«Es braucht kirchliche Stimmen gegen die Homophobie»

Jeden Juni gehen weltweit Menschen für die Rechte von Schwulen und Lesben auf die Strasse. Allein in Zürich demonstrierten vergangenes Wochenende über 20'000 Menschen. Warum auch kirchliche Stimmen gegen Intoleranz wichtig sind, erzählt Pfarrerin Liv Kägi.

Juni ist Pride-Monat: Weltweit wird für LGBTQ-Rechte demonstriert. (Bild: Keystone/ Maxppp/ Matthieu Botte)

Liv Kägi, Sie taufen Kinder aus Regenbogenfamilien und verheiraten homosexuelle Paare. Ist das unterdessen Kirchenalltag?
Das ist sehr unterschiedlich. Im Raum Zürich ist LGBTQ* im Kirchenalltag angekommen. In der Johanneskirche, wo ich arbeite, beteiligen sich zum Beispiel einige homosexuelle Menschen aktiv am Gemeindeleben.

Angekommen also zumindest im städtischen Kirchenalltag?
Ja, die Stadt unterscheidet sich leider noch stark von ländlicheren Orten. Es hängt ausserdem auch von den einzelnen Pfarrpersonen ab. Die Zürcher Kirchenordnung sieht zwar vor, dass gleichgeschlechtliche Paare einem Brautpaar gleich gesegnet werden können, aber die Pfarrerin oder der Pfarrer kann immer auch Nein sagen. Der Kirchenbund hat sich offiziell zum Segen für gleichgeschlechtliche Paare geäussert. Ich finde, einen Segen soll man niemandem verweigern. Gottes Segen gilt für jeden Menschen und für jedes Paar.

Kürzlich haben Sie in einem Facebook-Video öffentlich über Feminismus und Ihren Kampf gegen Homophobie gesprochen. Wie haben die Menschen darauf reagiert?
Ich habe viele positive Rückmeldungen erhalten. Das Video ist natürlich nicht sehr differenziert. Es richtete sich an ein breites Publikum, das nicht unbedingt kirchennahe ist. Solche Menschen kriegen oft nur mit, dass der Papst die gleichgeschlechtliche Ehe ablehnt. Darum braucht es kirchliche Stimmen gegen die Homophobie. Mir ist es wichtig, dass diese Menschen aus dem kirchlichen Umfeld eine andere Sichtweise hören.

Sie sagen im Video, dass das Bild des herrschaftlichen Gottvaters nicht mehr zeitgemäss sei. In welchen Worten würden Sie denn Gott beschreiben?
Im Christentum sprechen wir von jenem Gott, von dem uns Jesus erzählt hat – der sich in Christus zeigt. Aber wie sich dieser Christus-Gott jedem Einzelnen zeigt, das ist bei jedem Menschen anders. Ich spreche nicht abstrakt von Gott, sondern wie sich dieses «Geheimnis Gott» in bestimmten Situationen gezeigt hat oder zeigen könnte.

Können Sie da ein Beispiel nennen?
Menschen können erzählen, wie sie Gott erleben. Viele sprechen von Gott als Kraft, als Liebe, die zwischen Menschen entsteht. Wenn man als Paar in einem Raum der Liebe lebt und zu diesem Raum Sorge trägt, kann das als Gott beschrieben werden. Das sind individuelle Bekenntnisaussagen.

Sie sind selber bisexuell und haben unter anderem Theologie studiert, um homophobe Aussagen kontern zu können. Werden Ihre Argumente gehört?
Nicht direkt. Ich habe früher viel diskutiert, weil mir das wichtig war. Heute diskutiere ich weniger. Es hat nicht so viel bewirkt. Argumenten gegen Homophobie überzeugen homophobe Menschen nicht unbedingt. Trotzdem ist es wichtig,  Menschen zu widersprechen, die Homosexualität als Sünde bezeichnen. Für sich und andere Betroffene einzustehen, stärkt und gibt Sicherheit. Manchmal gelingt es vielleicht, auch homophobe Menschen zu überzeugen. Das braucht aber Zeit, und letztlich ist das deren eigener Weg. Ich kann zumindest für mich schauen, dass ich mich mit meiner Sexualität und Liebe frei fühle.

Wie reagieren Sie heute auf homophobe Kommentare?
Es trifft mich nicht mehr. Als Jugendliche war das schwieriger. In dem Alter war ich leichter zu verunsichern. Ich wuchs zum Glück in einem Umfeld auf, wo meine Bisexualität kein Problem war. Darum habe ich mich immer geliebt und angenommen gefühlt. Aber viele lesbische, schwule und bisexuelle Menschen haben das anders erlebt. Darum ist es wichtig gegen Intoleranz die Stimme zu erheben.

Video auf izzymag.ch: «Diese Pfarrerin kämpft gegen Homophobie».

*LGBTQ ist ein Akronym, das für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Queer steht.