Herr Schüpbach, Cannes steht für Stars und Glamour, die ökumenische Jury eher für spirituelle oder ethische Werte. Wie passt das zusammen?
Es stimmt: Auf der einen Seite ist da dieses glamouröse Cannes, die Côte d’Azur und die ganze Kulisse, die zum Cüpchen-Trinken einlädt. Das ist ja auch schön. Auf der anderen Seite steht da die viele Arbeit. Unsere Jury hat ein volles Programm und beurteilt viele Filme. Wir suchen nach evangelischen Momenten. Solche Gegensätze gehören zum Leben. Selbst in der Bibel prallen Gegensätze aufeinander. Das ist auch das Tolle an Filmen und an diesem Festival: Es ist ein Abbild des Lebens.
Welche Themen brodeln am Filmfestival unter der schillernden Oberfläche?
Momentan spürt man in Cannes, dass Frauen- und Menschenrechte die Filmemacher beschäftigen. Generell nehme ich eine Sorge um die Welt wahr. «Girls of the Sun» zum Beispiel zeigt Kämpferinnen in Kurdistan, die sich gegen den sogenannten Islamischen Staat wehren. Der Regisseur Spike Lee erzählt in «BlacKkKlansman» vom Ku-Klux-Klan in den 1970er-Jahren, behält aber auch die Gegenwart im Auge.
«Was Franziskus im Film von Wim Wenders sagt, betrifft uns alle.»
Können Sie schon eine Filmempfehlung für die kommenden Kinomonate abgeben?
Zu den Wettbewerbsfilmen muss ich als Juror im Moment noch schweigen. Ausserhalb des Wettbewerbs habe ich jedoch «Papst Franziskus» von Wim Wenders gesehen. Ich war überrascht, wie eindrücklich und berührend der Dokumentarfilm ist. Das geht weit über katholische Befindlichkeiten hinaus. Was Franziskus dort sagt, betrifft uns alle. Ich finde das genial, dass so ein Film auch zu mir sprechen kann – dass sogar der Papst zu mir sprechen kann, obwohl ich als reformierter Pfarrer mit ihm nichts am Hut habe.>

Nachdem Skandalregisseur Lars von Trier Cannes mehrere Jahre fernblieb, sorgt dort nun sein Film «The House Jack Built» für Aufregung. Ob der gewalttätigen Szenen verliessen mehrere Zuschauer die Vorführung. (Bild: Zentropa-Christian Geisnaes)