Corona-Pandemie

«Bedürftige sollen an Weihnachten nicht auf der Strasse stehen»

Für viele bedürftige Menschen sind die Weihnachtsfeiern der kirchlichen Sozialwerke ein Lichtblick in der dunklen Jahreszeit. Aufgrund der Corona-Pandemie kann in diesem Jahr aber nur in kleinem Rahmen gefeiert werden. In der Not zeigen sich die Werke erfinderisch.

Grosse Weihnachtsfeiern für Bedürftige wie hier im Zürcher Hotel Marriott sind dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie nicht möglich. Trotzdem soll Weihnachten nicht ganz ausfallen. (Bild: Keystone / Walter Bieri)

Ein reichhaltiges Buffet, Musik und Unterhaltung: Das Weihnachtsessen des Sozialwerks Pfarrer Sieber lockt jedes Jahr Hunderte von Obdachlosen in das Zürcher Nobelhotel Marriott. 2020 müssen sie erstmals auf die Feier verzichten – wegen Corona bleiben Versammlungen mit über 50 Personen bis auf weiteres verboten.

Für die Obdachlosen sei das natürlich eine Enttäuschung, sagt Christoph Zingg, Gesamtleiter der Sieberwerke. «Weihnachten ist für diese Menschen eine schwierige Zeit, viele leiden unter Einsamkeit.» Die traditionelle Weihnachtsfeier sei darum ein Lichtblick für sie. «Die meisten kommen nicht nur wegen des Essens, sondern weil sie Gemeinschaft erleben möchten», sagt er.

Das Sozialwerk arbeitet deshalb mit Hochdruck daran, ein alternatives Programm auf die Beine zu stellen. Vorgesehen ist eine Weihnachtsspeisung an einem öffentlichen Platz – unter Einhaltung der Corona-Sicherheitsmassnahmen. Man habe nicht einfach Foodpakete verteilen wollen, sagt Zingg. Vielmehr soll das Essen, das auch in diesem Jahr vom Hotel Marriott gekocht wird, an einem Stand ausgeschöpft werden. «Wir möchten, dass sich die Menschen die Gerichte selbst aussuchen können. Schliesslich soll es ein bisschen weihnächtlich sein», sagt Zingg.

Risotto statt Viergang-Menu

Ähnliche Sorgen hat man beim Verein Kirchliche Gassenarbeit Luzern. Dort versammelten sich in früheren Jahren bis zu Hundert Bedürftige um die Tafel in der Gassenküche. Ein Viergang-Menu werde es dieses Jahr nicht geben, sagt Geschäftsleiterin Franziska Reist. Auf eine Feier in kleinerem Rahmen wolle man aber nicht verzichten. «Wir werden etwas Einfaches vorbereiten, zum Beispiel einen Risotto und ein Dessert», sagt sie.

Damit möglichst viele Menschen teilhaben können, überlegt man sich beim Verein, die Weihnachtsfeier über den ganzen Tag zu verteilen und in mehreren Gruppen zu feiern. Oder im Garten zusätzlich ein Zelt aufzustellen. Neben dem Essen erhalte zudem jeder Gast ein kleines Geschenk, sagt Reist. «Es ist uns wichtig, dass wir unseren Leuten auch in diesem schwierigen Jahr etwas Weihnachtsstimmung vermitteln können.»

Weihnachten mit Schichtbetrieb

Mitten in den Vorbereitungen auf die Weihnachtszeit ist man auch bei der Zürcher Stadtmission. Der Verein, der unter anderem von der Reformierten Kirchgemeinde Zürich finanziert wird, unterhält in der Altstadt das Café Yucca. Zur Weihnachtsfeier im vergangenen Jahr kamen rund fünfzig Menschen in schwierigen Lebenssituationen, darunter viele Obdachlose und Wanderarbeiter.

Auch dieses Jahr soll Weihnachten nicht ausfallen, wie Teamleiter Kurt Rentsch versichert. Aufgrund der Beschränkung der Platzzahl ist eine Feier im Café aber nicht möglich. Derzeit kläre man ab, ob man einen grösseren Raum bekommt, sagt Rentsch. «Falls das nicht klappt, planen wir Weihnachten im Yucca mit Anmeldung und in Schichten.»

Corona-Regeln als Herausforderung

Allerdings müsse das Fest wegen Corona auf ein Nachtessen beschränkt werden, ohne weitere Feierlichkeiten. «Unter unseren Gästen sind Menschen mit psychischen Problemen, für die das Einhalten von Schutzmassnahmen eine Herausforderung ist», sagt Rentsch. Trotzdem sei es wichtig, dass diese Menschen eine Anlaufstelle hätten, denn am 25. und 26. Dezember sei in der Stadt vieles geschlossen. «Wir wollen nicht, dass sie an Weihnachten allein auf der Strasse sind.»

Angesichts der Corona-Pandemie müssen die kirchlichen Sozialwerke von Tag zu Tag planen. Neue Sicherheits-Auflagen könnten alles wieder ändern. Ganz auf Weihnachten verzichten müssen die Obdachlosen und Bedürftigen in diesem Jahr aber wohl nicht.