnahmen eintreten, die auch die Bischöfe befürworten, sagte der Präsident der römisch-katholischen Bischofskonferenz, Erzbischof José Gomez dem Informationsdienst «Catholic News Service». Beim Thema Abtreibung werde Biden aber Massnahmen gutheissen, die gegen katholische Werte verstiessen. Biden befürwortet legalen Schwangerschaftsabbruch.

Die Haltung des neuen US-Präsidenten bei sozialen Fragen deckt sich eher mit der protestantischer Mainline-Kirchen und afro-amerikanischer Kirchen. Hilfsverbände hätten die Hoffnung, Biden werde bei Einwanderungsvorschriften eine «humanere Politik» verfolgen, hiess es im kirchlichen Informationsdienst «News Service».

«Einer der grossen Präsidenten»

Für Trumps evangelikalen Freunde waren seine letzten Amtstage nach der gewalttätigen Erstürmung des US-Kapitols nicht leicht. Paula White betonte, sie lehne «Gewalt, Gesetzlosigkeit und Anarchie in allen Formen» ab.

Baptistenprediger Franklin Graham verurteilte den Ansturm und erklärte laut der Zeitung «USA Today», Trumps Rede vor den Protestierenden sei «nicht der beste Augenblick» seiner Präsidentschaft gewesen. Trump hatte versichert, «wir werden niemals aufgeben. Wenn ihr nicht wie die Hölle kämpft, haben wie kein Land mehr». Auf Facebook schrieb Graham, er danke Gott für die vier Jahre Trump. Die Geschichtsbücher würden diesen einmal als «einen der grossen Präsidenten» würdigen. (epd)