Porträt

Er kämpft an gegen das «Gärtli»-Denken

Allein auf sich gestellt wird die Appenzeller Kirche nicht mehr lange überleben, sagt der zurückgetretene Kirchenratspräsident Koni Bruderer. Eine Tragödie ist das in seinen Augen nicht, ihm schwebt eine grosse Ostschweizer Kirche vor.

Koni Bruderer, der abgetretene Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Landeskirche beider Appenzell, kann rückblickend über Widerstände schmunzeln.

Am Ende seiner Amtszeit durfte Kirchenratspräsident Koni Bruderer seinen grössten Erfolg feiern. In einer dreitägigen Marathonsitzung schloss die Synode der Appenzeller Kirche im Dezember die erste Lesung der neuen Verfassung ab. «Die Versammlung folgte praktisch in allen wichtigen Punkten den Anträgen des Kirchenrates, das hat mich riesig gefreut», sagt Bruderer.

Die revidierte Verfassung ist der vorläufige Schlusspunkt eines mehrjährigen Reformprozesses in der Appenzeller Kirche. Angesichts schwindender Mitgliederzahlen und schrumpfender Gemeinden stellte sich schon lange die Frage nach der Zukunft der Kirche. Im Rahmen einer Zukunftswerkstatt setzten sich Kirchenvertreter und Mitglieder deshalb 2014 zusammen, um gemeinsam Visionen zu entwickeln. Es war das erste Amtsjahr von Koni Bruderer. «Das war ein toller Anfang, es herrschte Aufbruchstimmung», erinnert er sich.

Kirchgemeinden sträuben sich

Der Euphorie folgte aber bald schon Ernüchterung. An dem Treffen wurde unter anderem der Wunsch nach mehr Zusammenarbeit zwischen der Kirchgemeinden geäussert. Das sei nicht überall gut angekommen, so Bruderer. «Einzelne Personen und Gemeinden fürchteten um ihre Autonomie und stellten sich quer. Dieses Gärtli-Denken war ziemlich frustrierend.»

Ganz überraschend kam der Widerstand für Bruderer allerdings nicht. Heute kann er darüber schmunzeln. Die Appenzeller seien eben eigensinnig und liessen sich ungern reinreden, «Hoptsach kä Nochbere» laute einer ihrer Grundsätze. «Auch wenn unsere Kirche in der Mehrheit liberal eingestellt ist, spürt man dieses Denken teilweise auch in den Kirchgemeinden», sagt Bruderer.

Entsprechend umstritten war in der neuen Verfassung auch der Vorschlag des Kirchenrates, die Zusammenarbeit und Fusion von Gemeinden zu fördern. Dass die Synode dem Verfassungsentwurf schliesslich grösstenteils zustimmte, ist für Koni Bruderer eine Bestätigung. «Mit ihrem Entscheid hat die Synode signalisiert, dass sie ein Zusammengehen der Kirchgemeinden wünscht», sagt er.

In Zukunft nur noch eine Ostschweizer Kirche?

Ein erster Schritt in diese Richtung ist bereits getan. So sind die vier Gemeinden Herisau, Schönengrund, Schwellbrunn und Waldstatt auf dem Weg, sich zur «Kirchgemeinde Appenzeller Hinterland» zusammenzuschliessen. Und auch im Vorderland gibt es ähnliche Bestrebungen. «Das Visions-Pflänzchen wächst also doch», freut sich Bruderer.

Zusammenarbeit, das braucht es laut dem Kirchenratspräsidenten auch auf kantonaler Ebene. Bruderer ist überzeugt, dass die Appenzeller Kirche auf Dauer nur im Verbund mit anderen Ostschweizer Kantonalkirchen überleben kann. Mit 22'500 Mitgliedern gehöre Appenzell zu den kleinen Landeskirchen. Bereits jetzt falle es den Gemeinden schwer, weiter Behörden zu stellen. Dagegen arbeite man seit Jahren in vielen Bereichen mit der St. Galler Kirche zusammen. «Für die Zukunft kann ich mir eine grosse Ostschweizer Kirche vorstellen – also so etwas Ähnliches wie Refbejuso», sagt er.

Noch einmal den Talar überstreifen

Wer Koni Bruderer zuhört, erlebt einen Kirchenpolitiker mit Leidenschaft. Einer, der etwas verändern will und mit seinen Visionen  begeistert. Dabei geht vergessen, dass der 68-Jährige in seinem Leben vor allem eines mit Herzblut war: Pfarrer. Sein Amt als Gemeindepfarrer in Heiden übte er auch nach seiner Wahl ins Präsidium weiter aus – bis zu seiner Pensionierung 2017.

Eigentlich könnte der dreifache Vater und frischgebackene Grossvater nun das Rentenalter geniessen. Hobbies hätte er genug, so liest er gerne gute Krimis und lernt Klarinette. Als Kirchenpolitiker wollte Bruderer seine berufliche Laufbahn aber nicht beenden. «Ich war insgesamt rund 40 Jahre Pfarrer, und als Pfarrer möchte ich auch meine Karriere beenden», sagt er.

So kommt es, dass Koni Bruderer noch einmal den Talar überstreift und ein Teilzeitpfarramt in Bellinzona übernimmt. Das Tessin ist beruflich kein Neuland für ihn. In Bellinzona war er schon einmal zwölf Jahre lang Pfarrer, hier wuchsen seine Kinder auf. «Als ich das erste Mal ein Pfarramt im Tessin übernahm, war das ziemlich exotisch. Heute ist es ein bisschen wie eine Heimkehr», sagt er. So freut er sich zusammen mit seiner Frau darauf, für ein paar Jahre einen Wohnsitz im Tessin und einen im Appenzellerland zu haben.