Beerdigung

«Es hat mich sehr berührt, dass so viele kamen»

Die Zürcher Pfarrerin Priscilla Schwendimann hat über die sozialen Medien dazu aufgerufen, zu einer Beerdigung zu kommen. Denn ausser ihr werde sonst niemand da sein. Ihr Aufruf zeigte Wirkung.

Priscilla Schwendimann ist bis Ende Januar Pfarrerin in der Predigerkirche in Zürich, danach in der Kirche St. Peter.

Priscilla Schwendimann, Sie haben über die sozialen Medien dazu aufgerufen, zu einer Beerdigung zu kommen. Warum?
Ich bekam einen Auftrag für eine Beerdigung, der mich zuerst etwas nervte, weil er etwas kurzfristig war. Aber dann habe ich erfahren, dass niemand an diese Beerdigung kommen wird. Ich fand es schlimm, dass diese Person ihren letzten Weg ganz alleine machen soll. Deshalb kam mir spontan die Idee, Leute zum Kommen aufzurufen.

Wie kam dieser Aufruf an?
Ich hätte nicht erwartet, dass die Resonanz so gross ist. Ich dachte, es melden sich drei bis vier Leute. Schlussendlich waren aber etwa 20 Personen da, Jung und Alt. Mindestens die Hälfte davon kannte ich nicht. Diese Anteilnahme war irrsinnig schön und bewegend. Auch ich habe ein paar Tränen verdrückt. Zudem gab es viele Reaktionen auf den Aufruf. Leute haben mir geschrieben, dass sie für die Personen beten oder haben Bilder von Kerzen geschickt, die sie angezündet haben.

Haben Sie die verstorbene Person denn gekannt?
Nein, und ich hatte nur ganz wenige Informationen. Ich kannte den Namen, das Geburtsdatum und das Sterbedatum. Ich wurde aber informiert, dass niemand zur Beerdigung kommen würde und dass diese Person eine schwierige Geschichte hatte. In ihrem Leben gab es viele Brüche.

Wie hält man eine Trauerfeier, wenn man so wenige Informationen hat?
Ich habe ehrlich gesagt, dass ich auch nicht vieles weiss. Dazu wählte ich ein Zitat, dass man nur mit dem Herzen gut sieht und nicht mit den Augen. Unsere Anwesenheit war für mich der Beweis dafür. Wir waren hier, weil uns diese Geschichte berührt hat. Jemand hatte so ein gebrochenes Leben, dass er in der Grossstadt einfach verloren ging.

«Wir sind zu einer Gemeinschaft geworden, für einen Menschen, den wir alle nicht kannten.»

Hat Sie diese Beerdigung mehr bewegt als andere?
Es war einfach eine ganz andere Ausgangssituation. Normalerweise muss ich an Beerdigungen alles im Griff haben. Ich muss den Leuten Halt geben und Trost spenden, wenn sie traurig sind. Diesmal durfte ich aber auch emotional sein. Die Menschen haben sich dadurch berühren lassen, und das hat mich wiederum berührt. Wir sind zu einer Gemeinschaft geworden, für einen Menschen, den wir alle nicht kannten. Das hat uns nochmals aufgezeigt, wie zerbrechlich das Leben ist und dass jeder Mensch eine Würde hat.

War es für Sie eine Stütze, dass die Leute da waren?
Stütze ist nicht das richtige Wort. Es hat mich einfach gefreut. Ich finde, jeder Mensch hat das Recht, auf seinem letzten Weg begleitet zu sein. Wir waren eine Gemeinschaft für diesen Menschen, der sonst keine hatte. Das war auch ein Akt von Nächstenliebe. Wir nahmen uns Zeit, an diese Personen zu erinnern, auch wenn wir sie nicht kannten. Wir anerkannten, dass dieser Mensch gelebt hat, in unserer Stadt und zu uns gehört als Mensch. Wir zeigten damit, dass auch dieser Mensch von Gott geliebt wurde.

«Ich finde die Vorstellung schlimm, dass jemand ganz alleine gehen muss.»

Kommt es häufig vor, dass man als Pfarrerin an einer Beerdigung alleine ist?
Ich bin seit eineinhalb Jahren Pfarrerin und habe das noch nie erlebt. Ich weiss aber, dass das schon ab und zu vorkommt. Ich finde die Vorstellung schlimm, dass jemand ganz alleine gehen muss.

Rufen Sie also beim nächsten Mal wieder über die sozialen Medien zum Kommen auf?
Ja. Ich habe mir wirklich vorgenommen, nie eine Beerdigung alleine zu machen. Vielleicht werde ich eine Gruppe aufbauen, deren Mitglieder bereit wären, in Zukunft an solche Beerdigungen zu kommen.