Diese Filme begeisterten in Locarno

«Sibel» hat den Filmpreis der Ökumenischen Jury am Filmfestival Locarno gewonnen. Doch auch andere Filme machten Furore. Charles Martig, Filmredaktor bei kath.ch, und Pfarrerin Ingrid Glatz-Anderegg von Interfilm blicken auf ihre Highlights zurück.

Der Kampf ser stummen Sibel gegen eine patriarchale Gesellschaft überzeugte die Jury. «Sibel» wurde mit dem Ökumenischen Filmpreis ausgezeichnet.
Der Kampf der stummen Sibel gegen eine patriarchale Gesellschaft überzeugte die Ökumenische Jury. (Bild: Pyramide Films)

Die Auswahl an Filmen am 71. Filmfestival in Locarno war gross. Nicht weniger als 16 Filme konkurrierten um den Ökumenischen Filmpreis. Dieser ging schliesslich an die französisch-türkische Koproduktion «Sibel».

Die beiden Regisseure Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti erzählen die Geschichte der stummen Sibel, die in der türkischen Provinz lebt und von der Gesellschaft aufgrund ihrer Beeinträchtigung ausgegrenzt wird. Auf der Suche nach der Freiheit, die sie im Dorf nicht findet, verbringt Sibel die meiste Zeit im Wald. Dort trifft sie eines Tages auf einen mysteriösen Flüchtling. Die Begegnung wird zum Ausgangspunkt von Sibels Emanzipation.

Der Film zeige ein «kraftvolles Bild einer Figur, die patriarchalische Strukturen und Identitäten in Frage stellt und so zu einem Beispiel für die Würde der anderen Frauen in der Gemeinschaft wird», heisst es in der Begründung der Jury.

Weitere Highlights

Die Ökumenische Jury zeichnete zudem die beiden Filme «Diane» und den Gewinner des Goldenen Leoparden, «A Land Imagined», mit einer lobenden Erwähnung aus. Auch sonst überzeugten die Filme der 71. Ausgabe des Filmfestivals. Für Charles Martig, Filmredaktor bei kath.ch, und Pfarrerin Ingrid Glatz-Anderegg von der protestantischen Filmorganisation Interfilm, waren diese Filme besonders sehenswert:

«First Reformed» – ein Pfarrer in der Existenzkrise

Worum es geht: Ein reformierten Pfarrer – brillant verkörpert von Ethan Hawke  – durchleidet eine tiefgreifende spirituelle und psychologische Krise. Mit seiner Alkoholsucht schadet er seiner Gesundheit, lehnt aber auch jede Hilfe ab. Durch eine Begegnung mit einem jungen Paar, das sich für die Umwelt einsetzt, wird er mit seinen Abgründen konfrontiert. Dabei entdeckt aber auch einen neuen Sinn in seiner Arbeit. Mit einer radikalen Lösung will er zum 250-Jahr-Jubiläum seiner Kirche, der historisch bedeutenden «First Reformed» im Staat New York, die existentiellen und ökologischen Probleme aus der Welt schaffen.

Charles Martig: «Mit seinem neuen Film ist Paul Schrader, einer der bedeutendsten Filmemacher der USA, auf dem Zenit seines Schaffens. Er zeigt ein überraschendes und hinreissendes Drama, das wie ein Donnerschlag wirkt und lange nachklingt. Etwas vom Besten im diesjährigen Programm von Locarno, das es ausserhalb des Wettbewerbs zu sehen gab.»

«Menocchio» – in den Mühlen der Inquisition

Worum es geht: Der Film erzählt die wahre Geschichte von Domenico Scandella, genannt Menocchio, einem Müller im Italien des 16. Jahrhunderts. Als kirchenkritischer Geist geriet Menocchio in die Mühlen der katholischen Inquisition. Wegen Ketzerei verfolgt, hörte er nicht auf den Rat der Freunde und stellte sich dem Gericht. Der Kostümfilm des italienischen Regisseurs Alberto Fasulo beruht auf dem Studium der überlieferten Prozessakten, die den Weg von der Verhaftung Menocchios bis zu seiner Verurteilung zum Tod auf dem Scheiterhaufen dokumentieren.

Ingrid Glatz-Anderegg: «Ein Film, der durch gekonnte Kameraführung und dem Spiel mit Licht und Schatten besticht. Aber auch die Geschichte berührt. Die Hauptfigur fasziniert mich, weil solche Menschen wichtig waren, um die Gedanken der Reformation zu verbreiten.»

«Female Pleasure» – Rebellion gegen patriarchale Strukturen

Worum es geht: Die Schweizer Regisseurin Barbara Miller begleitet fünf junge Frauen aus fünf verschiedenen Kulturen, die sich gegen die Repression der weiblichen Sexualität ihrer kulturellen und religiösen Gemeinschaften auflehnen. Der Film legt Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen Protagonistinnen offen und zeigt ihren Kampf für eine selbstbestimmte weibliche Sexualität. Dabei werden patriarchale Strukturen und die heutige Pornokultur in Frage gestellt.

Charles Martig: «Die Grundbotschaft des Films ist stark. Er zeigt, dass Veränderungen bei Themen wie Sexismus und Missbrauch nur möglich sind, wenn Frauen und Männer gemeinsam daran arbeiten und neue Wege suchen.»

«Alice T.» – ein berührendes Teenager-Drama

Worum es geht: In dem rumänischen Drama «Alice T.» schildert Regisseur Radu Muntean die Konflikte zwischen der rebellischen Teenagerin Alice und ihrer Adoptivmutter Bogdana. Als Alice schwanger wird, stellt dies die Beziehung zu ihrer Mutter auf eine ernsthafte Probe. Für ihre Darstellung von Alice erhielt Filmdebütantin Andra Guti von der Internationalen Jury des Filmfestivals den Preis als beste Schauspielerin.

Ingrid Glatz-Anderegg: «Der Film schildert die berührende Geschichte einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung. Ganz stark in diesem Film scheint mir die Rolle der Mutter, die trotz grosser Probleme zu ihrer pubertierenden, rebellischen Tochter steht, konsequent aber auch gewisse Forderungen stellt. Die Ambivalenz zwischen Ablehnung und Liebe zu ihrer Mutter spielt die Protagonistin Alice realitätsnah und überzeugend.»

Die rumänische Schauspielerin Andra Guti wurde für ihre Rolle im Teenager-Drama «Alice T.» als beste Darstellerin ausgezeichnet. (Bild: Filmfestival Locarno)

«M» – Konfrontation mit der Vergangenheit

Worum es geht: In ihrem Dokumentarfilm «M» erzählt Yolande Zauberman die Geschichte des 35-jährigen Menahem Lang. Lang war bekannt für seine Freundlichkeit, sein Engagement für die Talmud-Schule und vor allem für seine goldene Stimme, die ihn zu einem berühmten Interpreten liturgischer Gesänge machte. Im Alter von zwanzig Jahren brach er jedoch mit diesem frommen Leben und zog nach Tel Aviv, denn als Kind wurde er jahrelang von Mitgliedern seiner ultraorthodoxen Gemeinschaft, die ihn anbeteten, vergewaltigt. Nun kehrt er mit Zauberman zurück, um seine Peiniger zu stellen. Der Film wurde von der Jury des Filmfestivals mit einem Spezialpreis ausgezeichnet.

Charles Martig: «Der Film lebt von der Stärke seiner Hauptfigur. Er zeigt eindrücklich, wie ein junger Mann seine eigene Vergangenheit aufzuarbeiten versucht und was ein überzeugender Film dazu beitragen kann.»