Herr Locher, wenn dieses Interview erscheint, sind Sie bereits in den Ferien. Wo werden Sie sein?
Für zweieinhalb Wochen in einer «Seaside Cottage» an der Ostküste Kanadas. Dort ist es schön still, hat glaub nicht mal richtig Internet. Das passt mir. Ich will endlich wieder einmal Gedichte schreiben.
Ganz allein?
Zwischendurch sind wohl auch die Hausbesitzer dort. Meine Familie fand meinen Ferien-Ego-Trip nicht lustig. Wir haben uns auf eine Kompensation geeinigt: Es gibt gemeinsame Herbstferien. Wir fahren auf einem Hausboot durch Holland. Alle fünf! Darauf freue ich mich auch.
Welche Destinationen bevorzugen Sie?
Mir gefällts zuhause. Da kann ich endlich richtig nachschlafen. Und es hat ein Klavier und neuerdings eine Glacémaschine, also Musik und Desserts à gogo. Weg von zuhause bin ich sonst genug. Schön sind aber Kurzausflüge, mit meiner Frau Barbara in einem Hotel, versorgt und verwöhnt.
Können Sie die Ferien geniessen? Oder denken Sie dauernd: Das und das muss ich noch machen?
Das hängt davon ab, was vor den Ferien los ist. Ferien muss ich mir freischaufeln. Wenn noch ein Haufen Pendenzen herumliegt, kann ich schlecht entspannen. Damoklesschwerter, die schon ganz tief hängen, muss ich noch abhängen. Erst dann kann ich die Ferien geniessen. Und dann vergesse ich manchmal sogar, welchen Wochentag wir gerade haben – ein gutes Zeichen. Ferien ist, wenn die Zeit still steht.
Protestanten haben ein gespaltenes Verhältnis zur Freizeit, dann sind sie nicht fleissig und produktiv. Ein Klischee?
Es hat etwas Wahres. Wir definieren uns viel mehr über die Leistung, als wir zugeben. Umso krampfhafter betonen wir, wie total allein aus Gnade wir doch gerettet werden und wie unser Heil doch so gar nichts mit der eigenen Leistung zu tun habe. Irgendwie haben wir zwei Seelen in der Brust, fast eine Art Glauben-Handeln-Schizophrenie. Am Sonntag beschwören wir «sola gratia», Rechtfertigung allein durch Gott. Aber von Montag bis Samstag verhalten wir uns so, als läge unser Seelenheil in der eigenen Leistung. Wir tun nicht, was wir glauben. Oder wir glaubens nicht wirklich.
Sollen die Protestanten damit leben oder sich ändern?
Sich entwickeln. Hart arbeiten UND lustvoll freimachen. «Man dient Gott auch durch Nichtstun», sagt Luther. Nichtstun ist nicht Faulheit. Nichtstun ist Ausdruck von Bescheidenheit. Die Welt wird nicht gerettet durch unsere Leistung, sondern durch Christus. Wer das verstanden hat, nimmt sich weniger wichtig. Man muss nicht TUN, nicht leisten, um Gott zu dienen. Es genügt zuweilen, einfach zu SEIN – Mensch und menschlich. Das würde übrigens – um etwas abzuschweifen – auch für Pfarrerinnen und Pfarrer gelten. Wenn man sie mit Pflichtenheften, Stellenbeschrieben und Arbeitszeittabellen zupflastert, dann hat man falsch verstanden, was eigentlich ihr Dienst ist. Pfarrdienst besteht nicht aus ständigem Funktionieren. Nicht zuerst TUN, sondern zuerst SEIN, da-sein für die Gemeinde. Das Pfarramt braucht mehr Frei-Zeit. Das gibt Frei-Raum für Gottesdienst.
Wie verhält es sich aus protestantischer Sicht mit der katholischen Todsünde Acedia, der Trägheit, dem süssen Hineingleiten ins Nichtstun?
Die liebe Acedia ist allzeit an meiner Seite. Sie flötet mir zum Beispiel zu, noch ein Weilchen liegen zu bleiben, wenn ich doch eigentlich längst aufstehen und arbeiten möchte. Leider gewinnt sie zu oft. Aber ich mag sie nicht. Sie hindert mich an dem, was ich doch eigentlich tun möchte. Die Trägheit ist ein Laster, eine Veranlagung, sozusagen ein Teil unseres Gen-Materials, man wird sie nie ganz los. Aber immer gewinnt sie nicht.
Wann kippt Ruhe in Trägheit?
Gar nicht. Ruhe und Trägheit sind Gegenpole. Wer wirklich in sich ruht, der ist nicht träge. Trägheit ist bei mir eher ein Ausdruck von innerer Unruhe, Rastlosigkeit. Unruhe entsteht, wenn ich das Nichtstun vernachlässige. Dann kann ich weder ruhen noch leisten. Ferien sind das beste Gegenmittel gegen Trägheit beim Arbeiten. Wer viel leisten will, soll viel Nichtstun einplanen. Ferien reichen aber nicht. Auch im Alltag brauchts Ruhezeiten. Zum Beispiel jeden Tag ein Abendgebet mit Kerze, Lesung und Stille. Täglich ein paar Minuten Ferien für die Seele.
Gehe ich richtig in der Annahme, dass die Bibel nichts zu Ferien sagt, weil es dieses Konzept damals noch nicht gab?
Ich wüsste jedenfalls keine passende Bibelstelle dazu. Auch in den theologischen Lexiken steht interessanterweise nichts dazu. Aber in der Genesis liest man viel über den siebenten Tag, den Sabbat, wo man bewusst nichts tun soll. Damit hängt auch das Luther-Zitat zusammen. Ruhezeit ist sehr wohl ein biblisches Thema.