Berner Landeskirche macht nach Kritik Vikariat familienfreundlicher

Familie und Vikariat zu vereinen sei nicht einfach. Das fand eine Gruppe von Theologie-Studentinnen in Bern. Sie forderten von der reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn ein familienfreundlicheres Vikariat. Ein Teil der Forderungen wurden nun erfüllt.

In Bern kann das Vikariat neu auch in einer 80-Prozent-Variante absolviert werden. (Bild: Keystone/Peter Schneider)

Susanne Kühni ist Lehrerin, studierte acht Jahre lang an der Universität Bern Theologie und bekam in dieser Zeit zwei Kinder. Gerne hätte die 35-Jährige das Vikariat begonnen. Doch dieses tritt sie nicht an. Für ein 100-Prozent Vikariat fehlt ihr ­wegen ihrer familiären Situation die Zeit. Kühni fühlt sich deshalb von der Kirche ungerecht behandelt. «Ich sehe nicht ein, wieso ich als Lehrerin die vollständige kirchliche Ausbildung im Unterrichtsbereich noch einmal durchlaufen sollte», sagt sie. Vor dem Studium erwarb sie das Lehrdiplom und unterrichtete fast fünf Jahre lang Religion und Ethik im Rahmen des schulischen und des kirchlichen Unterrichts. Gerne wollte sie ihr Vorwissen an das Vikariat anrechnen lassen. «Sind mein Lehrdiplom und die Berufserfahrung gar nichts wert?», fragt sie.

Dass das Vikariat familienfreundlicher werden muss, fand nicht nur Susanne Kühni. Sie und sechs andere Studierende der theologischen Fakultät forderten im Mai 2017 vom damaligen Vikariatsleiter: Das Vikariat soll beim Pensum flexibler werden. Zudem sollen absolvierte Ausbildungen angerechnet werden können.

Offene Ohren bei der Kirche

Bei der Reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn trafen die Studierenden damit auf offene Ohren. Laut Matthias Zeindler, Leiter Bereich Theologie der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, hat man von Anfang an versucht, die Forderungen ernstzunehmen. «Nachdem die Studierenden sich an den Ausbildungsrat gewandt hatten, wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, die die Vorschläge prüfte», sagt Zeindler. Mit Erfolg: Der Synodalrat beschloss im November, dass  es künftig möglich sein soll, das Vikariat in einem 80-Prozent-Pensum zu absolvieren. Dafür dauert es neu 18 statt 14 Monate.

Eine, die ein solches 80-Prozent-Vikariat in Angriff nehmen wird, ist Carmen Stalder. Sie war eine der sieben Studierenden, die auf den Vikariatsleiter zugingen. Stalder studierte an der Universität Bern neun Jahre Theologie und bekam in dieser Zeit zwei Kinder. Ein 100-Prozent-Vikariat hätte sie sich keinesfalls vorstellen können. «Deshalb bin ich froh, dass es dieses Angebot nun gibt», sagt Stalder. «Das Vikariat in einem 80-Prozent-Pensum zu absolvieren, wird mit den Kindern sicher ebenfalls eine Herausforderung», sagt die 28-Jährige. «Mein Mann wird sein Pensum reduzieren und unsere Grosseltern unterstützen uns zum Glück.»

Keine Anrechnung von Vorbildungen

Das 80-Prozent-Vikariat bewilligte der Synodalrat zwar. Noch keinen Beschluss fasste aber er in der Frage, ob Studierende mit Darlehen und Stipendien finanziell unterstützt werden. Gar abgelehnt hat der Ausbildungsrat die Forderung, Vorbildungen wie beispielsweise ein Lehrdiplom an ein Vikariat anzurechnen. «Das hätte das Vikariat nur unwesentlich verkürzt. Zudem wären damit wichtige Lernprozesse weggefallen», sagt Zeindler.

Ein Lehrdiplom sei zwar im Vikariat sicher hilfreich, könne aber die kirchliche Ausbildung nicht ersetzen. «Der Kontakt zu den Gemeindemitgliedern ist beim Unterrichten wichtig», sagt Zeindler. «Im Lernvikariat kann man Erfahrungen damit sammeln, wie kirchlicher Unterricht, Kinder- und Jugendarbeit, Gottesdienst und weitere Handlungsfelder ineinandergreifen.»

Dass ihre Qualifikationen nicht angerechnet werden, kann Susanne Kühni nicht nachvollziehen. Sie hat Konsequenzen gezogen und bietet nun als Teil eines Kollektivs gegen Geld Trauungen an. «Wir werden sehen, inwieweit die Kirche uns als Ergänzung wahrnimmt.Wir sind offen für einen konstruktiven Dialog», sagt Kühni.

Dieser Beitrag erschien erstmals in bref, dem Magazin der Reformierten.