«Nichtstun ist Ausdruck von Bescheidenheit»

«Einwurf Locher»: Einmal im Monat wirft Gottfried Locher, Präsident des Kirchenbundes, auf ref.ch Gedanken ein zu theologischen und auch ganz anderen Themen. Im Juli zu «Ferien, Freizeit, Trägheit». Die Fragen stellte Matthias Böhni.


Herr Locher, wenn dieses Interview erscheint, sind Sie bereits in den Ferien. Wo werden Sie sein?
Für zweieinhalb Wochen in einer «Seaside Cottage» an der Ostküste Kanadas. Dort ist es schön still, hat glaub nicht mal richtig Internet. Das passt mir. Ich will endlich wieder einmal Gedichte schreiben.

 

Ganz allein?
Zwischendurch sind wohl auch die Hausbesitzer dort. Meine Familie fand meinen Ferien-Ego-Trip nicht lustig. Wir haben uns auf eine Kompensation geeinigt: Es gibt gemeinsame Herbstferien. Wir fahren auf einem Hausboot durch Holland. Alle fünf! Darauf freue ich mich auch.

 

Welche Destinationen bevorzugen Sie?
Mir gefällts zuhause. Da kann ich endlich richtig nachschlafen. Und es hat ein Klavier und neuerdings eine Glacémaschine, also Musik und Desserts à gogo. Weg von zuhause bin ich sonst genug. Schön sind aber Kurzausflüge, mit meiner Frau Barbara in einem Hotel, versorgt und verwöhnt.

 

Können Sie die Ferien geniessen? Oder denken Sie dauernd: Das und das muss ich noch machen?
Das hängt davon ab, was vor den Ferien los ist. Ferien muss ich mir freischaufeln. Wenn noch ein Haufen Pendenzen herumliegt, kann ich schlecht entspannen. Damoklesschwerter, die schon ganz tief hängen, muss ich noch abhängen. Erst dann kann ich die Ferien geniessen. Und dann vergesse ich manchmal sogar, welchen Wochentag wir gerade haben – ein gutes Zeichen. Ferien ist, wenn die Zeit still steht.

Protestanten haben ein gespaltenes Verhältnis zur Freizeit, dann sind sie nicht fleissig und produktiv. Ein Klischee?
Es hat etwas Wahres. Wir definieren uns viel mehr über die Leistung, als wir zugeben. Umso krampfhafter betonen wir, wie total allein aus Gnade wir doch gerettet werden und wie unser Heil doch so gar nichts mit der eigenen Leistung zu tun habe. Irgendwie haben wir zwei Seelen in der Brust, fast eine Art Glauben-Handeln-Schizophrenie. Am Sonntag beschwören wir «sola gratia», Rechtfertigung allein durch Gott. Aber von Montag bis Samstag verhalten wir uns so, als läge unser Seelenheil in der eigenen Leistung. Wir tun nicht, was wir glauben. Oder wir glaubens nicht wirklich.

 

Sollen die Protestanten damit leben oder sich ändern?
Sich entwickeln. Hart arbeiten UND lustvoll freimachen. «Man dient Gott auch durch Nichtstun», sagt Luther. Nichtstun ist nicht Faulheit. Nichtstun ist Ausdruck von Bescheidenheit. Die Welt wird nicht gerettet durch unsere Leistung, sondern durch Christus. Wer das verstanden hat, nimmt sich weniger wichtig. Man muss nicht TUN, nicht leisten, um Gott zu dienen. Es genügt zuweilen, einfach zu SEIN – Mensch und menschlich. Das würde übrigens – um etwas abzuschweifen – auch für Pfarrerinnen und Pfarrer gelten. Wenn man sie mit Pflichtenheften, Stellenbeschrieben und Arbeitszeittabellen zupflastert, dann hat man falsch verstanden, was eigentlich ihr Dienst ist. Pfarrdienst besteht nicht aus ständigem Funktionieren. Nicht zuerst TUN, sondern zuerst SEIN, da-sein für die Gemeinde. Das Pfarramt braucht mehr Frei-Zeit. Das gibt Frei-Raum für Gottesdienst.

 

Wie verhält es sich aus protestantischer Sicht mit der katholischen Todsünde Acedia, der Trägheit, dem süssen Hineingleiten ins Nichtstun?
Die liebe Acedia ist allzeit an meiner Seite. Sie flötet mir zum Beispiel zu, noch ein Weilchen liegen zu bleiben, wenn ich doch eigentlich längst aufstehen und arbeiten möchte. Leider gewinnt sie zu oft. Aber ich mag sie nicht. Sie hindert mich an dem, was ich doch eigentlich tun möchte. Die Trägheit ist ein Laster, eine Veranlagung, sozusagen ein Teil unseres Gen-Materials, man wird sie nie ganz los. Aber immer gewinnt sie nicht.

