Eidgenössische Abstimmung
Christliche Organisationen warnen vor Folgen der Zivildienst-Reform
(Bild: Christian Beutler/ Keystone)
Es war ein Pfarrer aus La Chaux-de-Fonds, der den Bundesrat 1903 erstmals offiziell zur Schaffung eines zivilen Ersatzdiensts aufforderte. Aber die Petition von Paul Pettavel blieb ebenso erfolglos wie weitere kirchliche Vorstösse, darunter jener der Synodalkommission der Waadtländer Freikirche im Jahr 1917. Statt zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte die Schweiz den Zivildienst 1996 ein.
Lange tat sich die Schweiz schwer mit jungen Männern, die aus Gewissensgründen keinen Militärdienst leisten wollten. Zwischen 1968 und 1996 verurteilten Militärgerichte rund 12'000 Verweigerer zu Gefängnisstrafen von mehreren Monaten. Wer religiöse Gründe geltend machte, erhielt ab 1950 eine mildere Strafe. Davon profitierten insbesondere Mitglieder der Zeugen Jehovas.
Nach der Einführung des Zivildiensts schaffte der Bundesrat 2009 die Gewissensprüfung ab. Seither müssen Gesuchsteller ihre Haltung nicht mehr vor einer Kommission verteidigen. Als Nachweis genügt dem Bund das Absolvieren des um die Hälfte längeren Zivildiensts.
Weil die Zahl der Gesuche danach stark anstieg, verschärfte der Bundesrat 2011 die Regeln. Neu galten eine vierwöchige Bedenkfrist, ein Formular auf Anfrage sowie Einschränkungen bei den Einsatzbereichen. Zudem musste der lange Einsatz – die «Zivi-RS» – innert drei Jahren absolviert werden.
Die Anzahl an Absolvierenden stagnierte zunächst, steigt inzwischen aber wieder. 2025 beschlossen Bundesrat und Parlament sechs weitere Massnahmen, um den Wechsel vom Militär in den Zivildienst zu erschweren. Über diese Vorlage wird nun abgestimmt, und damit soll der Militärdienst die Regel und der Zivildienst die Ausnahme bleiben. Bei einer Zustimmung gäbe es laut Bund bis zu 40 Prozent weniger Zulassungen pro Jahr zum Zivildienst.
Neu müssten Armeeangehörige, die in den Zivildienst wechseln, mindestens 150 Diensttage leisten. Damit soll ein spätes Wechseln in den Zivildienst unattraktiver werden. Je nach Anzahl Diensttage im Militär wäre der Faktor gegenüber dem Zivildienst um das zwei- bis sechsfache höher.
Offiziere und Unteroffiziere müssten ihre Diensttage mit dem Faktor 1,5 hochrechnen lassen. Heute gilt ein Faktor von 1,1, weil sie einen längeren und intensiveren Dienst geleistet haben als Nicht-Kader.
Zivildiensteinsätze, die ein Medizinistudium erfordern, sind nicht mehr erlaubt, weil der Armee medizinisches Personal fehlt.
Wer alle Diensttage im Militär geleistet hat, jährlich aber noch das obligatorische Schiessen absolvieren muss, darf nicht mehr in den Zivildienst wechseln. So kann man heute die Schiesspflicht umgehen.
Neu sollen Zivis jedes Jahr Dienst leisten müssen. Heute ist man freier in der Planung. Bis 34 muss man den Dienst beendet haben.
Wer von der Rekrutenschule in den Zivildienst wechseln will, muss im folgenden Jahr den langen Einsatz von sechs Monaten im Zivildienst absolvieren.
Gegen die Vorlage stemmen sich mehrere Organisationen mit christlichem Hintergrund, darunter die Heilsarmee, die EVP oder Femmes protestantes. In der Allianz der Gegner finden sich auch Verbände der Kleinbauern, der Kinderbetreuung oder der Männer- und Väterorganisationen.
