«Die Berner Pfarrerinnen und Pfarrer sind politischer geworden»

Der Präsident des Berner Pfarrvereins Michael Graf ist nach vier Jahren im Amt zurückgetreten. Im Interview blickt er auf eine Zeit des Umbruchs zurück.

Setzte sich als Präsident des Pfarrvereins für die Anliegen der Berner Pfarrerinnen und Pfarrer ein: Michael Graf. (Bild: zVg)

Herr Graf, Sie sind nach vier Jahren vom Amt des Präsidenten des Berner Pfarrvereins zurückgetreten. Hatten Sie keine Lust auf eine zweite Amtsperiode?
Bei meiner Wahl vor vier Jahren kündigte ich an, dieses Amt höchstens vier Jahre auszuüben. Es war damals offensichtlich, dass die nächsten Jahre viel Zeit, Energie und Standhaftigkeit verlangen würden. Und das hat sich bewahrheitet. Es war jedoch eine schöne Aufgabe, gemeinsam mit meinen Kolleginnen im Vorstand die Pfarrschaft zu vertreten.

Was waren die grössten Herausforderungen in Ihrer Amtszeit?
Zu den Herausforderungen gehörte sicher die Neuordnung des Verhältnisses von Kirche und Staat im Kanton Bern. Wir vertraten aus theologischen und staatspolitischen Gründen eine andere Position als unsere Kirchenleitung. Das wurde gar nicht goutiert. Vor drei Jahren empfahl uns der Chef-Theologe der Berner Kirche die Unterordnung, und vorgestern an der Jahresversammlung wollte er den Pfarrverein zu einer «Gewerkschaft» marginalisieren. Das Theologische solle doch andern überlassen werden – entgegen unserer fast 200-jährigen Tradition. Uns bekümmert das aber nicht. Mit dem Synodalrat haben wir inzwischen wieder ein gutes und entspanntes Verhältnis.

Was konnten Sie in Ihrer Amtszeit konkret bewirken?
Der Pfarrverein hat wesentlich dazu beigetragen, die vom Regierungsrat ursprünglich geplanten Sparübungen zulasten der Kirchgemeinden und der Pfarrschaft zu verhindern. Aber wichtiger noch: Die Pfarrschaft ist politisch bewusster geworden und näher zusammengerückt – gerade weil sie von allen Seiten unter Beschuss kam. Wir haben Verantwortung übernommen und sind zu unserer Überzeugung gestanden. Das hat Eindruck gemacht, in der Politik und in der Öffentlichkeit.

Die letzten Monate waren zusätzlich vom Konflikt mit dem Kirchgemeindeverband geprägt. Dabei ging es um die Frage, ob Pfarrerinnen und Pfarrer weiterhin zur Synode zugelassen werden sollten. Ist dieses Thema inzwischen vom Tisch?
Dazu kann ich nur sagen, dass der Kirchgemeindeverband mit seiner Idee allein dasteht. Regierungsrat und Synodalrat haben sich sofort und unmissverständlich hinter den Pfarrverein gestellt. Ein Ausschluss einer bestimmten Berufsgruppe wäre auch absurd. Ich kann aber auch beobachten, dass die Stimmung zwischen Pfarrern und Kirchgemeinderäten nicht überall gut ist. Man kann das als Folge der Kirchenordnungsrevision verstehen, die 2009 bis 2011 durchgeführt wurde. Sie beendete die alte Idee der gemeinsamen Verantwortung von Kirchgemeinderäten und Pfarrerinnen für ihre Gemeinden. Die Einvernehmlichkeit wurde durch ein hierarchisches Modell mit Entscheidungshoheit für den Rat ersetzt.

Welche Themen werden den Pfarrverein in den nächsten Monaten beschäftigen?
In den nächsten Monaten wird die innerkirchliche Umsetzung des neuen Landeskirchengesetzes voran gebracht. Als Berufsverband setzt sich der Pfarrverein dafür ein, dass wir gute Anstellungsbedingungen haben, die den Pfarrberuf weiterhin attraktiv machen. Als Standesorganisation werden wir unsere theologischen und ekklesiologischen Anliegen gegenüber der Kirchenleitung vertreten – in gutem persönlichem Einvernehmen, aber klar und hartnäckig in der Sache.

Und wie geht es bei Ihnen weiter?
Sehr fröhlich!