Künstler erschafft eine Kirche als Metapher für die Freiheit

Anlässlich des Reformationsjubiläums zeigt die Kunsthalle Zürich die Ausstellung «The Church» des Konzeptkünstlers Rob Pruitt. Seine Vision: ein offener Ort, der Menschen inspiriert.

Als Künstler betrachtet er die Welt mit anderen Augen. Dazu will Rob Pruitt auch die Besucher von «The Church» ermuntern. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

Am Anfang stand ein Abbruch. Die Zürcher Kunsthalle hat Decke und Wände rausgerissen, um Platz zu schaffen für etwas Grosses: eine Kirche. Ein fünf Meter hoher, bunter Vorhang ziert das Fenster der geräumigen Halle. Bilder mit religiösen Motiven von indischen Gottheiten, dem Technologie-Guru Steve Jobs oder der Dragqueen Divine fügen sich zu einem kirchenfensterartigen Ganzen zusammen.

Der Vorhang ist das Werk des US-Künstlers Rob Pruitt, der auf Einladung der Kunsthalle die Ausstellung «The Church» zum Reformationsjubiläum gestaltet hat. Die Motive aus der Pop-Kultur wirken auf den ersten Blick beliebig und überdreht, wurden aber nicht willkürlich gewählt. «Der Vorhang soll nicht unbedingt provozieren. Ich wollte mich der Zufälligkeit hingeben. Der Vorhang soll eine Aufgeschlossenheit schaffen und die Gedanken der Besucher in alle möglichen Richtungen lenken», erklärt Pruitt die bunte Auswahl.

Pruitts Kirchen-Installation «The Church»: Sogar die Tischplatte ist ein Kunstwerk, das er zusammen mit seinen Mitarbeitern schuf. (Bild: Kunsthalle Zürich 2017/Annik Wetter)

Wo Menschen sich treffen

Aufgeschlossenheit und Offenheit sind Pruitt ein zentrales Anliegen. «Ich erwarte, dass ‹The Church› für alle offen ist. Jeder soll sich hier geborgen fühlen. Eine Kirche ist dazu da, dass Menschen zusammenkommen können», sagt Pruitt, der sich als Konzeptkünstler sieht. Entsprechend ist «The Church» Ausstellung und Gemeinschaftsraum in einem. Während sechs Monaten finden zwischen Pruitts Bildern und Installationen Konzerte, Workshops und Gottesdienste statt.

Mit Kirche und Religion hat der Künstler keine Berührungsängste. «Als ich für die Ausstellung angefragt wurde, konnte ich mir einige meiner Arbeiten gut im Zusammenhang mit Spiritualität und Reformation vorstellen», sagt Pruitt. Die Installation «The Congregation» (dt. Kirchgemeinde oder Versammlung) bot sich da an. Sie besteht aus unterschiedlichen Stühlen, die Pruitt in Secondhand-Shops gekauft und mit silberner Folie überzogen hat. Schon damals stellte er sich dabei unterschiedliche Menschen vor, die zusammen eine Gemeinschaft bilden.

Seine Malereien setzt er als Raumtrenner ein. Sie sind praktisch – einerseits. Andererseits verleihen sie der Ausstellung eine weitere Dimension. Es sind die «Suicide Paintings» (dt. Selbstmord-Bilder). Neben Banalem und Sakralem hält so auch das Morbide Einzug in «The Church».

Praktische Kunst: Je nach Bedarf können die Kunstwerke neu arrangiert werden. (Bild: Kunsthalle Zürich 2017/Annik Wetter)

Keine starren Strukturen

Die Vielseitigkeit und die Offenheit von Pruitts Kirche spiegeln sich auch in der Einrichtung wieder. Die Ausstellung ist modular gestaltet, alles ist veränderbar – je nach dem, was gerade stattfindet. Es gibt keine starren Strukturen. Pruitt will die Besucher nicht einengen: «Der Raum ist eine Metapher für die Freiheit, die ich den Menschen wünsche, die hierher kommen.»

Freiheit bedeutet auch, dass jeder Künstler sein kann. «Benutze ein Museum als Kirche oder eine Kirche als Museum», fordert ein Heft auf, das Besucherinnen beim Eintritt erhalten. Darin hat Pruitt verschiedene Ideen festgehalten, wie jeder und jede Kunst machen kann: «Zeichne etwas aus Deiner Erinnerung» oder «Mach aus Deiner Schreibtischschublade einen Zen-Garten».

Umfunktioniert: Die «People Feeders» (Fütterer, 2010) waren einst Autoreifen, jetzt sind sie gleichzeitig Skulptur, Behälter, Spender oder Opferstock. (Bild: Kunsthalle Zürich 2017/Annik Wetter)

Die Welt mit anderen Augen sehen

Pruitt will die Besucher dazu ermuntern, die Welt mit anderen Augen zu betrachten und so selbst Kunst zu erschaffen. Sein Kunstbegriff ist dabei so offen wie seine Kirche. «Kunst ist oft eine Frage des Kontexts. Ein Keks zum Beispiel hat neben einem Kaffee eine andere Wirkung, als in der Vitrine eines Museums», erklärt der Konzeptkünstler.

Pruitt betont: «Ich habe kein spezielles Talent, das anderen fehlt. Ich habe mich aber entschieden, meine Energie darauf zu verwenden, die Welt durch die Augen eines Künstlers zu betrachten. Mir gefällt der Gedanke, dass wir alle das tun können.»