«Bullingers Netzwerk reichte von Italien bis Dänemark»

Judith Steiniger vom Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte befasst sich Tag für Tag mit der Korrespondenz des Zürcher Reformators Heinrich Bullinger. Im Interview erklärt sie, was diese Briefe über die Reformationszeit verraten und warum es in ihnen nicht nur um Theologie, sondern manchmal auch um Käse ging.

Judith Steiniger ist eine von drei Forscherinnen im Heinrich Bullinger-Editionsprojekt. (Bild: zVg)

Frau Steiniger, Heinrich Bullingers Korrespondenz gehört zur umfangreichsten der frühen Neuzeit. Wer zählte alles zu seinen Briefpartnern?
Bullingers Netzwerk war riesig, es umfasste rund 1‘200 Korrespondenten. Dazu gehörten zum Beispiel Könige von England, Frankreich und Dänemark und einige deutschsprachige Fürsten. Bullinger tauschte sich aber auch mit ganz normalen Menschen aus, mit Pfarrern, Studenten, Künstlern und Händlern. Zu seinem Netzwerk gehörten auch an die dreissig Frauen, zum Beispiel Jane Grey, die für wenige Tage Königin von England war, oder die Frauen englischer Glaubensflüchtlinge in Zürich. Auch räumlich ist die Korrespondenz eindrücklich: Sie erstreckte sich von England bis nach Weissrussland und von Italien bis nach Dänemark.

Welches sind die umfangreichsten Briefwechsel?
Am intensivsten korrespondierte  Bullinger mit Pfarrern aus der Deutschschweiz und dem süddeutschen Raum. Zu seinen wichtigsten Gesprächspartnern gehörten die Reformatoren Johannes Haller und Ambrosius Blarer. In beiden Fällen sind über 700 Briefe erhalten.

Was sagen die Briefe über die Reformationszeit aus?
Die thematische Vielfalt ist unglaublich gross. Die Briefe erlauben sozusagen einen Blick hinter die Kulissen der damaligen Ereignisse – und dies in einer Detailfülle, wie wir sie aus der Forschungsliteratur sonst nicht kennen. Zwar werden auch theologische Fragen diskutiert, zum Beispiel Lehrdispute zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen oder Fragen zur Pfarrausbildung. Aber politische Ereignisse überwiegen. Daneben dokumentieren die Briefe auch die Alltagsgeschichte der damaligen Zeit. Sie geben uns Einblick die Hoffnungen und Ängste der Menschen.

Können Sie ein Beispiel nennen?
In den Briefen wird zum Beispiel öfter von Wunderzeichen und Himmelserscheinungen berichtet. Diese wurden als Vorzeichen der Apokalypse gedeutet. Vor dem Ausbruch des Schmalkaldischen Krieges 1546 zum Beispiel wuchs die Angst der Menschen, und es häuften sich die Nachrichten über solche Ereignisse. So gab es Gerüchte, der Teufel sei in Rottweil erschienen, wo sich die Katholiken der Reformation heftig entgegensetzten. Der Basler Reformator Myconius fragte daraufhin bei Bullinger an, ob er diesbezüglich etwas gehört habe. Auch sonst erfahren wir viel darüber, was die Menschen damals in ihrem Alltag beschäftigt hat. So wird Bullinger von einem Briefpartner einmal gebeten, ihm zwei Glarner Schabziger zu besorgen.

Verraten die Briefe auch etwas über die Persönlichkeit Bullingers?
Bullinger zeigt sich in seinen Briefen als besonnene Person, die klug genug war, sich politisch nicht zu exponieren. Wir erfahren aber auch, dass er während des Schmalkaldischen Krieges voller Sorge um die Zukunft der Reformation und den Zusammenhalt der Eidgenossenschaft war. Damals zweifelte er auch den Sinn des vielen Hin- und Herschreibens an. Eine andere Seite Bullingers war sein Einsatz für Menschen, die ihm aus unterschiedlichen Gründen empfohlen wurden.

Die Briefe Bullingers waren nicht ausschliesslich für den privaten Gebrauch gedacht – sie hatten auch die Funktion von «News» für eine breitere Öffentlichkeit.
In der Frühen Neuzeit waren Briefe das Medium für Nachrichten, die nicht mündlich überbracht werden konnten. In vielen Briefen waren Nachrichten oder ganze Zusammenstellungen davon enthalten. Mehr noch: oft lagen separate Blätter mit Nachrichten bei, manchmal auch mit Herkunftsort und Datum versehen. Diese konnten dann an andere Personen geschickt und so weiterverbreitet werden. Man könnte also sagen, es handelte sich bei den Briefen der Reformationszeit um Vorläufer der späteren Zeitungen.

Sie beschäftigen sich seit zehn Jahren mit den Briefen von und an Bullinger – was war Ihre aufregendste Entdeckung?
Besonders gut erinnere ich mich an zwei Flugschriften aus dem Jahr 1545, die in einem Brief des Theologen Georg Cassander erwähnt waren. Unklar war, um welche Schriften es sich genau handelte. Durch meine Forschung konnte ich herausfinden, dass es um eine katholische Spottschrift auf Martin Luther und eine Entgegnung darauf ging. Der Zusammenhang dieser beiden Schriften war vorher noch unbekannt.

Die Edition der Bullingerbriefe wird noch bis Ende 2020 vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und der Reformierten Landeskirche Zürich gefördert. Wie geht es danach weiter?
Infolge eines Statutenwechsels beim SNF werden solche langfristigen Projekte derzeit nicht mehr finanziert. Auch die Landeskirche kann das Projekt nicht mehr weiter unterstützen. Deshalb sind wir zurzeit daran, die Bearbeitung des Briefwechsels auf eine neue finanzielle Grundlage zu stellen. Wir hoffen, dass in den nächsten zwei Jahren eine Lösung gefunden wird.