Eine Kirche fürs Quartier
Vor rund zwei Jahren haben die reformierten Kirchgemeinden Johannes und Markus in der Stadt Bern beschlossen, sich künftig auf einen Standort zu konzentrieren. Für die Johanneskirche wird ein Besitzerwechsel angestrebt, das denkmalgeschützte Ensemble der Markuskirche hingegen soll zu einem «modernen Begegnungszentrum» umgebaut werden.
Für den Umbau hat die Gesamtkirchgemeinde Bern eine öffentliche Ausschreibung gemacht, an der sich 16 Architekturbüros beteiligt haben. Fünf davon sind in die engere Auswahl gekommen. Als Siegerprojekt ist der Entwurf des Berner Büros «Althaus Architekten +» hervorgegangen, wie die Kirchgemeinde am 26. Januar mitgeteilt hat.
Ein zentraler Punkt in dem Konzept ist die flexible Nutzung des Kirchenraums. Dazu sollen die bestehenden Kirchenbänke entfernt und bei Bedarf durch eine Bestuhlung ersetzt werden. Im Seitenschiff sind kleinere Kirchenräume geplant, so zum Beispiel eine offene Kapelle und eine Kerzennische für die private Andacht.
Die Kirche als «erweitertes Wohnzimmer»
Die Vielfalt der Nutzungen sei beim Jury-Entscheid ausschlaggebend gewesen, sagt Marco Ryter, Präsident der Kirchgemeinde Johannes, auf Anfrage von ref.ch. «Unsere Kirche soll für ganz verschiedene Anlässe offen stehen, von der privaten Feier bis zum Sportanlass. Dazu ist es wichtig, dass der Kirchenraum für jede Veranstaltung neu inszeniert werden kann.»
Teil des Konzepts ist auch eine Umgestaltung des Kirchgemeindehauses. Hier soll ein Bistro entstehen, das sieben Tage in der Woche geöffnet ist. Das Berner Nordquartier Breitenrain-Lorraine sei ein lebendiges Quartier mit vielen Familien mit Kindern, sagt Ryter. «Für diese Menschen soll unsere Kirche so etwas wie ein erweitertes Wohnzimmer sein. Ein Ort, wo man sich treffen, feiern, tanzen und Märit halten kann.»
Was man hingegen nicht wolle, sei eine Kirche, die nur für den Gottesdienst oder für die Chorprobe besucht werde, so Ryter. «Unser Wunsch ist, dass unsere Liegenschaften von den Menschen gebraucht werden.» Im erweiterten Pfarrhaus, dem dritten Teil des Ensembles, sollen deshalb zusätzliche Räume für Jugendliche entstehen. «Als Quartierkirche wollen wir für die ganze Bevölkerung da sein und selbst Teil der Gemeinschaft werden», sagt Ryter.
Stadtkirchen im Umbruch
Die Theologin Sabrina Müller vom Zentrum für Kirchenentwicklung findet dieses Konzept spannend. In verschiedenen Ländern sei zu beobachten, dass Stadtkirchen sich verstärkt an den Menschen in ihrem Quartier orientieren und ihr «Kirche-Sein» diversifizierten. Für diese Bewegung gebe es unterschiedliche Namen wie «fresh expressions of Church» oder «kirchliche Erprobungsräume». «Die Kirchgemeinden stellen sich vermehrt die Frage, in welchem Kontext sie stehen und was es heisst, in einem bestimmten Kontext Kirche zu sein.»
Typisch für solche neuen kirchlichen Gemeinschaftsformen sei, dass man sich zusammen mit den Menschen im Quartier entwickeln wolle. «Partizipation ist ein wichtiger Punkt. Man will nicht einfach bestimmte Angebote kreieren, sondern Raum für Initiativen schaffen und die Menschen dazu ermutigen, Kirche mitzugestalten», sagt Müller.
Kirchgemeinden müssen sparen
Für das Projekt Markuskirche hat der Kleine Kirchenrat der Gesamtkirchgemeinde einen finanziellen Rahmen von 8 bis 10 Millionen Franken in Aussicht gestellt. Stimmt der Grosse Kirchenrat im Sommer dem Baukredit zu, kann im kommenden Jahr mit den Bauarbeiten begonnen werden. Bezugsbereit wäre das Zentrum voraussichtlich ab 2025.
Hintergrund des Projekts ist die Liegenschaftsstrategie der Gesamtkirchgemeinde Bern. Demnach sollen die Stadtberner Kirchgemeinden bis 2036 insgesamt 35 Millionen Franken bei den Liegenschaften einsparen. Die Umsetzung übernehmen die Kirchgemeinden: Sie sollen entscheiden, welche Gebäude weitergenutzt und welche an die Gesamtkirchgemeinde abgegeben werden.