100. Geburtstag

Elisabeth Kübler-Ross hat den Sterbenden eine Stimme gegeben

Mit ihren Interviews mit Sterbenden hat Elisabeth Kübler-Ross an ein Tabu gerührt. Ihr Modell von den Sterbephasen gilt hingegen als überholt. Dennoch hat uns die Forscherin heute noch etwas zu sagen, findet Palliative Care-Beauftragte Ute Latuski-Ramm.
Elisabeth Kübler-Ross lebte seit den späten 1950er-Jahren in den USA. Hier ist sie auf einer Aufnahme von 1987 zu sehen. (Bild: Lois Bernstein /Keystone)

Frau Latuski-Ramm, warum gilt Elisabeth Kübler-Ross als Pionierin bei der Begleitung sterbender Menschen?
Sterben und Tod haben in der modernen Medizin lange nicht ins Konzept gepasst. Zur Zeit von Elisabeth Kübler-Ross – in den 1960er und 1970er Jahren – hatten viele Ärztinnen und Ärzte Berührungsängste mit dem Thema, es war ein Tabu. In den grossen Kliniken wurden Patienten zum Sterben in Abstellkammern geschoben. Kübler-Ross hat Sterbende besucht, sich mit ihnen unterhalten und ihnen vor allem zugehört. Das war für die damalige Zeit revolutionär. Heute können wir das schwer nachvollziehen, weil der Tod in der Medizin inzwischen viel selbstverständlicher einen Platz bekommen hat.

Mit ihrem Buch «Interviews mit Sterbenden» hat Kübler-Ross weltweit Aufmerksamkeit erregt. Welche Wirkung hatte sie durch ihre Arbeit?
Elisabeth Kübler-Ross gehörte zusammen mit Cicely Saunders zu den grossen Pionierinnen der Palliative Care und der Hospizbewegung. Beide haben dazu beigetragen, dass das Sterben in der Medizin nicht länger verdrängt wurde, sondern als Teil des Lebens verstanden wurde. Das führte auch zu den Fragen, wie wir das Sterben gestalten wollen und in welcher Form wir für sterbende Menschen da sein können.

Zur Person

Ute Latuski-Ramm ist Pfarrerin und Leiterin der Ökumenischen Fachstelle BILL (Begleitung in der letzten Lebensphase). Sie ist zudem Beauftragte für Palliative Care der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen.

Viele kennen vor allem das Modell der fünf Sterbephasen, das später auch auf die Trauer angewandt wurde. Wie wird dieses heute beurteilt?
Das Phasenmodell ist heute wissenschaftlich überholt. Elisabeth Kübler-Ross hat Gespräche mit einzelnen Sterbenden geführt, sie hat nicht nach wissenschaftlichen Standards gearbeitet. Menschen durchlaufen Trauer nicht in Phasen. Das hiesse ja, dass Trauer irgendwann «durchgearbeitet» oder «überwunden» wäre. Nach dem Motto «nach Phase 5 ist meine Trauer abgeschlossen». Das ist ein falsches Verständnis. Trauer ist da und bleibt, mal bin ich mehr auf die Vergangenheit fokussiert und auf das, was fehlt oder auf die Person, die ich vermisse, mal bin ich zukunftsorientiert, freue mich über Dinge, mache Pläne. Trauer ist in Bewegung und verändert sich stetig. Vielleicht ist es eher meine Aufgabe, die Trauer in mein Leben zu integrieren. Die Beobachtungen von Kübler-Ross sind trotzdem hilfreich. Sie zeigen mir: Trauer kann verschiedene Gesichter und Ausdrucksweisen haben.

Welche Rolle hat Elisabeth Kübler-Ross in Ihrer eigenen Ausbildung gespielt?
Mir ist es wie vielen anderen gegangen: Man kommt an Elisabeth Kübler-Ross nicht vorbei. Kaum jemand wurde in der Fachliteratur zu Sterben und Trauer so oft zitiert wie sie. Inhaltlich wurden für mich dann aber bald andere Fachpersonen wichtiger. Es ist schon eine Weile her, dass ich die Bücher von Kübler-Ross gelesen habe.

Was hat uns Kübler-Ross heute noch zu sagen?
Meiner Meinung nach können wir noch immer sehr viel lernen, wenn wir sterbende Menschen begleiten. Und zwar nicht nur über den Tod und das Sterben, sondern auch über das Leben. Denn im Sterben zeigt sich wie unter einem Brennglas, was im Leben wirklich wichtig ist. Die Frage, wie wir mit sterbenden Menschen umgehen, führt daher auch zur Frage, wie wir als Lebende miteinander unterwegs sein wollen. Elisabeth Kübler-Ross hat uns den Blick für diese Fragen geöffnet.

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