Kinder und Jugendliche
Neue Weiterbildung soll Lücke in der Seelsorge schliessen
Die Trennung der Eltern, der Tod des Opas, Stress in der Schule oder mit Freunden; solche Erlebnisse können für Kinder und Jugendliche sehr belastend sein. Hinzu kommen verstärkt psychische Probleme: Laut Unicef ist ein Drittel der 14 bis 19-Jährigen in der Schweiz davon betroffen. Immer mehr müssen deswegen ins Spital, gleichzeitig mangelt es an Therapieplätzen in psychiatrischen Kliniken, die Wartefrist beträgt manchmal ein ganzes Jahr.
«Die Zahlen sind besorgniserregend», sagt Isabelle Noth, Professorin für Seelsorge, Religionspsychologie und -pädagogik an der Universität Bern. «Man weiss aus der Forschung, dass gerade zu Beginn einer Krise professionelle Unterstützung für Betroffene eine Krankheitsbildung verhindern kann. Es ist doch eine urkirchliche Aufgabe, hier Hilfe zu leisten.»
Recht auf Seelsorge – auch für Kinder
Aus diesem Grund hat Noth den Zertifikatsstudiengang (CAS) Kinder- und Jugendseelsorge ins Leben gerufen, zusammen mit Andreas Köhler-Andereggen, Pfarrer und bis vor kurzem Leiter der Koordinationsstelle für praktikumsbezogene theologische Ausbildung (KOPTA). Einsitz in der Programmleitung haben auch die reformierten Landeskirchen Zürich sowie Bern-Jura-Solothurn.
Bisher gibt es Ausbildungen für Spezialseelsorge auf verschiedenen Gebieten; im Altenheim, im Gefängnis oder im Spital. «Wir sagen immer, dass jeder Mensch das Recht hat auf Seelsorge», so Noth. «Das muss auch für Kinder und Jugendliche gelten.»
Der Zertifikatslehrgang an der Universität Bern soll diese Lücke schliessen und Personen, die beruflich mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, darin schulen, wie seelsorgerliche Ansätze für junge Menschen umgesetzt werden können. Auch Interessierte ausserhalb des kirchlichen Umfeldes sollen angesprochen werden.
Kindgerechte Kommunikation
Inhaltlich stehen laut Isabelle Noth die wichtigsten Grundlagen der Religions- und Entwicklungspsychologie im Fokus. Zum Beispiel, wie Kinder und Jugendliche die Welt wahrnehmen, welche Verarbeitungsmechanismen sie haben und wie altersgerechte Kommunikation gelingt. Sie erklärt: «Wir achten in unserem CAS stark auf eine altersgerechte Beziehungsgestaltung mit Kindern und Jugendlichen.» Aber auch rechtliche Rahmenbedingungen, den Kinder- und Jugendschutz sowie Funktionen der KESB werden in den insgesamt sechs Modulen behandelt.
Den ersten Lehrgang haben 17 Teilnehmende erfolgreich abgeschlossen. Einer von ihnen ist Andreas Zimmermann, Katechet und kirchlicher Jugendarbeiter in der Gemeinde Stettlen im Kanton Bern. «Für meine Arbeit war die Weiterbildung sehr wertvoll», sagt Zimmermann, der seit 18 Jahren in diesem Bereich tätig ist. Im Gegensatz zu früher, beobachte er eine Tendenz zur Vereinzelung bei den Jugendlichen. Auch der Leistungsdruck in Schule und Sport habe zugenommen, etwa durch ständiges Vergleichen in den Sozialen Medien, vermutet Zimmermann.
«Hier möchte ich mit meiner Arbeit Gegensteuer geben, zum Beispiel mit gemeinschaftlichen Aktivitäten und in dem ich Kinder und Jugendlichen das Gefühl vermittle: du bist geliebt, so wie du bist.»
Zuhören als Form der Prävention
In der Weiterbildung habe man sich dem angenähert mit Fragen, wie: In welchen Situationen kann ich die Ressourcen der jungen Menschen sehen und über existenzielle Fragen ins Gespräch kommen? Dafür brauche es kein speziell seelsorgerliches Angebot, findet Zimmermann. Vielmehr versuche er, das erworbene Wissen in seiner täglichen Arbeit einzubauen, sei das in der kirchlichen Unterweisung oder im Jugendtreff. «Bewusst zuzuhören, ihre Stärken zu sehen und Interesse an ihrer Lebenswelt zu zeigen, kann für die Prävention sehr wertvoll sein.» Dabei sieht er einen Link zur biblischen Geschichte: Auch Zachäus wurde ein grosszügiger Mensch, nachdem er von Jesus Aufmerksamkeit erhalten hatte.
«Die Weiterbildung hat mir auch Sicherheit darin gegeben, was ich begleiten kann und wo meine Grenzen sind», sagt Zimmermann. Denn die Teilnehmenden werden im Unterricht auch darin geschult, psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen zu erkennen und wenn nötig an externe Fachpersonen zu vermitteln – wenn Seelsorge allein nicht mehr ausreicht.
Ende Oktober startet der zweite Durchgang des CAS Kinder- und Jugendseelsorge an der Universität Bern, für den sich sieben Personen angemeldet haben.