«Wiborada 2021»

Die vergessene Heilige

Ein Fenster öffnet sich zur Kirche, eines zur Strasse. Keine Tür. Vor rund 1000 Jahren liess sich die heilige Wiborada in St. Gallen einmauern. Dort diente sie Gott – und den Menschen. 2021 folgen zehn Männer und Frauen ihrem Beispiel.

Vielleicht ist die Welt ja besser zu begreifen, wenn sie für eine Weile auf zwölf Quadratmeter zusammenschrumpft: Diese Grundfläche hat die Zelle aus Holz an der Kirche St. Mangen in St. Gallen. Hier lassen sich bis Ende Juni jeweils für eine Woche zehn Männer und Frauen alleine einschliessen. Sie folgen damit dem Beispiel der heiligen Wiborada, die vor rund 1000 Jahren eingemauert in einem kleinen Raum an der Kirche lebte, zehn Jahre lang bis zu ihrem Tod 926. Im Jahr 1047 wurde sie von Papst Clemens II. als erste Frau überhaupt offiziell heiliggesprochen.

Sie diente den St. Gallern mit gutem Rat und soll Visionen gehabt haben: Wiborada, hier als Büste bei einer Ausstellung 2005 im Historischen Museum in St. Gallen. (Bild: Keystone / Regina Kühne)

Die 58-jährige Theologin und Seelsorgerin Hildegard Aepli ist die erste, die sich in Erinnerung an Wiborada in Isolation begibt. Sie hat das Projekt «Wiborada 2021» initiiert, das die Heilige aus der Vergessenheit holen soll. «Es ist doch immer so: Eine patriarchalische Gesellschaft baut auf berühmten Männern auf», sagt Aepli. Frauen würden systematisch vergessen. Insofern habe die Wiederentdeckung Wiboradas auch eine feministische Seite.

Um Rat ersucht

Die Heilige stammte aus einer vornehmen Thurgauer Familie. Der Legende nach soll sie schon als Kind vorbildlich gelebt, Kranke gepflegt und 150 Psalmen auswendig gelernt haben. Im Jahr 916 liess sie sich vom Bischof auf Lebenszeit einschliessen, um in Gebet und Meditation Gott zu dienen – und den Menschen.

Die Zelle von damals, ebenso wie der heutige Nachbau, hatte ein Fenster in den Kirchenraum und eines nach draussen in die Stadt. An diesem öffentlichen Fenster sollen die Menschen aus St. Gallen Wiborada um Rat ersucht haben. Sie nahm Fürbitten entgegen, erteilte auch Klerus und Adel Ratschläge. Und jeder, der ans Fenster kam, soll von ihrer kärglichen Speise ein Stückchen gesegnetes Brot erhalten haben.

Heute, rund 1000 Jahre später, nimmt auch Hildegard Aepli Brot mit in ihre Zelle. Zwei Mädchen haben es in den Altarraum der mittlerweile reformierten Kirche St. Mangen getragen. Dort bittet Aepli kurz vor dem Einschluss alle Menschen im Raum um ihren Segen. Stille und eine wortlose Feierlichkeit senken sich über Aepli, die nun schweigend den Weg aus der Kirche hinaus geht, bis sie vor dem hölzernen Anbau steht.

Durch den Spalt der offenen Tür wird ein knallblaues Dixiklo sichtbar. Innen ist alles aus rohem Holz: Bett, Tisch, zwei Stühle, ein rundum laufender grosser Vorhang, der bei Bedarf zugezogen werden kann. Von der Decke hängt an einem weissen Kabel eine einzelne Glühbirne über dem Tisch. Es gibt kein fliessendes Wasser, nur eine Waschschüssel.

Kargheit auf zwölf Quadratmetern: Die Zelle von Wiboradas Nachfolgerinnen. (Bild: Wiborada 2021)

Das eigens in die Kirchenmauer geschlagene Fenster ist zum Altarraum hin mit einem Gitter versehen. Neben ihm liegt Papier, auf das Gläubige ihre Fürbitten und Anliegen notieren können. Die «Eingeschlossenen» sollen diese Notizen in ihre Gebete einschliessen.

Gemeindemitglieder werden Hildegard Aepli morgens Brot und frisches Wasser durchs Fenster reichen, mittags eine warme Mahlzeit. Radfahren und Spazierengehen werde sie vermissen, hatte Aepli vorhin noch gescherzt. Nun betritt sie die Zelle – ein letztes Winken, und ihr Neffe Julio schliesst die Tür und dreht den Schlüssel zweimal um. Sieben Tage liegen vor Aepli, die viel lesen will und auch einige Psalmen auswendig lernen, wie einst Wiborada. Dass es mit Ruhe und Stille in den nächsten Tagen nicht besonders weit her sein wird, weiss Aepli an diesem sonnigen Samstag ihres Einschlusses noch nicht.