Eine der grössten Institutionen, die «Zivis» einsetzt, ist die Stiftung Heilsarmee Schweiz. Jährlich würden über 500 junge Männer Einsätze leisten, heisst es auf Anfrage von ref.ch. In Wohnangeboten für Menschen mit Beeinträchtigungen, in Alters- und Kinderheimen, in Notschlafstellen, Flüchtlingsunterkünften und Brockenhäusern. «Sie begleiten Menschen zu Arzt- oder Behördenterminen, unterstützen bei administrativen Aufgaben und sind im Alltag vulnerabler Menschen einfach präsent – Aufgaben, für die im betrieblichen Alltag oft zu wenig Zeit bleibt», sagt Mediensprecher Simon Bucher.
«Sie schenken Menschen Zeit und Aufmerksamkeit»
Ähnlich klingt die Rückmeldung der Caritas, wo sich jährlich rund 15 Zivis engagieren. Etwa in der Unterstützung geflüchteter Kinder, der Begleitung sozial Benachteiligter und der Mitarbeit in der Rechtsberatung. «Zivis werden oft dort eingesetzt, wo die personellen Ressourcen knapp sind», sagt Mediensprecherin Daria Jenni. Bestimmte Projekte oder Unterstützungsangebote müssten ohne diesen Einsatz reduziert oder gestrichen werden.
Ein Rückgang der Zulassungen um die prognostizierten 40 Prozent würde die Heilsarmee empfindlich treffen, sagt Sprecher Simon Bucher. «Gerade angesichts des wachsenden Fachkräftemangels in Pflege, Betreuung und Sozialpädagogik sind Zivildienstleistende ein wichtiges Instrument, um personelle Engpässe zu überbrücken und unsere Teams zu entlasten.» Wie der Ausfall kompensierbar wäre, sei fraglich. «Zivis ersetzen zwar keine Fachpersonen, aber sie übernehmen Aufgaben, die den Institutionen enorm viel wert sind: Sie schenken Menschen Zeit und Aufmerksamkeit und ermöglichen zusätzliche Nähe.»
Der Zivildienst biete vielen jungen Männern auch einen Einblick, «wie sinnstiftend die Arbeit mit Menschen in schwierigen Lebenslagen sein kann». Nicht selten führe das später zu einem beruflichen Engagement in Pflege oder Betreuung, sagt Bucher.
Auch die EVP lehnt die Reform ab. Nationalrat Marc Jost schreibt in der Parteizeitung «EVP Info», die geplanten Hürden würden das verfassungsmässige Recht auf den zivilen Ersatzdienst untergraben. «Die Vorlage will den Armeebestand sichern, indem sie den Zivildienst schwächt.» Ob dieses Vorhaben gelinge, sei unklar. «Der Leistungsabbau in Pflege, Betreuung, Bildung und Umweltschutz ist hingegen gewiss.»
Weitere Vorstösse hängig
Rund 1,9 Millionen Diensttage leisteten die «Zivis» im Jahr 2025 in über 4200 Betrieben. Die meiste Arbeit erfolgt im Sozial-, Gesundheits- und Schulwesen, gefolgt von Umwelt- und Naturschutz. Dort bekämpfen Zivis im Auftrag von Gemeinden oder Kantonen invasive Pflanzen und erhalten so Naturschutzgebiete oder unterstützen Bauern in abgelegenen Gebieten.
Nebst den höheren Hürden für den Zivildienst, über die am 14. Juni abgestimmt wird, stehen weitere Vorstösse zum Zivildienst zur Debatte. So möchte das Parlament den Zivildienst und den Zivilschutz im Rahmen einer Sicherheitsdienstpflicht zusammenlegen. Linke Kreise sehen den Zivildienst dadurch «massiv gefährdet».
Und nach Annahme eines Postulats muss der Bundesrat prüfen, ob die Gewissensprüfung für den Zivildienst nicht wieder eingeführt werden könnte, wie es von 1996 bis 2008 der Fall war.