Finanzen

Der Genfer Kirche geht das Geld aus

Die Evangelisch-reformierte Kirche Genf verzeichnet einen dramatischen Einnahmerückgang. Um etwa die Löhne zu stemmen, sollen nun Kirchgemeinden Geld beisteuern.

Im Kanton Genf sind Kirche und Staat seit über hundert Jahren getrennt: Blick auf die Kathedrale Saint-Pierre, die reformierten Hauptkirche in der Stadt Genf. (Gaëtan Bally / Keystone)

Der Befund ist eindeutig und unumkehrbar. «Die Spenden sind im Vergleich zum Durchschnitt der letzten sechs Jahre um vierzig Prozent zurückgegangen», sagt Joël Rochat, Schatzmeister der Evangelisch-reformierten Kirche Genf (EPG). «Und der Rückgang hält an», so der Leiter des Finanzdiktats des Konsistoriumsrats (Exekutive).

Relevant ist das, weil es in Genf keine Kirchensteuer gibt, sondern die EPG sich durch Spenden ihrer Mitglieder sowie Beiträgen von Stiftungen finanziert. Allein für ihre Lohnsumme gab die EPG im vergangenen Jahr rund neun Millionen Franken aus, was drei Vierteln des Budgets entspricht. Die Spenden brachten aber nur noch 8,7 Millionen Franken ein.

Die Ursache des Problems: «Unsere Gemeindemitglieder werden immer älter und immer weniger», sagt Generalsekretär Stefan Keller. Das bedeutet für die Kirche eine stärkere Abhängigkeit von Grossspendern. Dabei handelt es meistens um private Spenden in der Höhe von mindestens 10'000 Franken.

Diese Beiträge leisten einen wesentlichen Beitrag zum Budget. Befindet sich die EPG also in einer Krise? «Das Problem oder die Chance dieses stetigen Rückgangs ist, dass er uns dazu zwingen wird, die Struktur unserer Kirche zu überdenken», sagt dazu die Präsidentin der EPG, Eva Di Fortunato.

Suche nach Einnahmequellen

Da die Spendeneinbrüche bedrohlich gehäuft auftreten, denkt der EPG-Konsistoriumsrat über alternative dauerhafte Lösungen nach, um die Einnahmeausfälle zu beheben. Eva Di Fortunato versichert: «Entlassungen kommen nicht in Frage». Dies gilt umso mehr, als die nächste Pensionierungswelle bei den Pfarrern zu einem ernsthaften Personalmangel führen könnte, der durch den derzeit zu geringen Nachwuchs kaum aufgefangen werden kann.

Auf der Suche nach Lösungen hat die Präsidentin der EPG eine Informationstour durch die rund 30 Kirchgemeinden des Kantons unternommen, um eine neue Finanzierung der Lohnsumme der Kirche vorzuschlagen, an der sich die Kirchgemeinden derzeit nur in bescheidenem Masse beteiligen. Im Klartext: Die Möglichkeit, einen Mechanismus einzuführen, durch den die Kirchengemeinden einen Beitrag leisten könnten. Bisher haben die Gemeinden Darlehen gewährt, was jedoch nicht ausreicht. «Eine echte Solidarität besteht nicht aus Darlehen», kommentierte die Präsidentin.

Auf der Ausgabenseite will die EPG auch die «Subventionen und Dotationen an Vereinigungen, die Teil des kirchlichen Netzwerks sind, und die Beiträge, die im Rahmen der Koordination zwischen den Kirchen geleistet werden», überprüfen, wie Stefan Keller erklärt. «Es geht nicht darum, unsere eigenen Spenden einzustellen. Aber es ist dringend notwendig, einige dieser Beträge, die nie in Frage gestellt wurden, anzupassen», fügt Eva Di Fortunato hinzu.

Immobilien lukrativer bewirtschaften

Ein weiterer Lösungsansatz besteht darin, den Immobilienbestand der EPG gewinnbringender zu gestalten. «Derzeit finanzieren die Immobilieneinnahmen zehn Prozent unseres Budgets», erklärt Joël Rochat. «Wir haben uns zum Ziel gesetzt, diesen Prozentsatz in den nächsten fünf bis sechs Jahren zu verdoppeln. Das ist ehrgeizig, aber erreichbar», sagt er.

Rochat erläutert zwei aktuelle Projekte: «In Veyrier soll auf einem unserer Grundstücke ein Wohngebäude errichtet werden. In Champel ist es ein grösseres Projekt, das ein Gebäude und ein neues Gotteshaus umfasst.» Stefan Keller fügte hinzu: «Die EPG hat ihre Pfarrhäuser, die früher als Dienstwohnungen dienten, bereits umgebaut und vermietet». Ist ein Verkauf auch eine Option? «Die EPG will Eigentümerin ihrer Güter bleiben», sagt Rochat.

Auf die Frage nach der Möglichkeit, neue Mitglieder und dadurch neue Beitragszahler zu gewinnen, schränkt Pastor Emmanuel Rolland, der für die Mission innerhalb der EPG zuständig ist, ein: «Bevor wir externe Personen bitten, unsere Kirche zu finanzieren, müssen wir auf eine Bewusstseinsbildung seitens der Genfer Protestanten setzen. Eine Kirchensteuer gibt es in Genf nicht; anders als in anderen Westschweizer Kantonen. Die EPG finanziert sich daher durch Spenden und Stiftungsbeiträge.

Eva Di Fortunato zufolge muss die Gesellschaft dringend daran erinnert werden, dass die Kirche als gemeinnützig anerkannt ist, insbesondere durch ihre Arbeit in der Krankenhausseelsorge, die Bestattungsdienste und den Unterhalt historischer Gebäude wie der Kathedrale Saint-Pierre. Der Ball liegt nun bei den Mitgliedern.

Dieser Artikel ist im Original auf protestinfo.ch erschienen, dem Westschweizer Pendant der Reformierten Medien.