Der Apologet der Freiheit

Vor 25 Jahren starb der Philosoph Karl Popper. Sein Werk jedoch ist bis heute aktuell: Soziale Umbrüche und neue autoritäre Tendenzen stellen die «offene Gesellschaft», wie sie Popper als Ideal und Realität beschrieb, vor Herausforderungen.

Sir Karl Raimund Popper bei der Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele 1979.

Der «Anschluss» seines Heimatlandes an Hitler-Deutschland gab einen entscheidenden Impuls für sein Hauptwerk: «Den Entschluss zur Niederschrift fasste ich im März 1938, an dem Tag, an dem mich die Nachricht von der Invasion Österreichs erreichte», schrieb der Emigrant Karl Popper im Vorwort seines demokratietheoretischen Buches Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Darin zeigt Popper das Ideal einer Gesellschaft auf, die individuelle Freiheitsrechte zur Geltung bringt und dem Totalitarismus entgegentritt.

Vor 25 Jahren, am 17. September 1994, starb Karl Raimund Popper. Im Angesicht von Rechtspopulismus und neuen autoritären Tendenzen gewinnt seine Sozialtheorie gegenwärtig neue Aktualität.

Popper wurde 1902 in Wien als Sohn jüdischstämmiger Eltern geboren, die zum Protestantismus konvertiert waren. Seine Bildungsbiografie offenbart vielfältige Talente: Er absolvierte eine Lehre zum Möbeltischler, studierte Mathematik, Physik, Philosophie, Psychologie und Musikwissenschaften, arbeitete als Lehrer. Unter dem Eindruck des erstarkenden Antisemitismus in seiner österreichischen Heimat emigrierte er 1937 zunächst nach Neuseeland. Nach dem Krieg bis zu seiner Emeritierung lehrte er an der London School of Economics Logik und wissenschaftliche Methodenlehre.

Wandel durch kleine Schritte

Das Werk Logik der Forschung (1934) legte die Grundlagen von Poppers Erkenntnistheorie, die von einer grundsätzlichen Fehlbarkeit der menschlichen Vernunft ausgeht. Eine wissenschaftliche These muss demnach stets so formuliert sein, dass sie überprüfbar ist. Die Wissenschaft sollte nicht danach streben, ihre Aussagen zu belegen, sondern sie nach Fehlern abzuklopfen («Falsifikationsprinzip»).

Dieser «kritische Rationalismus», der den Erkenntnisprozess vorantreibt, wird auch zum konstitutiven Element von Poppers Gesellschaftstheorie. Er fordert «bewusstes Lernen aus unseren Fehlern, bewusstes Lernen durch dauernde Korrektur.» Sozialer Fortschritt wird demnach nicht durch das Umsetzen grosser Gesellschaftsentwürfe wie des Kommunismus ermöglicht, sondern durch kleine Reformschritte.

Freiheit ist dabei das angestrebte Ideal, aber nicht im Sinne eines kruden Wirtschaftsliberalismus: «Wenn wir die Freiheit sicherstellen wollen, dann müssen wir fordern, dass die Politik der schrankenlosen ökonomischen Freiheit durch die geplante ökonomische Intervention des Staates ersetzt werde», schreibt Popper.

Sehnsucht nach einer geschlossenen Gesellschaft

Die offene Gesellschaft, wie sie Popper postuliert, ist nicht frei von Verwerfungen und Spannungen. Der Popper-Experte Kurt Salamun von der Universität Graz schreibt dazu: «Mit dem Verlassen der geschlossenen Gesellschaft und dem Eintritt in die offene Gesellschaftsentwicklung verliert der Mensch das Gefühl der Geborgenheit in einem kollektiven Ganzen, wo der eigene Status von vornherein feststeht und keine weitreichenden persönlichen Entscheidungen erforderlich sind.»

Diese «Last der Zivilisation» birgt eine Gefahr. Denn laut Popper kann in Zeiten grosser sozialer Veränderung aus Verunsicherung die Sehnsucht aufkommen, aus einer offenen in die geschlossene Stammesgesellschaft zurückzukehren.

«Heutzutage stellen zum Beispiel Globalisierung und Migration soziale Veränderungen dar, die bei manchen Menschen eine solche Sehnsucht hervorrufen», sagt der Bamberger Professor für Politische Theorie, Johannes Marx. «In Teilen des politischen Programms der Partei ‹Alternative für Deutschland› wird diese Sehnsucht deutlich.»

Toleranz schafft sich selber ab

Popper appelliert, die offene Gesellschaft gegen Tendenzen des Totalitären zu verteidigen, und weist dabei auf das «Paradoxon der Toleranz» hin. Dieses besagt, dass uneingeschränkte Toleranz auch Intoleranz zulässt – und damit letztendlich die Beschneidung der Toleranz ermöglicht.

Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen sagt Johannes Marx daher: «Wir müssen uns fragen, ob es Tendenzen gibt, das institutionelle Design der Demokratien so zu ändern, dass ein offener Diskurs und soziales Lernen im Sinne Poppers künftig verhindert wird.»

Eine besondere Herausforderung sind für Marx die Phänomene Fake News und «Postfaktizität». «Wenn es keine Einigkeit darüber gibt, was Fakten sind, stellt das ein Problem dar», sagt er. «Wenn die Aussagen, die getroffen werden, keine Wahrheitsansprüche mehr vertreten, ist eine offene Gesellschaft nicht möglich.»

Popper, der «totalitäre Liberale»

Popper nahm die britische Staatsbürgerschaft an, feierte akademische Triumphe, wurde zum «Sir» geadelt. Mit der Toleranz, die er einforderte, tat er sich auf zwischenmenschlicher Ebene und in universitären Auseinandersetzungen indes oft selbst schwer, wie Weggefährten schilderten. Er galt als oft dünnhäutig und jähzornig. So berichtete der englische Philosophie-Professor Bryan Magee (1930-2019): «‹Der totalitäre Liberale› lautete einer seiner Spitznamen an der London School of Economics, und dieser Name war klug gewählt.» (epd)