Wie der Glaube den Atheisten Dürrenmatt prägte

Ein skandalöses Theaterstück über die Religion verhalf dem Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt zum Durchbruch. Religiöse Motive zogen sich auch durch sein Werk als Maler, wie eine neue Ausstellung in Neuchâtel zeigt.

Dürrenmatts Erstling «Es steht geschrieben» wurde 1947 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Das Publikum war empört. (Bild: Patricia Dickson)

«Ich halte Gott für die fruchtbarste und zugleich furchtbarste Fiktion des Menschen», zitiert das Centre Dürrenmatt in Neuchâtel den Pfarrerssohn Friedrich Dürrenmatt. Das Centre hat dem Schriftsteller und seinem religiösen Hintergrund die Ausstellung «Gottes Narren» gewidmet.

Sie zeigt einen Dramatiker, der mit der Bibel, Göttern und Mythen aufgewachsen ist. «Sein Vater vermittelte ihm das mythologische Wissen. Seine Mutter unterrichtete ihm die Bibel», erzählt Madeleine Betschart, die Direktorin des Centre Dürrenmatt.

Ein Lehrer habe zudem schon früh Dürrenmatts Interesse an der Wissenschaft und der Astronomie geweckt. «Mit seinem Teleskop hat er das Universum beobachtet, das ist für mich ein Zeichen für seine Offenheit.»

Dürrenmatt war ein vielseitiger Künstler. Sein Lebtag lang schrieb er für die Öffentlichkeit – im stillen Kämmerlein jedoch malte er parallel dazu unzählige Bilder, die er zu Lebzeiten weder ausstellte noch verkaufte. Dies änderte sich erst mit seinem Tod. «Erst in seinem Testament wünschte er, dass sein Bildwerk für die Öffentlichkeit zugänglich wird», sagt Betschart. Gut tausend dieser Bilder befinden sich nun im Centre Dürrenmatt.

 

«Engel und Heilige stoben davon – Da setzte sich auf Gottes Thron der Täuferkönig Bockelson», 1966 (Bild: Centre Dürrenmatt)

 

Skandal um eine religiöse Diktatur

Im Theater fand Dürrenmatt ein Ausdrucksmittel, das seine Leidenschaft für visuelle Darstellung mit dem geschriebenen Wort vereinte. Nicht zufällig bezieht sich der Ausstellungstitel «Gottes Narren» auf die französische Übersetzung von Dürrenmatts erstem Theaterstück «Es steht geschrieben» – «Fous de Dieu» auf Französisch. Darin erzählt der junge Dramatiker die Geschichte der Wiedertäufer, die im 16. Jahrhundert in Münster eine religiöse Diktatur errichteten.

Die Geschichte kannte Dürrenmatt aus seinem Elternhaus, aus einem Geschichtsbuch in der Bibliothek seines Vaters. Für das Theater schrieb er jedoch seine eigene Version – bibelfest und sprachgewaltig. Die Uraufführung 1947 war ein Skandal.

Als blasphemisch beschimpften Kritiker das Stück. Der Inhalt eckte an, aber auch der Inszenierungsstil überforderte das Publikum. «Die Pausen waren länger als die einzelnen Szenen. Schauspieler standen im Morgenrock auf der Bühne. Das war zu jener Zeit, kurz nach dem zweiten Weltkrieg, undenkbar», sagt Betschart.

Mit dem Stück habe sich Dürrenmatt allerdings auch den Respekt der Schweizer Literaturszene erschrieben. Sein Stück wurde ausserdem mit dem renommierten Welti-Preis ausgezeichnet. «Es war also nicht nur ein Skandal, sondern auch der Grundstein für eine unglaubliche Theater-Karriere.»

Der Zweifel wächst

Allem Ruhm und Erfolg zum Trotz liess Dürrenmatt «Es steht geschrieben» 1952 für weitere Aufführungen sperren. Warum, wisse niemand, es gebe dazu keine Quellen, sagt Betschart. «Wir vermuten, dass er nicht als religiöser Schriftsteller eingeordnet werden wollte.»

Je älter Dürrenmatt wurde, desto kritischer wurde seine Haltung zur Religion. So schrieb  Dürrenmatt zwanzig Jahre nach der Uraufführung von «Es steht geschrieben» eine zweite Fassung mit dem Namen «Die Wiedertäufer». Darin ging es mehr um politische Ideologiekritik als um Religion.

Die Bibelbilder bleiben

In seinen Geschichten wurde Dürrenmatt weltlicher. 1988 argumentierte er in «Pflicht zum Atheismus» gar, dass Atheismus in Zeiten des religiösen Fanatismus ein Glaubensakt zu Gunsten des Menschen sei.

Der Zweifler Dürrenmatt schwor damit dem Glauben ab. Aus seinem malerischen Schaffen verschwand die Religion allerdings nie ganz. Neben Motiven aus der Astronomie und Porträts malte Dürrenmatt weiterhin religiöse Motive: von der Hochzeit zu Kana über die Kreuzigung bis zur «Schwarzen Himmelfahrt».

Seine Bilder legen Zeugnis seiner religiösen Bildung ab, zeigen aber auch, wie frei er als Künstler damit arbeitete. Wahrscheinlich wusste er nur allzu gut, wie man damit provozieren konnte. Wie bewusst Dürrenmatt dies tat, darüber möchte Madeleine Betschart nicht urteilen. Sein Schaffen spreche für sich: «Dürrenmatts Werk löst bei uns etwas aus. Die einen fühlen sich provoziert, andere fühlen sich bestätigt.»

 

Die schwarze Himmelfahrt von Friedrich Dürrenmatt.

«Schwarze Himmelfahrt», 1983 (Bild: Centre Dürrenmatt Neuchâtel)