«Mister Nuernberg» wird 100 Jahre alt

Benjamin Ferencz hat als Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen den schlimmsten Verbrechern in die Augen gesehen, hat gestohlene Schätze gefunden und Staatsmänner getroffen. Bis heute arbeitet er für eine friedliche Welt.

Als Chefankläger der Nürnberger Prozesse sammelte Benjamin Ferencz Beweise für die schlimmsten Gräueltaten. (Keystone/Everett Collection)

In den USA ist er vielen Menschen als «Mister Nuernberg» ein Begriff, hierzulande und in Deutschland kennen dagegen nur wenige Benjamin Ferencz. Der ehemalige Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen wird am 11. März 100 Jahre alt. Im Internet kann man ziemlich aktuelle Videos aufrufen, die zeigen, wie geistreich, humorvoll und fit der alte Mann noch ist. Vor kurzem hat Ferencz die Fragen von Jurastudenten in Miami beantwortet. Er kämpft mit den Tränen, als er den jungen Leuten die Horror-Bilder aus den befreiten Konzentrationslagern beschreibt, wie die Regionalzeitung «Hurricane» berichtet.

Beweise sammeln für die Verbrechen der Nazis

Dort in Dachau, Mauthausen oder Buchenwald hat er Berge von Leichen gesehen und Menschen, die fast verhungert und entkräftet auf den sogenannten Todesmärschen unterwegs waren. Andere, nur noch Haut und Knochen, die den Tod erwarteten. Seine Aufgabe war es, im Dienste des Militärs nach Kriegsende 1945 Beweise für die Gräueltaten der Nationalsozialisten zu sichern. Ferencz war dafür nach dem Kriegseinsatz zum zweiten Mal in Deutschland.

Erst 25 Jahre ist Ben Ferencz damals alt. Für ihn war der sprichwörtliche American Dream in Erfüllung gegangen. Lehrerinnen und Professoren hatten das Potenzial des intelligenten jungen Mannes erkannt und ihm den Besuch einer Begabten-Highschool und dann ein Stipendium im angesehenen College ermöglicht. Der sogenannte Einsatzgruppen-Prozess war sein erster Gerichtsfall. Der Prozess ist einer von zwölf sogenannten Nürnberger Nachfolge-Prozessen. Im gleichen Saal sassen 1947 insgesamt 22 hochrangige SS-Männer auf der Anklagebank, denen der inzwischen 27-jährige Staatsanwalt Ferencz mehr als eine Million Morde vorwarf.

«Die dunkelsten Seiten der menschlichen Geschichte»

Die Anklage lautete auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation. Sie seien «die grausamsten Exekutoren eines Terrors gewesen, der die dunkelsten Seiten der menschlichen Geschichte schrieb», sagte der Chefankläger. Das Gericht unter dem Vorsitz von Michael Musmanno verhängte 14 Mal die Todesstrafe. Alle Angeklagten wurden verurteilt. Erschüttert stellt er fest, dass die Angeklagten die Verantwortung für ihre Taten auf höhere Befehlsgewalt abwälzen und mit den ungezählten Opfern kein Mitleid zeigen.

Ben Ferencz und seine Ermittler hatten die Beweise für ihre Taten geliefert. In den «Meldungen aus den besetzten Ostgebieten», die den Ermittlern zufällig in die Hände gefallen waren, hatten die Täter selbst akribisch für die Behörden vermerkt, wie sie Kommunisten, Juden, die polnische Intelligenz, psychisch Kranke und andere systematisch töteten. Der Völkermord sei für die Täter zur Routine geworden, stellte der Ankläger fest, der in der Geschichte der internationalen Gerichtsbarkeit wohl der erste war, der für solche Taten den Begriff «Genozid» verwendet, wie der Journalist Philipp Gut in seinem Buch über Ferencz schreibt.

«Make Law not War»

Zum ersten Mal mussten sich in Nürnberg auf völkerrechtlicher Grundlage die Angeklagten für unvorstellbare Verbrechen zur Verantwortung ziehen lassen. Das internationale Strafrecht weiter zu entwickeln und auf der Basis des Völkerrechts Frieden zu schaffen, lässt Ferencz seither nicht mehr los. «Make Law not War» ist sein Lebensmotto. «Solange wir Konflikte durch Kriege lösen und die soziale Kontrolle entziehen, werden wir töten», sagt er.

Nach den Nürnberger Prozessen bleibt Ferencz zunächst in Deutschland. Der Sohn jüdischer Eltern hat ein Jobangebot erhalten: Für jüdische Holocaust-Opfer soll er Wiedergutmachung und die Rückerstattung von Vermögen erreichen. Zehn Jahre bringt er mit der Aufgabe zu und wirkt an der Entwicklung der Entschädigungsgesetze der Bundesrepublik mit.

Sein Lebenstraum ging in Erfüllung

Mit seiner Frau Gertrude und den vier Kindern in die USA zurückgekehrt, widmet er sich ab den 70er Jahren dem Aufbau einer internationalen Strafgerichtsbarkeit. 2003 geht an seinem 83. Geburtstag für Ben Ferencz sein Lebenstraum in Erfüllung. Die Richter des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag werden am 11. März vereidigt. Im Rückblick stellt er fest: Dank der Weiterentwicklung der internationalen Strafgerichtsbarkeit können «die Mächtigen die Menschen nicht an der Nase herumführen, weder in den Vereinigten Staaten, noch in Deutschland, noch sonst irgendwo auf der Welt». (epd/mos)