«Ihre Identität leugneten sie bis zum letzten Augenblick nicht»

Für das bref Magazin schrieb der Pulitzerpreisträger Daniel Etter eine berührende Reportage über ein christliches Ehepaar, das in der zerstörten syrischen Stadt Rakka überlebt hat. Im Interview erzählt er, wie er auf die beiden stiess, was ihn beindruckte und wie der Alltag in die einstige Hochburg der Terrormiliz «Islamischer Staat» zurückkehrt.

Ein Bild aus unbeschwerten Tagen: Rosa und Garabet Nasri kurz nach ihrer Hochzeit in den 80er-Jahren. (Bild: zVg)

Herr Etter, Sie begleiteten das Ehepaar Garabet und Rosa Nasri in der ausgebombten Stadt Rakka über mehrere Tage. Wie kamen Sie an die beiden heran?
Ich nahm an, dass in Rakka noch Christen leben, und habe meine Kontakte in Syrien nach Informationen gefragt. Sie konnten mir aber zunächst nicht weiterhelfen. In einer Zeitung las ich danach eine Geschichte über eine christliche Familie, die dort noch lebt. Mein Kontaktmann vor Ort recherchierte daraufhin und fand den Apotheker Mosis. Zu ihm bin ich gefahren.

Mosis ist der Neffe von Garabet und Rosa. Wie trafen Sie auf das Ehepaar?
Als ich mit Mosis redete, kamen irgendwann Rosa und Garabet in ihrem kleinen Transporter vor der Apotheke angefahren. Sie wollten ihrem Neffen nur hallo sagen. Es war also Zufall.

Wie gewannen Sie ihr Vertrauen?
Sie waren direkt sehr offen mir gegenüber. Sie wollten, dass ich ihre Geschichte erzähle.

Einer der Jungs hatte ein völlig verbranntes Gesicht, er war verwundet vom Krieg und hat doch Fussball gespielt in einem kaputten Stadion. In dieser Trümmerlandschaft versuchen sich die Menschen in Normalität.

Was hat Sie an den beiden am meisten beeindruckt?
Ihre Stärke. Dass sie ihre Identität nicht leugneten bis zum letzten Augenblick. Dass sie nicht alles dafür getan haben, um den Terroristen, die sie unterdrückten, zu gefallen. Ihnen blieb nichts weiter übrig, als weiterzuarbeiten, weiterzuleben. Und nun hegen sie keinen Groll gegen ihre muslimischen Nachbarn. Denn die haben genauso gelitten unter dem IS wie sie.

Wie muss man sich den Alltag im zerstörten Rakka vorstellen?
Die Menschen gehen einkaufen, machen ihre Geschäfte, sitzen in Restaurants. Sie richten sich in dem ein, was noch übrig ist. So vieles liegt in Schutt und Asche. Der Alltag kommt aber überraschend schnell wieder.

Können Sie ein Beispiel dafür geben?
Besonders eindrücklich fand ich eine Szene, die ich im sogenannten Schwarzen Stadion beobachtet habe, dessen Fussballfeld nicht mehr ist als ein Acker. In den Katakomben unter dem Stadion folterte vorher der IS, es soll sogar Exekutionen gegeben haben. Nun trainierte dort ein Mann eine Junioren-Fussballmannschaft. Einer der Fussball-Jungs hatte ein völlig verbranntes Gesicht, er war verwundet vom Krieg und hat doch Fussball gespielt in einem kaputten Stadion. In dieser Trümmerlandschaft versuchen sich die Menschen in Normalität.

Welche Sicherheitsvorkehrungen mussten Sie für die Reise treffen?
Am schwierigsten war, dass wir nicht in Rakka schlafen konnten. Es gibt keine Hotels und privat unterzukommen, war zu unsicher. Die machthabenden Demokratische Kräfte Syriens wollten uns nicht aufnehmen. Deshalb fuhren mein Übersetzer und ich jeden Morgen zwei bis drei Stunden mit dem Auto aus der Stadt Kobane nach Rakka. Das raubte enorm viel Zeit.

Die Zerstörung Rakkas, so verständlich und wichtig die Offensive gegen den IS war, geht zu einem beträchtlichen Teil auf das Konto der von den USA geführten Koalition.

Und als Sie dann vor Ort waren?
In der Stadt selbst konnte ich mich relativ frei bewegen, obwohl ich jeden Tag eine neue Genehmigung dafür holen musste und der Zugang stark kontrolliert wird.

Mit welchen Erwartungen sind Sie angereist?
Ich war zum ersten Mal in Rakka, ich habe den Krieg in der Stadt nur aus der Ferne mitbekommen. Ich las von der Zerstörung und sah die Bilder. Nun alles mit eigenen Augen zu sehen, war sehr bedrückend und überwältigend. Es sind nicht nur die Russen und die Syrische Armee, die Homs oder Aleppo zerstörten.

Sondern?
Die Zerstörung Rakkas, so verständlich und wichtig die Offensive gegen den IS war, geht zu einem beträchtlichen Teil auf das Konto der von den USA geführten Koalition. Nun ist aber keine konzentrierte Aufbauarbeit vor Ort zu sehen. Das Wenige, was passiert, ist Kosmetik. Solange die politische Lage in Syrien so vertrackt bleibt, gibt es wenig Hoffnung, dass die Stadt wieder errichtet werden kann.