«In Cannes laufen überraschend viele ernsthafte Filme»

In Cannes sonnen sich die Stars im Scheinwerferlicht. Doch auch die Kirche ist mit der Ökumenischen Jury am Filmfestival vertreten. Mit dabei: der Zürcher Pfarrer Thomas Schüpbach.

Thomas Schüpbach nutzt Filme im Pfarralltag und ist nun das erste Mal als Jurymitglied in Cannes dabei. (Bild: Jury œcuménique)

Herr Schüpbach, Cannes steht für Stars und Glamour, die ökumenische Jury eher für spirituelle oder ethische Werte. Wie passt das zusammen?
Es stimmt: Auf der einen Seite ist da dieses glamouröse Cannes, die Côte d’Azur und die ganze Kulisse, die zum Cüpchen-Trinken einlädt. Das ist ja auch schön. Auf der anderen Seite steht da die viele Arbeit. Unsere Jury hat ein volles Programm und beurteilt viele Filme. Wir suchen nach evangelischen Momenten. Solche Gegensätze gehören zum Leben. Selbst in der Bibel prallen Gegensätze aufeinander. Das ist auch das Tolle an Filmen und an diesem Festival: Es ist ein Abbild des Lebens.

Welche Themen brodeln  am Filmfestival unter der schillernden Oberfläche?
Momentan spürt man in Cannes, dass Frauen- und Menschenrechte die Filmemacher beschäftigen. Generell nehme ich eine Sorge um die Welt wahr. «Girls of the Sun» zum Beispiel zeigt Kämpferinnen in Kurdistan, die sich gegen den sogenannten Islamischen Staat wehren. Der Regisseur Spike Lee erzählt in «BlacKkKlansman» vom Ku-Klux-Klan in den 1970er-Jahren, behält aber auch die Gegenwart im Auge.

«Was Franziskus im Film von Wim Wenders sagt, betrifft uns alle.»

Können Sie schon eine Filmempfehlung für die kommenden Kinomonate abgeben?
Zu den Wettbewerbsfilmen muss ich als Juror im Moment noch schweigen. Ausserhalb des Wettbewerbs habe ich jedoch «Papst Franziskus» von Wim Wenders gesehen. Ich war überrascht, wie eindrücklich und berührend der Dokumentarfilm ist. Das geht weit über katholische Befindlichkeiten hinaus. Was Franziskus dort sagt, betrifft uns alle. Ich finde das genial, dass so ein Film auch zu mir sprechen kann – dass sogar der Papst zu mir sprechen kann, obwohl ich als reformierter Pfarrer mit ihm nichts am Hut habe.

Nachdem Skandalregisseur Lars von Trier Cannes mehrere Jahre fernblieb, sorgt dort nun sein Film «The House Jack Built» für Aufregung. Ob der gewalttätigen Szenen verliessen mehrere Zuschauer die Vorführung. (Bild: Zentropa-Christian Geisnaes)

Neben Wim Wenders Papst-Film machte in Cannes der Provokateur Lars von Trier von sich reden.
Im Gegensatz zum Papst-Film kann ich von Triers «The House that Jack Built» gar nicht empfehlen. Normalerweise mag ich schräge Filme und schwarzen Humor. Mit Gewalt im Film habe ich kein grundsätzliches Problem. Bei Lars von Triers Film aus der Perspektive eines Serienmörders habe ich mich aber wirklich gefragt, ob dieser Mensch eigentlich krank ist. Der Film ist dermassen negativ, brutal und frauenfeindlich. Er geht zu weit. Auch die durch Bruno Ganz verkörperte Figur, welche den Serienmörder kritisch hinterfragt, rettet den Film nicht.

«Ein Film kann die Bibel nicht ersetzen, er kann jedoch ihre Botschaft unterstreichen.»

Also lieber zurück zu den Filmen, die Sie in Ihrem Alltag als Pfarrer einsetzen. Kann ein Film etwas, das die Bibel nicht kann?
Das würde ich so nicht sagen – nie. Ein Film kann die Bibel nicht ersetzen, er kann jedoch ihre Botschaft unterstreichen oder erläutern. Ich suche in Filmen nach Aussagen, die auch Jesus gemacht haben könnte. Hier in Cannes laufen überraschend viele ernsthafte Filme, die mehr sind als nur Unterhaltung. Viele dieser Filme könnte man auch im Gottesdienst zeigen und die Menschen würden davon profitieren.

Das Filmfestival ist schon fast vorbei. Am Samstag werden die Gewinner gekürt. Welche bleibende Erinnerung nehmen Sie nach Hause?
Das Ambiente hier ist sehr inspirierend. Ich bin zwar sehr müde – ich stehe hier um sechs Uhr morgens auf und bin selten vor Mitternacht im Bett. Doch es ist ein schillerndes, einzigartiges Festival. Ich hätte nicht erwartet, dass mich Cannes so beeindruckt. Es ist eine Freude, hier als einfacher Zürcher Pfarrer ein Botschafter für den christlichen Film zu sein.


Ökumenische Jury in Cannes

Seit 1974 zeichnet die Ökumenische Jury Filme aus dem Programm des Cannes-Festivals aus, die sich in besonderer Weise den christlich-spirituellen Dimensionen menschlicher Existenz widmen. Getragen wird die Jury von den kirchlichen Filmorganisationen Interfilm und Signis.

Die Internationalen Filmfestspiele von Cannes finden dieses Jahr zum 71. Mal statt und dauern vom 8. bis 19. Mai.