«Wir machen uns lustig über den Papitag»
Kathrin Bolt, Sie sind Pfarrerin und machen nun auch Cabaret, zu einem eher ernsten Thema, nämlich zu «Wirtschaft ist care». Können Sie zuerst erklären, was das eigentlich bedeutet?
Wirtschaft ist mehr als einfach nur Geld und Konsum. Wichtig wäre doch, miteinzubeziehen, was dem Leben dient. In der Pandemie haben wir gesehen, dass man viel weglassen kann. Aber Kinder betreuen, kranke und ältere Menschen pflegen, putzen und kochen, diese Dinge muss man machen. Es sind Grundbedürfnisse. Aber sie werden nur wenig oder schlecht bezahlt, sie haben in unserer Wirtschaft keinen Wert. Gerade Frauen machen so viele unbezahlte Arbeit, die so wichtig ist. Aber sie läuft in unserem System so nebenher und wird eher belächelt. Ich wünschte mir, dass es nicht mehr so einseitig ist. Und das wollen wir auch in unserem Cabaret thematisieren.
Können Sie ein Beispiel machen?
Ein Lied heisst Papitag. Das geht so:
Luegdochau! Er trait s’Chind im Snögli wiene Frau! Gitem Breili – wickle chan er au, oh Papis hüt, sind furchtbar schlau!
Gäll, mir, teileds uuf, ein Tag du – und sechs Täg iich. Doch, was macht das scho, schliesslich gseht mer jo nur dich – will du häsch: Papitag.
Kathrin Bolt arbeitet als reformierte Pfarrerin für die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Straubenzell. Ab 1. September übernimmt sie die Pfarrstelle an der Kirche St. Laurenzen in St. Gallen. Bolt lebt mit ihrem Partner und zwei Töchtern in St. Gallen.
Da machen wir uns lustig darüber, dass ein Papitag als so modern gilt. Dabei ist es noch längst nicht ausgeglichen, Frauen übernehmen immer noch die meiste Care-Arbeit. Das wird als normal angesehen. Aber ein Mann wird dafür bewundert, wenn er einen Tag zu den Kindern schaut.
Sie kennen das also aus eigener Erfahrung.
Ich werde viel gefragt, wer zu den Kinder schaut, während ich arbeite. Mein Partner wird das nie gefragt. Allgemein spricht man mich im beruflichen Umfeld als Pfarrerin mehr auf meine Kinder an als ihn. Beruflich stehe ich aber gut da: Ich verdiene gut und gleich viel wie die männlichen Kollegen. Allerdings bringt das «moderne» Familienleben, wo beide arbeiten, wieder neue Ungleichheiten mit sich.
Wie meinen Sie das?
Wir haben jemanden, der bei uns putzt. Für uns ist das sehr angenehm. Aber wir können unser modernes Familienleben mit fairer Aufteilung der Care-Arbeit nur leben, weil jemand uns hilft, der schlechter bezahlt ist. Diese Person muss also unser Modell ausbaden und Care-Arbeit leisten. Das finde ich problematisch. Da wünschte ich mir einen Systemwechsel, dass diese Care-Arbeit mehr wert wäre.
Ist Care-Arbeit auch in der Kirche ein Thema?
Die Sorge füreinander, die Unterstützung der Schwächeren: Das sind wichtige Aufträge der Kirche. Auch Diakonie ist sehr oft Care-Arbeit. Allerdings kommt die neben der Verkündigung oft etwas zu kurz. Das merke ich bei mir selbst. Oft gebe ich der Verkündigung mehr Gewicht.
Jetzt sprechen sie die Care-Arbeit nicht auf der Kanzel an, sondern im Cabaret. Wie kommt das an?
Häufig sind wir Prophetinnen im eigenen Land. Viele Frauen sagen: Ja genau, so ist es. Aber manchen öffnet es auch die Augen. So kam ein Mann um die 60 nach einer Aufführung zu mir und meinte, es sei ihm nun einiges klar geworden, gerade in Bezug auf die Kinderbetreuung. Ich glaube, Humor macht das Thema zugänglicher. In ernsten Diskussionen über Care-Arbeit, Gender oder Wirtschaft sind die Meinungen gemacht und man gerät aneinander. Im Cabaret können wir auf liebevolle Art die Realität abbilden und auch ins Absurde führen.
Und warum machen Sie ausgerechnet ein Cabaret dazu?
Nach dem grossen Frauenstreik sass ich mit einer Freundin beim Apéro und wir beschlossen spontan, dass wir zusammen ein Cabaret machen wollen. Kurz daraufhin habe ich einen Workshop geleitet zum Thema «Care als Spassbremse». Die Frage war, ob man über Care auch etwas Lustiges sagen kann. Das war sozusagen die Geburtsstunde unseres Cabarets.
Also können Sie über Care auch etwas Lustiges sagen?
Es war wirklich nicht ganz einfach! Die erste Runde ging etwas in die Hose. Das Thema ist so breit, wir fanden keinen Schwerpunkt. Geht es um Pflege in den Spitälern? Um Genderfragen? Schliesslich kam eine dritte Person hinzu und wir hatten die Idee, das jetzige Wirtschaftssystem zu begraben. Das Stück fängt damit an, dass wir mit einem Sarg kommen. Ein Themenschwerpunkt ist dabei die Familie. Da gibt es genug Stoff, der auch lustig ist.
Die nächste Aufführung von CareBelles findet am 20. Mai 2022 im Atelier für Kunst und Philosophie in Zürich statt. Mehr Informationen hier.