Den Absurditäten des Lebens getrotzt

Seine Diplomarbeit schrieb er einst über Kirchenvater Augustinus. Doch bekannt wurde Albert Camus nicht durch theologische Abhandlungen, sondern wegen seiner Romane – und seines Markenzeichens, des Trotzes. Nun jährt sich Camus' Todestag zum 60. Mal.

Albert Camus, von Frankreichs Intellektuellen lange geschnitten, heute als grosser Schriftsteller wiederentdeckt. (Bild: Keystone / René Saint Paul)

Er war sofort tot. Als Albert Camus am 4. Januar 1960 aus dem Wrack eines Sportwagens nahe des kleinen Orts Villeblevin geborgen wurde, fand man bei ihm eine Fahrkarte für den Zug nach Paris. Der Schriftsteller hatte es sich im letzten Moment anders überlegt und war bei einem Neffen seines Verlegers Michel Gallimard ins Auto gestiegen. Er wurde nur 46 Jahre alt, hinterliess seine Frau und zwei Kinder. Gallimard starb später im Krankenhaus.

Die Polizei fand noch etwas: ein Manuskript. Der erste Mensch, ein autobiografischer Roman, den Camus in seinen letzten Lebensmonaten verfasst hatte. Der Autor, geboren 1913 in Algerien, setzt darin seiner Mutter ein Denkmal, auch seinem Vater, der im Ersten Weltkrieg für Frankreich fiel und den er nicht kennengelernt hat, und dem Lehrer, der den Jungen aus ärmlichsten Verhältnissen förderte.

Gedruckt wurde das Werk erst 1994. Denn Camus’ Tochter fürchtete jene hasserfüllte Reaktion der Pariser Intelligenz, vor der ihr depressiver Vater in seinen letzten Lebensjahren ins provenzalische Lourmarin geflüchtet war. Mittlerweile haben die Zeiten sich geändert: Die Franzosen haben einen ihrer grössten Schriftsteller wiederentdeckt, der 1957 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden war. Doch woher kam der Hass, der ihm gegen Ende seines Lebens entgegenschlug?

Zwischen den Stühlen

Die politischen Ideologien nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die tonangebenden Eliten des Landes gespalten. Mit seinem essayistischen Werk Der Mensch in der Revolte setzte sich Camus 1951 zwischen sämtliche Stühle. Der Philosoph Jean-Paul Sartre, der es bis 1956 mit Stalin hielt, schickte einen Schüler vor, der Camus «philosophischen Dilettantismus» vorwarf.

Für den Aufsteiger aus Algerien galt als einzige Richtschnur: «Leben und sterben lernen und, um Mensch zu sein, sich weigern, Gott zu sein.» Er plädierte nicht für rechte oder linke Extreme, sondern für eine «Revolte des Masses und des Lebens». Dabei berief er sich auf Die Brüder Karamasow von Fjodor Dostojewski: «Wenn nicht alle gerettet sind, wozu dann das Heil eines Einzigen?» Der russische Dichter gehörte zu seinen Vorbildern.

Im Licht des Mittelmeers

Gross geworden ist Camus in der Sonne Algeriens. Seine Mutter konnte nicht lesen, nicht schreiben. Er selbst ging in Algier zur Schule. Dort holte er sich auch die Tuberkulose, die ihn 1939 vor dem freiwilligen Kriegsdienst bewahrte. Er trat in die Kommunistische Partei ein und wieder aus, heiratete und liess sich scheiden.

1936 schrieb er seine Diplomarbeit über Hellenismus und Christentum, den antiken Philosophen Plotin und Kirchenvater Augustinus. In der römischen Ruinenstadt Tipasa in Algerien hatte er zwischen duftendem Wermut und der «Lichtfülle des Steingetrümmers» schon als junger Mann die geistige Quelle seines «mittelmeerischen Denkens» gefunden.

«In das gemeinsame Europa geworfen, leben wir Mediterranen immer im gleichen Licht», schrieb er in seinem Essay Der Mensch in der Revolte. Wer sollte das im verregneten Paris verstehen, wo sich die Intellektuellen über die Weltrevolution, über Hegel und Marx die Köpfe zerbrachen?

Leid als Absurdität

Sein zentraler Begriff war «das Absurde»: der Mensch könne all dem Leid in der Welt keinen Sinn abgewinnen, seine Existenz sei absurd. Wenn er aber gegen diesen Zustand revoltiert, wenn er kämpft und anderen Menschen solidarisch begegnet, so Camus, dann kann sein Leben doch sinnvoll sein.

1940 wurde Camus aus Algerien ausgewiesen, weil er als Redakteur des nonkonformistischen Alger Républicain zu liberal war. In Paris arbeitete er als Reporter. 1942 erschien sein erster Roman Der Fremde bei Gallimard: Der Fremde ist der junge Franzose Meursault, Mörder aus Zufall, Vorbote einer entfremdeten Gesellschaft. Im selben Jahr folgte sein Essay Der Mythos von Sisyphos, in dem er den antiken Heros als «glücklichen Menschen» bezeichnete, weil dieser dem Absurden seiner Existenz trotzte. Dieser Trotz wurde zu Camus‘ Markenzeichen.

Mit dem höchsten Literaturpreis geehrt

Camus schloss sich der Résistance an, wurde Autor und Chefredakteur der Untergrundzeitung Combat. Nach dem Krieg veröffentlichte er seinen Roman Die Pest, in dem sich Pestarzt Rieux mit Menschlichkeit und Solidarität gegen Unrecht und Gewalt stellt. Dort spiegelt sich auch wider, was er im Januar 1947 in sein Tagebuch schrieb: «Es gibt nur eine Freiheit: mit dem Tod ins Reine kommen.»

Für seinen Roman Der Fall erhielt er 1957 den Literaturnobelpreis. Vom Preisgeld kaufte er sich sein Haus in Lourmarin. Dort, an den Hängen des Luberon, liegt er begraben. «Er stand, wie natürlich!, mitten in der Wahrheit», schrieb sein Kollege Eugène Ionesco nach seinem Tod. (epd)