Interview

«Die Präambel soll niemanden ausschliessen»

In Appenzell Ausserrhoden berät eine vom Regierungsrat bestimmte Kommission über eine neue Verfassung. Teil der Debatte ist die Präambel. Die Kommission einigte sich, den Gottesbezug und den Begriff der Schöpfung daraus zu streichen. Diesen Vorschlag unterstützt auch Andreas Ennulat, Theologe und ehemaliger Pfarrer. Das hat zu heftigen Reaktionen geführt.

Die neue Präambel der Kantonsverfassung von Appenzell Ausserrhoden soll ohne Gott auskommen. Im Bild das Regierungsgebäude in Herisau. ((KEYSTONE/Christian Beutler).

Sie wollen den Gottesbezug und den Begriff Schöpfung aus der Präambel der Kantonsverfassung streichen. Warum?
Ich möchte das Anliegen respektieren, dass manche Menschen eine säkulare Formulierung wünschen. Die Präambel soll unsere gemeinsamen Werte festhalten. Niemand soll ausgeschlossen werden. Unsere Gesellschaft hat sich gewandelt. Immer mehr Menschen sind areligiös und religiöse Begriffe vertreten deren Werte nicht mehr.

Ist das nicht eine ungewöhnliche Forderung für einen Theologen und ehemaligen Pfarrer?
Mein ehemaliger Soziologielehrer hat gesagt, dass es in einer Demokratie eine gemeinsame Leitkultur bräuchte. Deren Grundwerte sollten sein: Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft. Die Kirche und andere religiöse Gemeinschaften sind für mich Teil der Zivilgesellschaft und können sich in dieser einbringen. Ich will die christlichen Werte nicht einfach aus der Gesellschaft tilgen.

Kritiker finden aber, dass wir in der Schweiz noch immer eine christliche Leitkultur haben.
In dem Moment, wo wir einen Wert oder einen Wertekanon als Leitkultur festsetzen, schiebt man die andern in den Hintergrund. Wenn wir also sagen: Die christlichen Werte sind unsere Leitkultur, werten wir damit alle anderen Werte ab. Das ist doch einer Demokratie unwürdig.

Zur Person

Andreas Ennulat ist evangelischer Theologe. Er lebt seit 1982 in der Schweiz und war vor seiner Pensionierung als Pfarrer im Kanton Appenzell Ausserrhoden tätig. Er ist im Vorstand der kantonalen SP und ist Mitglied der Verfassungskommission AR.

Warum ist diese Präambel überhaupt wichtig?
Verfassungsrechtlich braucht es keine Präambel und viele Verfassungen haben auch keine. Auch Appenzell Ausserrhoden hat in seiner Verfassung erst 1995 die jetzige Präambel in die Verfassung genommen. Die Präambel ist nicht wirklich wichtig. Wichtig ist der Inhalt der Verfassung.

Ist dieser Gottesbezug in der Präambel für Kirchenmitglieder von Bedeutung?
Für einige wenige aktive Kirchbürger und Kirchbürgerinnen hat das vielleicht noch eine gewisse Relevanz. In meiner Erfahrung wünschen sich aber viele Kirchenmitglieder eine liberal denkende Kirche. Ich habe das zu hören bekommen. Einige wollten das Unser Vater im Gottesdienst zum Beispiel nicht mehr beten, weil sie das Bild von einem Vater schwierig finden. Diese Leute muss man doch auch ernst nehmen.

Soll die Kirche also nicht mehr von Gott sprechen?
Doch. Aber dann muss man über die Bedeutung dieser vier Buchstaben nachdenken. Auch innerhalb der christlichen Gemeinschaft gehen die Vorstellungen darüber auseinander. Einige haben ein personales Gottesbild mit klaren Vorstellungen. Andere haben ein nicht-personales Gottesbild. Niemand hat eine Deutungshoheit, sondern wir können uns nur darüber austauschen. In eine Präambel gehören solche Diskussionen aber nicht.

«Schlussendlich konnte ich diese stramm konservativ denkenden, ländlichen Menschen von meiner Haltung überzeugen. Das war eine gute Erfahrung.»

Haben Sie Reaktionen auf Ihre Haltung erhalten?
Ich bekam einige kritische Reaktionen. Einige waren aggressiv, das hat mich betroffen gemacht. Aber viele haben mich auch in meiner Haltung bestärkt. Spannend war für mich die Einladung einer Lesegesellschaft. Das sind politisch aktive Gruppierungen, die nicht parteipolitisch organisiert sind. Im Kanton Ausserrhoden ist das eine alte Form der politischen Mitwirkung, es ist eigentlich ein Diskutierclub. Da wurde ich von einer Gruppe eingeladen, die konservativ eingestellt ist. Und schlussendlich konnte ich diese stramm konservativ denkenden, ländlichen Menschen von meiner Haltung überzeugen. Das war für mich eine gute Erfahrung.

Gab es auch Reaktionen von kirchlicher Seite?
Der Kirchenratspräsdident der evangelischen Kirchen beider Appenzell vertritt eine andere Position als ich. Aber da ist er vielleicht mehr kirchlicher Funktionär als ich.

Haben Sie Verständnis für diese andere kirchliche Haltung?
Es sind wohl Verlustängste. Das Gefühl, dass uns etwas weggenommen wird. Das macht Angst.

«Ich sehe eine Grundkraft, die ich durchaus als göttlich, als Gott, bezeichnen kann.»

Solche Verlustängste kennen Sie nicht?
Nein. Ich komme familiär aus einem nicht-religiösen Umfeld. Ich bin da flexibler und offener.

Spielt Gott für Sie persönlich eine Rolle?
Sicher nicht als personales Gegenüber. Aber wenn ich Gott als eine Grundkraft begreife, die das Leben selbst ist, dann schon. Ich zitiere Albert Schweitzer: «Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.» In dem sehe ich eine Grundkraft, die ich durchaus als göttlich, als Gott, bezeichnen kann.