«Klar hat Jesus Fussball gespielt»

«Einwurf Locher»: Einmal im Monat wirft Gottfried Locher, Präsident des Kirchenbundes, auf ref.ch Gedanken ein zu theologischen und auch ganz anderen Themen. Im Juni, aus aktuellem Anlass, zum Thema «Fussball und Religion».


Herr Locher, spielen Sie selber Fussball?
Selten. Als Schüler habe ich gern gespielt. Und eigentlich würde ich gerne wieder mehr spielen, ich verfette sonst noch. Mein Sohn spielt dafür beim FC Muri-Gümligen. Der ist richtig gut.

 

Welche Position haben Sie gespielt?
Linker Flügel oder linker Verteidiger. Ich bin Linksfüsser, das verwirrt den Gegner kolossal.

 

Schauen Sie Fussball am TV?
Nur mit anderen zusammen. Aber zuhause findet leider niemand meine Kommentare lustig.

 

Ist Fussball ein Sinnbild für das Leben?
Manchmal schon. Zum Beispiel: Kein Erfolg ohne starkes Team. Oder: Nicht jeder ist ein Stürmer, es braucht auch Verteidiger. Oder: Keine Höchstleistung ohne einen starken Gegner. Und schliesslich: Die Zuschauer wissen sowieso alles besser. All das ist im richtigen Leben auch so. Wie auch der alte ABBA-Song «The Winner Takes It All», auch das stimmt: Gewinner haben mehr Freunde als «Loser» (Verlierer). Der Song stammt übrigens aus dem Sommer 1980 – da war Fussball-EM in Italien.

 

Warum wissen Sie das noch?
Keine Ahnung. Ich war damals 14jährig und ABBA-Fan.

 

Immer noch ABBA-Fan?
Sicher, alte Liebe rostet nicht. Die haben gute, träfe Texte… Aber wir schweifen ab.

 

Wie könnte man den Ball theologisch deuten?
Keine Ahnung. Warum denn theologisch? Eher kommt mir in den Sinn: Der Ball steht für das Schicksal. Der Ball ist deine Chance. Plötzlich kommt sie, plötzlich liegt sie vor dir. Jetzt bist du dran, mach etwas daraus. Der Ball ist weder gut noch schlecht. Im Ball steckt deine Freiheit. Du musst selber entscheiden. Niemand hilft dir. Im Gegenteil, der Gegner will dich stoppen und deine eigenen Mitspieler sind neidisch, wenn du ein Tor schiesst. Du bist keine Marionette, sondern selber verantwortlich für dein Tun. Deine Freiheit macht dich zum Menschen.

 

Wie könnte man den Schiedsrichter theologisch deuten?
Nicht als Gott. Der lässt Regelverstösse nämlich zu, sogar schlimme Fouls. Nicht jeder Übeltäter wird im richtigen Leben vom Feld gestellt. Gott lässt jeden schiessen, mit Bällen auf Tore oder mit Waffen auf Menschen. Gott lässt zu, dass einer dem andern Leid antut. Das ist eines seiner dunkleren Geheimnisse.

 

Ist der Schiedsrichter nicht eine Art strenger Richter?
In einem gewissen alttestamentlichen Sinn trifft das zu. Der Schiedsrichter funktioniert nach dem Prinzip «Auge um Auge, Zahn um Zahn», obwohl es im Alten Testament ja auch barmherzigere Formen des Richters gibt. Jedenfalls ist der Schiedsrichter nicht der gnädige christliche Richter, der alle Roten Karten weglegt und verzeiht.

 

Der französische Philosoph Albert Camus soll gesagt haben «Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen weiss, verdanke ich dem Fussball.» Können Sie der Aussage etwas abgewinnen?
Das Zitat geht noch ja weiter: «… verdanke ich dem Fussball, verdanke ich meinem Club RUA.» («Racing Universitaire Algérois», Anmerkung der Red.) Camus spricht also von seinem Heimatklub. Er ist in Algerien in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Sein Klub war dann die Möglichkeit, Menschen aus anderen Schichten kennenzulernen. Ein Fussballklub ist ein Mikrokosmos der Gesellschaft. Hier lernt man die unterschiedlichsten Leute kennen, lernt einander schätzen, und das ist gut für den sozialen Kitt. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

 

Meint Camus nicht auch, dass man die Moral auf dem Fussballplatz lernt?
Es scheint so. Wir haben ja schon über den Fussball als Sinnbild des Lebens gesprochen. Wo gekämpft wird, zeigt sich die Moral immer besonders deutlich – und erst recht die Unmoral. Über den Nobelpreis-Fussballfan Camus gibt’s übrigens hier einen schönen Artikel: www.journal21.ch/albert-camus-der-fussballnarr.

