«Ein gigantischer Stoff»

Der Basler Germanist Albert M. Debrunner gehört zu den besten Kennern des inzwischen fast vergessenen deutsch-jüdischen Schriftstellers Hermann Kesten. Im Interview erklärt er, weshalb er 25 Jahre lang an Kestens Biographie schrieb und warum sich eine Wiederentdeckung des Autors lohnt.

Albert M. Debrunner ist der erste Biograph des 1996 verstorbenen deutsch-jüdischen Autors Hermann Kesten.
Albert M. Debrunner ist der erste Biograph des 1996 verstorbenen deutsch-jüdischen Autors Hermann Kesten. (Bild: ZVG)

Herr Debrunner, Sie haben Hermann Kesten noch persönlich gekannt. Wie haben Sie ihn erlebt?
Ich habe ihn in den 90-er Jahren kennengelernt, als er bereits hochbetagt in einem Altersheim in Riehen lebte. Er hatte eine gewinnende Art und konnte grossartig erzählen. Auch war er bis zuletzt am Zeitgeschehen interessiert.

Entstand damals die Idee zu einer Biographie über Kesten?
Ich habe damals angefangen, alles von und über Hermann Kesten zu sammeln. Nach seinem Tod 1996 erschienen zwar viele Nachrufe, aber keine Biographie. Ich brauchte dann noch einige Zeit, um dieses Projekt wirklich in Angriff zu nehmen. Denn der Stoff war gigantisch: Kesten hat fast 100 Jahre gelebt und rund 20‘000 Briefe hinterlassen.

Als Autor ist Kesten fast völlig in Vergessenheit geraten. Das Museum Strauhof plant nun zur Woche der jüdischen Kultur eine Lesung. Was macht ihn heute noch lesenswert?
Peter Bichsel sagte einmal, das Leben sei lang genug, um auch mal nicht so guten Wein zu trinken. Ich finde, das gilt auch für Autoren. Verglichen mit einem Joseph Roth gehört Kesten nicht unbedingt zur ersten Garde der deutschen Literatur. Und trotzdem lohnt es sich, einige seiner Kurzerzählungen, Romane und Essays wiederzuentdecken.

Einen dieser Romane, «Die fremden Götter», haben Sie im Zürcher Nimbus-Verlag neu herausgegeben. Was faszinierte Sie daran?
Zunächst faszinierte mich die Aktualität des Buches. Kesten schildert darin, was passiert, wenn Religion nicht mehr als etwas Befreiendes, sondern als etwas Einschränkendes und letztlich Zerstörerisches erlebt wird. Es geht in der Geschichte um einen strenggläubigen Juden, der nicht akzeptieren kann, dass seine Tochter zum Katholizismus übergetreten ist. An diesem Konflikt geht schliesslich die ganze Familie zugrunde.

Ist das Buch also vor allem eine Religionskritik?
Ja, aber nicht eine von der naiven Sorte, denn Kestens Haltung zur Religion ist durchaus differenziert. Das zeigt sich auch darin, dass die einzige wirklich positive Figur des Romans der Rabbi Bovin ist. Bovin ist gläubig, verfügt aber darüber hinaus über eine gewisse Weltgewandtheit und Weisheit. Im Unterschied zu den anderen Figuren neigt er deshalb nicht zum Fanatismus.

Spiegelt sich in dieser Figur Kestens Ideal von Religion?
Kesten sagte immer von sich, er sei nicht religiös. Es wurde ihm ja auch vorgeworfen, er nehme sein Judentum nicht ernst. Die Figur des Bovin zeigt aber, dass er diese weltgewandte Tradition des rabbinischen Judentums durchaus schätzte. Auch in anderen Szenen spürt man, dass ihm seine jüdische Herkunft nicht gleichgültig war. Die Sabbatfeier am Anfang des Buches zum Beispiel liest sich wie eine liebevolle Referenz an seine Eltern.

Wuchs Kesten in einem religiösen Umfeld auf?
Seine Eltern waren liberale Juden. Sie waren nicht speziell religiös, gingen aber in die Synagoge und feierten Sabbat. Und es war ihnen wichtig, dass ihr Sohn mit der jüdischen Tradition vertraut war. Deshalb schickten sie ihn in Nürnberg in den orthodoxen Religionsunterricht. Kesten las übrigens noch im hohen Alter sehr gut Hebräisch. Im jüdischen Altersheim in Riehen sprang er manchmal ein, wenn einer der Betenden im Gottesdienst ausgefallen war.

Trotzdem spielt das Judentum in seinen Schriften keine grosse Rolle.
Das stimmt, er hielt immer daran fest, ein deutscher Autor zu sein. Er fühlte sich nicht an erster Stelle als Jude. Auch Israel, das er 1950 besuchte, blieb ihm letztlich fremd. Er hätte niemals dort leben wollen.

Am 1. September 2018 liest der Journalist und Radiomoderator Andreas Müller-Crepon im Museum Strauhof aus Hermann Kestens Roman «Die fremden Götter». Die Lesung gehört zum Begleitprogramm der Ausstellung «Das Jüdische an Mr. Bloom – Bücher, Menschen, Städte», die vom 24. August bis zum 16. September anlässlich der Woche der jüdischen Kultur zu sehen ist.