Visionen und Märtyrertod

Die Einsiedlerin Wiborada lebte nicht nur in Gebete versunken in ihrer Zelle – Überlieferungen berichten auch von Visionen. Eine davon führte schliesslich in den Märtyrertod und später zur Heiligsprechung. Der Legende nach hat Wiborada den bevorstehenden Einfall der Ungarn in St. Gallen vorhergesehen und eindringlich davor gewarnt. Der Abt des Klosters brachte daraufhin Frauen, Kinder und Greise ausserhalb der Stadt in Sicherheit. Wiborada selbst lehnte es aber ab, ihre Zelle zu verlassen und bezahlte diese Entscheidung mit ihrem Leben. Das ungarische Reiterheer tötete sie.

Vor der hölzernen Zelle des Jahres 2021 zerstreuen sich nach dem Einschluss Aeplis nun langsam die Gemeindemitglieder. Unter ihnen ist auch Maria Agatha Scheuber, die Mitte Juni selbst für eine Woche in die Zelle gehen will. Mit 87 Jahren ist die zierliche Dame die älteste der zehn. «Ich hatte immer schon eine Schwäche für Mystiker», sagt Scheuber.

Als sie den Aufruf zur Bewerbung für diese spezielle Auszeit in der Isolation gelesen habe, sei gleich klar gewesen: «Das mache ich!» Am meisten sei sie gespannt darauf, ob sie sich selbst aushalten könne. «Ich nehme Handarbeit mit», sagt sie. Und das Neue Testament sowie ein Tagebuch, das ihre Erfahrungen während dieser Zeit aufnehmen soll. Die Tagebücher gehen später ein in die berühmte Handschriftensammlung des Klosters St. Gallen.

Verkehrslärm verhindert Ruhe

Eine ganze Reihe von Veranstaltungen werden die Figur Wiborada in den kommenden Wochen bis zum 3. Juli ins Zentrum stellen und diesen spirituellen und historischen «St. Galler Schatz» heben, wie Hildegard Aepli es formuliert. Ein Stationenweg in und um die Kirche St. Mangen erzählt die Geschichte der Heiligen, Führungen und Lesungen sind geplant.

Zwei Tage nach dem Einschluss ist Hildegard Aepli wohlauf – während der täglich zwei Stunden, an denen das Fenster zur Stadt geöffnet ist, bilden sich bisweilen sogar kleine Schlangen von Menschen, die mit ihr sprechen möchten. «Bei dem Andrang ist natürlich wenig Zeit für tiefere Gespräche», sagt sie.

Bisher gehe es ihr gut, sie schreibe Tagebuch, lese und bete. Von der ersehnten Ruhe könne in der Holzzelle allerdings keine Rede sein. Der Verkehrslärm der unweit verlaufenden Hauptstrasse dringt fast ungefiltert durch die Wände. Deswegen aber das Handtuch werfen und die Zelle vorzeitig verlassen – das kommt für Aepli nicht in Frage.

Durch ein kleines Fenster haben die Eingeschlossenen ein Minimum an Kontakt zur Aussenwelt. (Bild: «Wiborada 2021»)

Aber wie kann jemand eigentlich überhaupt auf die Idee kommen, in der Zeit der Pandemie und der damit verbundenen unfreiwilligen Isolation sich ohne Zwang noch stärker von der Welt zurückzuziehen? Für Hildegard Aepli ist dieser Schritt kein Corona-Paradox, ganz im Gegenteil. Sie sagt: «Dieses Projekt hat die Botschaft, dass Menschen reiche Ressourcen in sich tragen. Wenn Sie eine unfreiwillige Isolation bejahen, kann daraus etwas sehr Kraftvolles entstehen.» Etwas, das starkmache und über das Irdische hinausgehe. Nicht nur für schlechte Corona-Zeiten, sondern für das Leben selbst.

Eine Lehre für die Seelsorge

Eine Woche später – Hildegard Aepli ist wieder in die Welt zurückgekehrt – zieht sie Bilanz: 137 Menschen sind ans offene Fenster gekommen, fast 50 Fürbitten haben Gläubige in die Fensterverbindung im Altarraum gelegt. Aepli hat sie in ihre Gebete eingeschlossen. Sie zeigt sich überwältigt: «Die wichtigste Erfahrung ist, dass das Projekt Menschen stärker bewegt, als wir uns das hätten vorstellen können.»

Aus dem Plan, eine vergessene Heilige wieder präsent zu machen, sei viel mehr geworden: Mystisch, spirituell und historisch habe man Wiborada ans Licht geholt. «Und es hat sich gezeigt, wie wertvoll so ein offenes und anonymes Fenster ist.» Das sei eine Lehre für die Seelsorge, möglichst niedrigschwellige Angebote zu machen. «Wir denken bereits nach dieser ersten Woche darüber nach, dass es gut wäre, dieses Projekt immer von Mai bis Juli fortzuführen», sagt Hildegard Aepli. Bis zum Jahr 2026, wenn sich der Todestag von Wiborada zum 1100 Mal jährt.

Dass genügend Menschen bereit sind, sich auf dieses spirituelle Experiment einzulassen, daran hat Aepli keinen Zweifel. Der Wunsch, aus der Hektik einer sich gefühlt immer schneller drehenden Welt für eine Weile auszutreten, spiegelt sich darin wider. Oder, wie Hildegard Aepli es sagt: «Sich von etwas berühren zu lassen, was grösser ist als man selbst.» (epd)