 

Vielen Dank für den Link. Gerne wird Fussball als Religion bezeichnet. Ein abgedroschenes Klischee?
Finde ich nicht. Bei kleinen und grossen Buben hat der Fussball offensichtlich religiöse Züge. Wer den Fussball vergöttert, der findet auf dem Rasen seine Kirche. Der Sonntagsmatch wird zum Gottesdienst der besonderen Art. Fussballstars werden verehrt wie Heilige, ihr Konterfei aufgestellt wie Ikonen. Bei unserem Sohn hing lang Wayne Rooney an den Wänden, das war wohl als Gegenentwurf zum eigenen Vater gedacht… (lacht).

 

Hätte Jesus Fussball gespielt?
«Hätte»? Klar hat Jesus Fussball gespielt. Oder können Sie sich einen Jungen vorstellen, der nie in seinem Leben mit Kameraden einen Ball herumgekickt hat, irgendwo in einem Hinterhof? Jesus war ganz Mensch, ganz Mann und ergo auch mal ganz Bub. Später hatte er bekanntlich kaum mehr Zeit fürs Spielen.

 

Aber Jesus war nicht so der spielerische Typ, oder?
Weiss ich nicht. Irgendwann verliert jedes Leben seine Leichtigkeit. Aus Spiel wird Ernst, früher oder später. Wer nur spielen will, muss blind sein für all das Leiden um ihn herum. So sind ja auch die Erzählungen von Jesus Leidensgeschichten, Passionen. Die kommen mir nicht so spielerisch vor, eher existenziell. Das Leben ist mehr als ein Spiel.

 

Aber das Fussballspiel ist doch auch leicht und spielerisch.
Zum Glück. Darum mag ich ja den Fussball, er macht Freude auf dem Feld und auf der Tribüne und vor dem Fernseher. Fussball ist ein Spiel – das muss man manchmal gerade den Fussballfans in Erinnerung rufen. Um Leben und Tod geht es hier nicht – anderswo schon.

 

Hätte Jesus sich als Erwachsener mit Fussball abgegeben?
Keine Ahnung. Jesus hat Zöllner und Prostituierte getroffen, den reichen Lazarus und Arme, den mächtigen Pontius Pilatus und Einflusslose, Menschen aller Art. Er wäre schlecht beraten gewesen, wenn er nicht auch mit Sportlern zu tun gehabt hätte. Wie kann man die Welt retten, wenn man das Leben nicht kennt?

 

Findet man im System Fussball das Christentum?
Nicht übertreiben mit dem Vergleich… Das Evangelium sucht man besser nicht nur auf dem Letzigrund oder im Stade de Suisse. Jesusworte klingen anders als Sportnachrichten. Zum Beispiel so: Dein Wert hängt nicht von deiner Leistung ab. Gottes Gnade ist grösser als dein eigener Verdienst. Wer schwach ist, körperlich oder geistig, ist gleichwertig, und mehr als das: selig. Bei solchen Worten ist Schluss mit der Schnittmenge von Fussball und Christentum. Ein Match ist ein Kampf, Mann gegen Mann, eine Art domestizierter Lebenskampf. Wo andere kämpfen, sind wir immer gern Voyeure. Wir wollen Sieger sehen, und Verlierer. Darum schauen wir zu.

 

Mit einer konsequent christlichen Haltung könnte man keinen Fussball spielen, einverstanden?
Klar kann man. Einige Fussballregeln sind sogar zeichenhaft. Zum Beispiel: Du sollst nicht foulen. Da klingt an: Du sollst nicht Leib und Leben anderer Menschen gefährden, nicht töten. Oder du sollst nicht im Strafraum eine Schwalbe produzieren – da klingt an: Du sollst nicht lügen. Fussball ist eine prima Lebensschule. Das Problem liegt eher beim Zuschauer als beim Spieler.

 

Warum?
Weil wir nicht leben, um anderen beim Leben zuzuschauen. Wir leben, um selber aufs Feld zu gehen. Gott hat uns Zeit und Kraft und Freiheit geschenkt. Wollen wir einen Grossteil davon bei Pommes Chips und Bier vor dem Fernseher verbringen? Wollen wir kommentieren und verfetten, während andere kämpfen und ihr Letztes geben? Den Jüngern sagte Jesus: Folge mir nach. Das beginnt wohl damit, dass man sich aus der Couch wuchtet. Sonst verpassen wir den Einsatz. Und unser Spiel wird abgepfiffen, bevor wir noch die Schuhe gebunden haben. Ab aufs Feld.

Gottfried Locher ist seit 2011 Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK. Von 1994 bis 1999 war er Pfarrer der Schweizer Kirche in London. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Bern.