 

Wann kippt Ruhe in Trägheit?
Gar nicht. Ruhe und Trägheit sind Gegenpole. Wer wirklich in sich ruht, der ist nicht träge. Trägheit ist bei mir eher ein Ausdruck von innerer Unruhe, Rastlosigkeit. Unruhe entsteht, wenn ich das Nichtstun vernachlässige. Dann kann ich weder ruhen noch leisten. Ferien sind das beste Gegenmittel gegen Trägheit beim Arbeiten. Wer viel leisten will, soll viel Nichtstun einplanen. Ferien reichen aber nicht. Auch im Alltag brauchts Ruhezeiten. Zum Beispiel jeden Tag ein Abendgebet mit Kerze, Lesung und Stille. Täglich ein paar Minuten Ferien für die Seele.

 

Gehe ich richtig in der Annahme, dass die Bibel nichts zu Ferien sagt, weil es dieses Konzept damals noch nicht gab?
Ich wüsste jedenfalls keine passende Bibelstelle dazu. Auch in den theologischen Lexiken steht interessanterweise nichts dazu. Aber in der Genesis liest man viel über den siebenten Tag, den Sabbat, wo man bewusst nichts tun soll. Damit hängt auch das Luther-Zitat zusammen. Ruhezeit ist sehr wohl ein biblisches Thema.

 

Der Sabbat hatte damals wohl mehr die Funktion, die körperlichen Kräfte zu regenerieren.
Typisch protestantisch: gleich ganz pragmatisch nach der Funktion fragen… Als ginge es im ganzen Universum immer nur um den Menschen. Klar ist Sabbatruhe gut für den Menschen. Aber es geht um viel mehr. Es geht eben um das Zeichen der Bescheidenheit: Gott tut Gutes, das der Mensch nicht tun kann. Die Jahreszeiten sind ja auch eine grandiose Abfolge von Wachstum und Stillstand.

 

Was haben die Reformatoren zur Freizeit gesagt? Haben sie überhaupt etwas dazu gesagt?
Mir fällt nur Luther ein. Zwingli kurte hie und da in Bad Ragaz, aber ob man das Ferien nennen soll, weiss ich nicht. Indirekt passt aber das reformatorische Motto sehr gut: «soli deo gloria», «allein Gott die Ehre!» Wer damit Ernst macht, muss zwischendurch auch mal bewusst auf eigene Anerkennung verzichten. Rechtfertigung ohne eigene Leistung. Lust am Nichtstun ist nicht minder protestantisch wie die vielzitierte Arbeitsethik…

 

Was sagt die Bibel zur Freizeit?
Am wichtigsten sind eben die Aussagen zum Sabbat; wir sollen Zeit einplanen für den Gottesdienst. Gottesdienst ist ja ökonomisch völlig sinnlos, da wird nichts geleistet, das Bruttoinlandprodukt wird nicht erhöht. Gottesdienst kostet bloss Zeit und Geld. Aber der Gottesdienst ist eben ein unverzichtbares Zeichen: Der Sinn des Lebens besteht nicht aus Karriere, sondern aus Gotteslob. Gottesdienst ist Frei-Zeit. Er befreit uns von Illusionen über uns selber. Er schenkt unseren Seelen Erholung.

 

Haben Sie Verständnis dafür, dass andere Religionsgemeinschaften an ihren hohen Feiertagen auch Freitage einziehen möchten?
Sicher. Juden zum Beispiel feiern in unserer mehrheitlich christlich geprägten Schweiz natürlich den Sabbat. Welche Feiertage öffentlich sind, hängt von den konfessionellen Mehrheitsverhältnissen mit ab. Auch muslimische Festtage werden ein Thema, wenn der Islam eine Grösse erreicht, die für die Gesellschaft prägend wird.

 

Oft werden heute kirchliche Feiertage nur noch als arbeitsfreie Tage geschätzt. Bedauern Sie die Entwicklung?
Man verschenkt sich etwas, wenn man die kirchlichen Feiertage ignoriert. Ein kirchliches Fest ist wie ein Ferientag mit Programmvorschlag. Das Programm ist mindestens so sinnvoll wie manches, was einem der Animateur in den Ferien aufschwatzen will. Weihnachten und Ostern gliedern das Jahr wunderbar anders als die Steuererklärung und die Rechnungsabschluss-Saison. Das Kirchenjahr ist die befreiende Alternative zum Fiskaljahr. Darum bringen wir im Kirchenbund immer etwas zu Weihnachten und Ostern. Checken Sie unsere Website.

 

Die Kirchen befinden sich aber eher in einer defensiven Haltung und verteidigen Tanzverbote am Karfreitag.
Das bringt nichts. Man sollte da keine Energie verschwenden mit Dingen, die passé sind. Stattdessen sollten wir uns darauf konzentrieren, den Karfreitag zum geistlichen Erlebnis zu machen. Ich möchte da einen Gottesdienst erleben, der mich aufwühlt. Gott selbst ist tot: Das ist Karfreitag. Einmal im Jahr geht es bewusst um den Tod. Mitten im Leben. Auch das hilft gegen Illusionen. Karfreitag ist gesund: Er reinigt die Seele. Alles hat seine Zeit. Tanzen ist später. Schafft es die Kirche, endlich wieder diese Botschaft zu vermitteln?

Gottfried Locher ist seit 2011 Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK. Von 1994 bis 1999 war er Pfarrer der Schweizer Kirche in London. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Bern.