«Christen und Muslime sind durch die gleichen Probleme verbunden»

Nach acht Jahren Bürgerkrieg ist Syrien völlig zerrüttet. Najla Kassab, Präsidentin der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen und Pfarrerin in der Evangelischen Kirche von Syrien und Libanon, hat trotzdem Hoffnung für das Land.

In Syrien habe sich die Lage für die Christen entspannt, sagt die libanesische Pfarrerin Najla Kassab. (Bild: Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen/Anna Siggelkow)

Frau Kassab, während des Bürgerkriegs in Syrien sind rund 1,5 Millionen Menschen in den Libanon geflüchtet. Wie ist die Situation heute?
Die Situation ist sehr schwierig. Der Libanon ist ein kleines Land mit rund vier Millionen Einwohnern. Das heisst, jeder vierte Bewohner ist mittlerweile ein Flüchtling. Deshalb wird die Frage nach der Rückkehr immer dringlicher. Denn niemand weiss, wie lange unser Land diese Last wirtschaftlich noch tragen kann.

Welche Rolle spielte Ihre Kirche, die Evangelische Nationalsynode von Syrien und Libanon, in diesem Flüchtlingsdrama?
Mit den Flüchtlingen aus Syrien kamen viele Kinder und Jugendliche ins Land. Nicht alle von ihnen fanden in den bestehenden Schulen Platz. Viele lebten auf der Strasse. Um sie von dort wegzuholen, haben wir seit dem Beginn des Bürgerkrieges mehrere Schulen eröffnet. Sie werden heute von rund 700 syrischen Kindern aller Altersstufen besucht.

Waren Sie auch im Kriegsgebiet tätig?
Ja, wir sind seit Kriegsbeginn auch in Syrien aktiv. Dort lebt der grössere Teil unserer Gemeinschaft. Als Kirche wollten wir von Anfang an, dass die syrischen Christinnen möglichst in ihrem Land bleiben konnten. Dafür boten wir den Vertriebenen unsere Unterstützung an, damit sie in einer anderen Region unterkamen. Unsere Pfarrer beschränkten sich also nicht auf die Predigt, sondern gingen hinaus, um die Menschen mit Geld, Lebensmitteln oder medizinischer Hilfe zu versorgen.

Wie ist die Lage der Christen in Syrien heute?
Nachdem der Islamische Staat zurückgedrängt wurde, ist die Lage sicherer geworden. Es gibt momentan keine Verfolgungen von Christen in Syrien. Auch das Zusammenleben von Christen und Muslimen funktioniert. Beide sind durch die gleichen Probleme verbunden, wie zum Beispiel der schlechten wirtschaftlichen Situation und der fehlenden Stabilität des Landes.

Präsident Baschar al-Assad sieht derzeit wie der sichere Sieger des Bürgerkriegs aus. Welches Verhältnis haben die Christen zu ihm?
Nachdem der Islamische Staat in den Konflikt eingriff, war das Regime für viele Christinnen die bessere Wahl. Sie sind überzeugt, dass Assad ihnen Sicherheit garantieren kann. Schliesslich lebten die Religionen unter ihm viele Jahre friedlich miteinander. Der Islamische Staat hat also dazu beigetragen, dass Assad nun einen stärkeren Rückhalt in der christlichen Bevölkerung hat als vor dem Krieg.

Nach acht Jahren Krieg warten in Syrien alle auf den Frieden. Welche Rolle kann die syrisch-libanesische Kirche im Friedensprozess spielen?
Unsere Kirche kann eine Brücke zur Versöhnung sein. In Syrien haben wir ein Programm gestartet, das wir «Platz für Hoffnung» nennen. Dabei bringen wir Christen und Muslime zusammen, um gemeinsam Fussball zu spielen. In dem Programm geht es darum, den anderen zu respektieren und Unterschiede auszuhalten. Genau darum wird es auch im Friedensprozess in den kommenden Jahren gehen.

Die libanesische Theologin Najla Kassab ist seit 2017 Präsidentin der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK). Kassab war die erste Frau, die in der Evangelischen Kirche von Syrien und Libanon als Pfarrerin ordiniert wurde. Dort leitet die 53-Jährige den Bereich Bildung. Kassab ist mit dem Generalsekretär der Synode der libanesischen und syrischen Kirche, Joseph Kassab, verheiratet. Sie haben drei Kinder und leben in Beirut.

Die Evangelische Kirche in Syrien und Libanon entstand im 19. Jahrhundert aus der protestantischen Mission im Nahen Osten. Sie zählt heute rund 4’000 Mitglieder in den beiden Ländern und beschäftigt 22 Pfarrerinnen und Pfarrer.