Eidgenössische Wahlen

«Die Abwahl war wie ein Schlag ins Gesicht»

Die Aargauer EVP-Nationalrätin Lilian Studer hat die Wiederwahl verpasst. Sie befürchtet, dass der Rechtsrutsch im Parlament polarisierend wirkt.

Zwei Jahrzehnte lang war Lilian Studer politisch aktiv, nun endet ihre Karriere abrupt. Making-of-Bild eines Fotoshootings. (Bild: Alessandro della Valle/ Keystone)

Frau Studer, wie geht es Ihnen nach dem Verlust Ihres Mandats im Nationalrat?
Es war wie ein Schlag ins Gesicht, das wünsche ich niemandem. Ich habe verschiedenste Gefühlslagen durchlebt. Einerseits muss man verarbeiten, was geschehen ist, andererseits muss man sich Gedanken machen, wie es jetzt weitergeht. Da sind noch viele Fragezeichen. Ich habe mir deshalb bewusst noch etwas Zeit für mich genommen. Aber ich wurde auch getragen. Unser Team war genial und aus der Bevölkerung gab es viele schöne Rückmeldungen.

Die EVP Schweiz hat einen von insgesamt drei Sitzen verloren. Wie ist die Stimmung in der Partei?
Alle bedauern den Sitzverlust. Es wäre super gewesen, mit einem dritten Sitz einen noch grösseren Beitrag leisten zu können. Aber ich freue mich für Nik Gugger und Marc Jost, die wiedergewählt wurden. Sie sind tolle Menschen und Nationalräte und werden ihre Spuren hinterlassen.

«Eigentlich haben wir ein sehr gutes Resultat erzielt.»
Lilian Studer, Präsidentin der EVP Schweiz

Hätte die EVP ihren Sitz im Kanton Aargau mit einer anderen Strategie halten können?
Gemeinsam mit der GLP hätten wir den Sitz geholt. Im Nachhinein weiss man es immer besser. Im Frühling haben wir alles durchgerechnet und sind zum Schluss gekommen, dass eine Listenverbindung vor allem der GLP geholfen hätte. Das hat sich jedoch verändert.

Worauf führen Sie den Sitzverlust zurück?
Eigentlich haben wir ein sehr gutes Resultat erzielt. Neben der SVP waren wir die einzigen, die zulegen konnten.* Allerdings hat unsere Listenpartnerin, die Mitte, unerwartet Stimmenanteile verloren. Auch die Listenverbindung der SVP mit der EDU und der FDP hat eine wichtige Rolle für den Sitzverlust gespielt.

Sie haben Ihren Sitz zwar an die SVP verloren, aber er hätte auch an die Mitte gehen können...
Das wäre mir lieber gewesen, weil die Mitte uns nähersteht und ihre Politik konstruktiver ist.

Mit welchen Folgen rechnen Sie nach dem Rechtsrutsch im Parlament?
Es ist ja nicht so, dass bei Wahlen in der Schweiz das ganze Parlament auf den Kopf gestellt wird. Aber ich befürchte, dass die Polarisierung zunimmt und es schwieriger wird, gemeinsam Lösungen zu finden.

«Eine Kandidatur ist ein Kraftakt.»
Lilian Studer, Präsidentin der EVP Schweiz

Besonders die Klimaallianz, zu der auch die EVP gehört, hat empfindliche Verluste eingefahren. Wie reagiert Ihre Partei darauf?
Das gibt mir zu denken. Immerhin haben wir das Klimaschutzgesetz als Grundlage. Hinzu kommt, dass die Energiemangellage Druck macht, in inländische, erneuerbare Energien zu investieren.

Bleiben Sie Präsidentin der EVP?
Darüber müssen wir noch diskutieren. Ich war immer der Ansicht, dass ein Parlamentsmitglied diese Funktion ausüben sollte. Da ist man einfach näher am Geschehen dran. Ausserdem ist es davon abhängig, was ich beruflich machen werde. Das hat Vorrang.

Zur Person

Lilian Studer hat 17 Jahre lang für die Evangelische Volkspartei (EVP) im Aargauer Kantonsparlament politisiert. 2019 holte sie für die EVP Aargau den Sitz im Nationalrat zurück, den die Partei 2007 verloren hatte. Bis 2021 war Studer Geschäftsführerin des Blauen Kreuzes Aargau-Luzern. Anschliessend übernahm sie das Parteipräsidium der EVP Schweiz und widmete sich ganz der Politik. (pef)

In vier Jahren könnte das Pendel wieder anders ausschlagen. Können Sie sich vorstellen, erneut zu kandidieren?
Das ist eine Frage, die ich mir zu gegebener Zeit nochmals stelle. Eine Kandidatur ist ein Kraftakt. Seit 22 Jahren durfte ich die Politik nun mitgestalten. Jetzt werden andere Dinge Priorität haben.

*Redaktioneller Hinweis: Die EVP und der Verein «engagiert» sind im Kanton Aargau eine Unterlistenverbindung eingegangen. Dieses Bündnis konnte seinen Wähleranteil um 0,8 Prozentpunkte steigern. Die EVP selbst hat 0,1 Prozentpunkte an Wähleranteil eingebüsst.