«Die Frauen kämpfen für Wahlfreiheit, nicht gegen das Kopftuch»
Frau Hafner-Al Jabaji, die Proteste im Iran sorgen auch hier für Schlagzeilen. Überrascht Sie das?
Es fällt auf, dass Resonanz und Solidarität in der westlichen Welt grösser sind als auch schon. In den letzten zehn Jahren hat es im Iran immer wieder gewaltsame Proteste gegeben, über die wenig oder gar nicht berichtet wurde.
Wie wichtig sind solche Berichte?
Umfassende Berichterstattung ist elementar für ein demokratisches Verständnis. Darum wird in autokratisch regierten Staaten Berichterstattung auch eingeschränkt. Das gilt für China, Russland und eine Vielzahl arabischer Staaten. Das iranische Regime fürchtet Berichte über Proteste, weil diese den Unmut der Bevölkerung mit den Herrschenden offenkundig zeigen. So lässt sich die Erzählung vom äusseren Feind, gegen den das Volk beschützt werden muss, nicht mehr aufrechterhalten. Uns hier hilft eine differenzierte Berichterstattung besser zu verstehen, wofür und wogegen sich die Menschen im Iran erheben.
Amira Hafner-Al Jabaji ist Muslimin und hat irakische und deutsche Vorfahren. Sie studierte Islam- und Medienwissenschaften an der Universität Bern und arbeitet freischaffend als Journalistin und Referentin. Hafner-Al Jabaji hat von 2015 bis April 2021 die Sendung «Sternstunde Religion» von Schweizer Radio und Fernsehen moderiert. Sie ist Präsidentin des Interreligiösen Think-Tanks. (bat)
Die Schweizer Politik hat sich bis jetzt mit Solidaritätsbekundungen zurückgehalten. Was halten Sie davon?
Diplomatische Zurückhaltung ist in der Schweizerischen Politik Usanz. Das ist nicht grundsätzlich falsch. Im Fall der aktuellen Ereignisse im Iran wächst aber innenpolitisch der Druck auf die offizielle Schweiz, weil es um langanhaltende, grundlegende Menschenrechtsverletzungen geht und die Situation eskaliert. Zudem hat die Schweiz mehrere Schutzmachtmandate bei denen sie die Interessen des Irans in Drittländern vertritt. Und: Die offizielle Schweiz hat 2020 «Frieden, Sicherheit und Menschenrechte» als erste Priorität in ihrer Nahost- und Nordafrika-Strategie festgelegt. Der Iran gehört dazu. Es gibt also mehrere gute Gründe von Bundesrat und Parlament einzufordern, sich gewichtiger und tatkräftiger in der Iran-Frage zu engagieren.
Besonders Frauen scheinen sich in der westlichen Welt zu solidarisieren. Warum ist das diesmal so?
Frauen, egal welcher Couleur, erkennen immer mehr, dass der Kampf gegen die Unterdrückung nicht an den Landesgrenzen aufhört. Vielmehr sind die Muster, die zu Missachtung von Frauenrechten führen, immer dieselben: Steile, patriarchale gesellschaftliche Hierarchien, die klare Unterteilung zwischen Herrschern und Beherrschten, Absolutheitsansprüche, ein Machtapparat, der auf Zwang, Repression und Gewalt basiert. Auch Migrantinnen, die in den letzten 10 bis 15 Jahren aus dem vorderen und mittleren Osten emigriert sind, lassen sich verlautbaren. Für Freiheitsrechte auf die Strasse zu gehen, ist für sie hier nicht mit Gefahr für Leib und Leben verbunden. Für manche ist es das Einzige, was sie von hier aus tun können, um ihre Verbundenheit und Solidarität mit den Menschen in ihrer Heimat auszudrücken.
Am 13. September ist die 22-jährige iranische Kurdin Mahsa Amini von der Polizei verhaftet worden, weil sie angeblich die strengen iranischen Kleidungsvorschriften für Frauen missachtet hatte. Drei Tage später starb sie in einem Teheraner Krankenhaus. Während das Regime ein Organversagen als offizielle Todesursache bekannt gab, sprechen Menschenrechtler sowie westliche Diplomaten und Politiker von körperlichen Misshandlungen während der Haft. Der Tod der jungen Frau löste bis heute anhaltende Proteste im Iran aus. Mittlerweile sind über 100 Menschen beim Aufstand ums Leben gekommen. (bat)
Denken Sie, dass die Proteste einen Flächenbrand in der Region auslösen können?
Schon bei den letzten Protesten im Iran, wie auch in arabischen Ländern, gab es eine gewisse Hoffnung, dass sich die Kräfte gegen die Regimes bündeln könnten. Alle Widerstände wurden aber zerschlagen, durch noch mehr Repression und Gewalt. Diese Spirale wird irgendwann ein Ende haben. Ob das jetzt durch die mutigen Frauen und Männer im Iran ausgelöst wird, ist schwierig zu sagen. Sicher spielen die sozialen Medien wie schon beim Arabischen Frühling eine Rolle. Sie mobilisieren die vielen Jungen, die genug haben und einen Wandel wollen.
Zum Symbol des Protests wurde das Kopftuch. Viele Iranerinnen haben sich des Hijabs entledigt, manche verbrennen ihn gar öffentlich. Wie deuten Sie das als Islamwissenschaftlerin?
Die Kopfbedeckung wurde mit der «islamischen Revolution» Ende der Siebzigerjahre zum Sinnbild des Regimes. Frauen, die sich des Hijabs entledigen, drücken damit aus, was sie von diesem Regime halten. Es geht den Frauen nicht darum, gegen das Kopftuch per se zu protestieren, sondern für ihre grundlegenden Freiheits- und Menschenrechte. Wer das Kopftuch tragen will, soll es tragen können. Und umgekehrt. Die Einschränkungen durch die Sittenpolizei gehen bis tief in die private Sphäre. Iranerinnen, die etwa nach Schweizer Recht einen nicht-muslimischen Mann heiraten, riskieren Kopf und Kragen, wenn sie als Paar in den Iran einreisen. Eine gemeinsame Übernachtung im Hotel kann als Unzucht ausgelegt werden, da die Ehe zwischen einer Muslimin und einem Nicht-Muslim nicht anerkannt wird. Das kann für die Betroffenen mehrere Jahre Gefängnis, schlimmstenfalls sogar die Todesstrafe nach sich ziehen. Bei den Protesten geht es grundsätzlich darum, sich nicht bevormunden zu lassen.
Wenn Sie in die Zukunft blicken, wie ist Ihre Prognose zum Aufstand im Iran?
Vielleicht kommt es tatsächlich zu einem politischen Wandel und das Regime gibt dem Druck der Strasse nach. Das Problem ist, dass die Welt auch ausserhalb des Irans aus den Fugen ist. Das spüren die Menschen. Inflation und Arbeitslosigkeit sind seit Jahren hoch. Familien wissen nicht, wie sie über die Runden kommen sollen. Es kann sein, dass die Menschen sich wieder von den Protesten zurückziehen, weil sie sich immer mehr den wirtschaftlichen Herausforderungen des täglichen Lebens stellen müssen. Es kann aber auch sein, dass die Menschen erst recht aufbegehren, wenn sie nichts mehr zu verlieren haben. So oder so: Das Regime im Iran und die Ideologie der «islamischen Revolution» haben sich überlebt und sind verantwortlich für eine Gesellschaft, die auf einen «moralischen Zerfall» hinsteuert, um es mit den Worten des iranischen Filmemachers Mahmoud Ghaffari zu sagen.