Bundesrat Berset läutet Carl Spitteler-Jubiläum ein

Vor hundert Jahren wurde Carl Spitteler mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet – als bislang einziger gebürtiger Schweizer. Vor seiner Karriere als Schriftsteller wäre er beinahe Pfarrer in Graubünden geworden.


2019 ist ein Jubiläumsjahr für so manche die Schweiz prägende Persönlichkeit: Huldrych Zwingli, Alfred Escher, Gottfried Keller, Carl Spitteler. «Carl Spitteler? Er ist der grosse Unbekannte der Schweizer Literatur- und Geistesgeschichte», sagte Bundesrat Alain Berset am 4. April an einem Festakt in Liestal (BL).

Theologe und Atheist

Carl Spitteler wurde 1845 in Liestal geboren. Er studierte evangelische Theologie in Zürich und Heidelberg, bezeichnete sich aber als Atheist. Er betreibe «Theologie als Antitheologe», pflegte er zu sagen. Trotzdem liess sich Spitteler 1871 ordinieren. Einer in Aussicht stehenden Pfarrstelle in Graubünden wich er aus, weil sie ihm mit seinem weltanschaulichen Standpunkt nicht vereinbar schien. Stattdessen arbeitete er viele Jahre als Hauslehrer, einige davon in Russland. Durch die Erbschaft seines Schwiegervaters finanziell unabhängig geworden, liess er sich mit seiner Familie 1893 in Luzern nieder, wo eine Quaianlage nach ihm benannt ist.

Den Literaturnobelpreis erhielt der Dichter 1920 rückwirkend für 1919. Die Auszeichnung war bereits damals nicht unumstritten. Es brauchte mehrere Anläufe, bis Carl Spitteler den Preis in spezieller Würdigung seines Epos «Olympischer Frühling» zugesprochen erhielt. Bis heute gilt der Autor als literarischer Einzelgänger zwischen Tradition und Moderne.

Ein Unpolitischer wird politisch

Spannend sei Spitteler bis heute wegen seiner Widersprüche, sagte Berset. Als studierter Theologe sei er Atheist gewesen, als Dichter dem Pathos nicht abgeneigt und gleichzeitig Satiriker und Selbstironiker. Zudem habe er sich selbst als unpolitisch bezeichnet und «blieb ausgerechnet wegen einer politischen Rede in Erinnerung».

Wenige Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges hielt Spitteler seine Rede «Unser Schweizer Standpunkt». Berset wies darauf hin, dass Spitteler sich als Bürger verpflichtet sah, das Wort zu ergreifen. Spittelers Rede, in der er sich mit der Schweizer Neutralität sowie der Wertschätzung der sprachlichen und kulturellen Minderheiten als Voraussetzung für den nationalen Zusammenhalt auseinandersetzte, erachtet Berset als «Betrachtungen eines – im Ernstfall eben doch – Politischen».

Ausstellungen und Lesungen

Aktuell ist dies, weil Spitteler «sich machtvoll zu Wort» gemeldet habe. «Gerade in diesen Zeiten, in denen die Demokratien vielerorts unter Druck stehen, wird die Frage wieder existenziell, ob man die Ereignisse als Zuschauer ihren Lauf nehmen lässt. Oder ob man als Bürgerin, als Bürger etwas tut», sagte Berset.

Für diese Persönlichkeit ist nun das Jubiläumsjahr eröffnet. Dazu sind diverse Aktivitäten geplant, unter anderem eine Ausstellung mit dem Titel «Poesie und Politik» im Liestaler Dichter- und Stadtmuseum, ein Festakt am 12. April im Bernischen La Neuville sowie Lesungen des Schauspielers Sigi Arnold ab dem 29. August in Luzern. (sda/no)