«Beim Gehen ist seelsorgerlich mehr möglich»

Die Gemeinde von Pfarrer Andreas Bruderer ist verstreut vom Boden- bis zum Genfersee: Er ist der einzige reformierte Pilgerpfarrer in der Schweiz und sieht im Pilgern grosses Potential für die Kirchen. Nun geht er in Pension.

Unterwegs mit minimaler Ausrüstung, aber maximaler Funktion: Pilgerpfarrer Andreas Bruderer beim Winterpilgern dem Rhein entlang. (Bild: zVg)

Drei Dinge, die ein Pilger zwingend im Rucksack haben sollte? Andreas Bruderer muss nicht lange überlegen: «Eine Wasserflasche, ein guter Regenschutz und Fusspflaster.» Zwar bekomme er selber keine Blasen beim Pilgern. Sie aber im Fall der Fälle dabeizuhaben, sei nie schlecht, meint er lachend.

Bruderer war 34 Jahren Pfarrer, die letzten fünfeinhalb Jahre an der reformierten Kirche St. Jakob in Zürich. Hier hat er das reformierte Pilgerzentrum weitergeführt, welches sein Vorgänger vor 20 Jahren aufzubauen begann. Darum kommen die meisten Pilger noch heute aus der Region Zürich, mittlerweile aber aus der ganzen Schweiz. «Wir haben über tausend Adressen in unserer Kartei», erzählt der 65-Jähige stolz. «Meine Gemeinde entstand, weil sich Leute fürs gemeinsame Pilgern interessierten.»

Unterwegs sind Menschen offener

Bruderer selbst hat vor 20 Jahren mit pilgern angefangen: Er lief während einer Pfarrerweiterbildung über die Pyrenäen. Eine Erleuchtung, wie viele Pilger sie sich erhoffen, habe er nicht gehabt, dafür sei er viel zu nüchtern, offenbart er. Gepackt hat es ihn dennoch. So begann er zuhause, sich mit Leuten in Goldach und später in Urdorf «auf den Weg zu machen», wie er es ausdrückt. Pilgern ermögliche eine «erfahrungsbezogene Religiosität», versucht Bruderer zu erklären, warum es vor allem auch Kirchenferne anzieht. «Das ist ein Zugang zum Glauben, den die reformierte Kirche zu lange nicht beachtet hat.» Seine Erkenntnis ist, dass beim Unterwegssein die Leute offener sind. «Seelsorgerlich ist da mehr möglich, als in einem Gespräch, wo man sich gegenübersitzt.»

Am Montag zog er jeweils los. Dieses Jahr ganz klassisch auf dem Jakobsweg: In 18 Etappen von Konstanz nach Lausanne, alle 14 Tage einen Abschnitt. Weil sich die Leute nicht anmelden müssen, wusste Bruderer nie, wie viele kommen werden. Unterwegs leitete der Pfarrer die Pilger an und setzte spirituelle Impulse: Er las einen Text, stimmte ein Lied an, verordnete eine Schweigezeit oder liess die Pilger einen Bibelvers ziehen, über dem sie meditieren konnten. Kamen sie unterwegs an einer Kirche vorbei, gingen sie hinein. «Der spirituelle Hintergrund der Teilnehmer ist breit», sagt Bruderer. Seine Anregungen seien christlich, «aber nicht im engen Sinn».

Selber lospilgern

Die Kirche kommt mit dem Pilgern an Menschen heran, die der Institution sehr kritisch gegenüberstehen, ist Bruderers Erfahrung. Er wünscht sich, dass die Kirchen dieses Potential noch stärker sehen. «Nicht weil es eine tolle missionarische Gelegenheit ist, sondern weil die Arbeit mit Randsiedlern der Kirche auch zu unserer Aufgabe gehört».

Nun gibt Bruderer den Pilgerstab weiter an seinen Nachfolger. Er selbst tritt in den Ruhestand, und er freut sich darauf. Wobei Ruhestand das falsche Wort ist für seinen nächsten Plan: «Wahrscheinlich laufe ich einfach mal los», vermutet Bruderer. Wie so viele, die vor einem Umbruch im Leben stehen. Garantiert mit dabei sind jedenfalls Wasserflasche, Regenschutz und Fusspflaster.

 

Raphael Kummer/ref.ch
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».