Die Reformation künstlerisch neu gedacht

Am Comic-Festival Fumetto ist auch die Reformation ein Thema. Junge Künstlerinnen und Künstler zeigen, was sie heute darunter verstehen – und was Selbstbestimmung und Affen damit zu tun haben.

Künstlerin Lea Gross setzt sich in ihren Zeichnungen kritisch mit den Begriffen Veränderung, Freiheit und Reformation auseinander. (Bild: Lea Gross)

«Reformation reloaded» heisst das Motto, unter dem sich sechs Künstlerinnen und Künstler mit der Reformation auseinandergesetzt haben. Ihre Werke werden an einer Satellitenaustellung am internationalen Comic-Festival Fumetto in Luzern gezeigt, initiiert von der Reformierten Kirche Kanton Zürich.

«Wir wollten das Thema Reformation einem jungen Publikum näher bringen. Das Fumetto ist eine gute Gelegenheit dafür», sagt Luca Zacchei, Projektassistent für das Reformationsjubiläum der Landeskirche. Dabei hätten sie von Anfang an klar gemacht, dass die Künstlerinnen und Künstler das Thema frei interpretieren können.

Ausgerechnet Bilder

«Uns interessierte, was die Künstler heute unter Begriffen wie Freiheit und Selbstbestimmung verstehen und was es in diesen Bereichen in ihren Augen zu reformieren gäbe», sagt Zacchei. Dass ihre Interpretationen ausgerechnet durch Bilder geschehe, obwohl das Wort bei der Reformation im Zentrum steht, ist für Zacchei kein Problem. Im Gegenteil: «Klar ist das Wort zentral. Aber auch in der Zürcher Bibel sind Bilder zu finden. Zwingli war bewusst, dass Bilder die Menschen erreichen.»

Herausgekommen sind spannende Arbeiten, die sich dem Thema sehr unterschiedlich nähern, wie Zacchei findet. «Auch wenn ich bei manchen nicht genau weiss, welche Überlegungen dahinter stecken.» Doch das sei ja auch ein Ziel der Ausstellung. Dass sich die Besucher ihre eigenen Gedanken zum Thema machen.

Zehn Gebote neu interpretiert

Eine der Künstlerinnen der Satellitenausstellung ist Sarah Gasser, die sich mit den Zehn Geboten auseinandergesetzt hat. Bei ihrer Arbeit verknüpft sie die Gebote mit Alltagssituationen und stellt einen ironischen Bezug her. «Ich habe zeichnerisch darüber nachgedacht, welchen Bezug die heutige Gesellschaft zu den Zehn Geboten haben könnte. Auf welche Weise sie diese befolgt oder missachtet», sagt die 30-jährige Winterthurerin.  Dafür habe sie Motive gewählt, die für unsere Zeit typisch sind.

Andere Zeiten, nicht ganz andere Gebote: ein künstlerischer Blick auf die Zehn Gebote. (Bild: Sarah Gasser)

Auch den Bezug zum Glauben und zur Religion in unserer heutigen Gesellschaft wollte sie in ihrer Arbeit aufnehmen. «Heute ist vieles zum Religionsersatz geworden: der Narzissmus, der Körperkult, die Technologieverliebtheit», sagt Gasser.

Als Beispiel nennt sie die Plattform Instagram. Sogenannte Influencer, also Berühmtheiten aus sozialen Medien, wirkten dort wie religiöse Führer, deren Gefolgschaft sich wie Jünger verhalten. In dieser Entwicklung sieht sie eine neue Reformation. «Ich glaube, dass auch heute eine Reformation stattfindet. Diese geschieht nicht mit einem lauten Knall und einem neuen Manifest, sondern schleichend.»

Reformation als neue Wahrnehmung

Eine andere Künstlerin, die sich mit der Reformation auseinandergesetzt hat, ist Lea Gross. «Ich habe mich gefragt, was die Reformation, also die Re-Formation, die Veränderung, heute bedeutet», sagt die 26-jährige Bernerin. Bei ihren Recherchen sei sie auf den Satz gestossen, dass Reformation vor allem «Freiheit» sei. «Ich ging in eine kritische Auseinandersetzung zum Thema Veränderung, Freiheit und Reformation.»

Gross habe sich gefragt, wo die Veränderung zuerst passiert und sei zum Schluss gekommen, dass diese zuerst bei uns selber, bei unserer Wahrnehmung geschieht. «Dort muss die Reformation stattfinden, wenn wir etwas verändern wollen.» Bei ihrer weiteren Recherche sei sie auf die Symbolik der drei Affen gestossen, die Augen, Ohren und Mund bedeckten, um nicht zu sehen, nicht zu hören und nicht zu sprechen. «Genau das tun wir seit Menschengedenken. Wegsehen, weghören, Klappe halten.» Und so wiederhole sich die Geschichte immer wieder.

Auseinandersetzung mit dem Betrachter

Bei der visuellen Umsetzung ihrer Arbeit sei ihr das Motiv des Triptychons begegnet. «Dieses schien mir als visuelle Darstellungsform geeignet, da es als Altarbild zur Reformation passte und es die Symbolik der drei Affen gut wiederspiegelt.» Entstanden ist dadurch ein Wimmelbild, welches auf Holz gezeichnet ist. «Zu sehen sind Figuren, Menschen, Wesen aus einer vergangenen sowie der heutigen Zeit; sie interagieren, wiederholen und spiegeln ihre Handlungen. Sie re-formieren sich gegenseitig.» Lea Gross sei klar, dass die Aussage und Symbolik ihrer Arbeit nicht ganz offensichtlich sei. «Die Frage wird auftauchen; was dies mit Reformation zu tun habe; was die Bilder bedeuten.» Genau auf diese Auseinandersetzung mit dem Betrachter freue sie sich.

Internationales Comix-Festival Fumetto Luzern, Satellitenausstellung «Reformation Reloaded», 4. bis 22. April, Kunsthalle Bourbaki, Luzern.