Ausbildung

Rückschlag für das umstrittene Reuss-Institut

Eine ökumenische Ausbildungsstätte in Luzern will den Zugang zu kirchlichen Berufen erleichtern. Das Reuss-Institut wird kritisch beobachtet und hat nun in einer Evaluation von katholischer Seite schlechte Noten erhalten.
Das Reuss-Institut befindet sich am Rand der Luzerner Altstadt. (Bild: Reuss-Insitiut)

Das Reuss-Institut in der Stadt Luzern am Ufer des gleichnamigen Flusses sollte neue Wege zu kirchlichen Berufen und in die Gemeindebildung bieten. Vor fünf Jahren haben der katholische Stadtpfarrer Luzerns, Ruedi Beck, und die reformierte Pfarrerin Sabine Brändlin zusammen mit drei weiteren Personen die Ausbildungsstätte gegründet. Sie waren angetreten, um Menschen in Gemeindeaufbau auszubilden. Das sollte mittels Praktika in Kirchgemeinden und Studium im Reusshaus geschehen. Als Vorbild für diese Art von Ausbildung geben die Verantwortlichen die kirchliche Schule St. Mellitus in London an.

Das Reuss-Institut bietet einen niederschwelligen Zugang: Berufsschul- oder Maturzeugnisse schickt man zusammen mit einem Motivationsschreiben ein. Entscheidend für die Aufnahme sind ein Gespräch mit der Institutsleitung sowie ein halbtägiges Assessment.

Pro Jahr können zehn Personen beginnen, die Ausbildung kostet 8400 Franken jährlich und trägt den Titel «Gemeindeentwicklung, Fresh Expressions of Church und Pioneering.» Bislang haben 15 Personen die Ausbildung angetreten – darunter eine reformierte Teilnehmerin – und 29 weitere haben Weiterbildungsmodule besucht. Im Sommer 2024 haben die ersten sechs Personen die Ausbildung abgeschlossen.

Kritischer Bericht nach Evaluation

Die katholische Kirche wollte diese Ausbildung prüfen. Deshalb beauftragte die Deutschschweizerische Ordinarienkonferenz (DOK) 2021 ihren Bildungsrat, das Reuss-Institut fünf Jahre lang zu evaluieren. Bereits nach drei Jahren hat der Bildungsrat einen Zwischenbericht vorgelegt. Dieser fällt nicht gerade schmeichelhaft aus.

Zwei Schlussfolgerungen der DOK sind zentral: «Die DOK anerkennt den dualen Bildungsgang des Reuss-Instituts nicht als Ausbildung, die für einen kirchlichen Beruf qualifiziert.» Dabei handelt es sich um Seelsorge, Religionsunterricht, Katechese und  kirchliche Jugendarbeit. «Absolvierende des Reuss-Instituts sollten deshalb nicht in den genannten Berufen angestellt werden.»

Co-Leiterin: «Absolventinnen sind gefragt»

Co-Institutsleiterin Sabine Brändlin sagt auf Anfrage von ref.ch: «Die Absolventinnen und Absolventen sind auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt.» Sie würden schon während der Ausbildung umworben und Pfarreien versuchten, sich gegenseitig diese Arbeitskräfte abzuluchsen. Laut Brändlin sind drei der ersten sechs Absolventinnen in Pfarreien tätig als Mitarbeiterinnen in den Bereichen Seelsorge beziehungsweise in der Jugendarbeit. Eine Person sei in einem kirchlichen Werk angestellt und zwei hätten sich für ein Leben in einer Gemeinschaft entschieden.

Zwar könnten die Absolventen nicht in leitender Funktion in einem der anerkannten Qualifikationsprofile arbeiten, sagt Brändlin, aber: «Als Mitarbeitende können sie in verschiedensten Bereichen der Gemeindearbeit tätig sein.»

Trotzdem bezahlen die Personen jährlich 8400 Franken für eine Ausbildung, die auf katholischer Seite nicht anerkannt ist und von den Reformierten kritisiert wird. Die Co-Institutsleiterin sagt, man habe «die Studierenden immer von Beginn an» darüber informiert. Sie hätten sich trotzdem dazu entschlossen, das Studium zu beginnen. Auch nach dem Entscheid der DOK stellt laut Brändlin niemand von ihnen die Fortsetzung der Ausbildung in Frage.

Reformierte sind skeptisch

Das Resultat der Evaluation fällt nichtsdestotrotz negativ aus. «Das überrascht mich nicht», sagt der Leiter der Arbeitsstelle A+W – Aus- und Weiterbildung der reformierten Pfarrerinnen und Pfarrer, Thomas Schaufelberger. Er hat sich mit dem Reuss-Institut seit dessen Gründung auseinandergesetzt und sagt: «Als neue Zugangsmöglichkeit zu kirchlichen Berufen braucht es das Institut nicht.» Es sei ohne Absprache mit den bestehenden Ausbildungsinstitutionen der Kirchen entstanden. Interessant sei es allenfalls als Ergänzung auf dem Weiterbildungsmarkt für Menschen, die sich bereits in ihren Kirchgemeinden engagierten.

Schaufelberger erinnert sich, dass die Reformierten Kirchen von Beginn an skeptisch waren, vor allem weil es unklar war, ob das Reuss-Institut Menschen für pastorale Berufe ausbilden will: Die Bezeichnung «theologische Ausbildung» sei daraufhin geändert worden. Co-Institutsleiterin Brändlin sagt dazu: «Man konnte bei uns nie nur Theologie studieren, sondern immer bloss als Teil der Gemeindebildung.» Theologische Inhalte seien in allen Modulen integriert, damit sie «optimal mit der kirchlichen Praxis verbunden» werden könnten.

Zugang erleichtern

Als redundant sieht der Leiter A+W auch den inhaltlichen Ansatz. Das Reuss-Institut beschäftigt sich ja unter anderem mit «Fresh Expressions of Church». Schaufelberger kennt die Arbeit des St. Mellitus College und Holy Trinity Brompton – die Kirchgemeinde in London, die dieses College gründete. Er sagt, im Lernvikariat des Konkordats für künftige Pfarrerinnen und Pfarrer oder auch in der Höheren Fachschule Theologie, Diakonie, Soziales (TDS) Aarau seien diejenigen Impulse bereits aufgenommen, die für die reformierten Kirchen in der Schweiz relevant sind.

Die meisten evangelisch-reformierten Kantonalkirchen in der Deutschschweiz passen ihre Ausbildungsangebote an die aktuelle Situation an. Theologie-Studierende sollen bereits mit dem Bachelor in den Beruf einsteigen können (ref.ch berichtete). Ausserdem können Absolvierende von Fach- oder Pädagogischen Hochschulen seit diesem Jahr zum Studiengang für Quereinsteigende (Quest) zugelassen werden.

Eine niederschwellige Ausbildung wie im Haus an der Reuss sieht Schaufelberger im Übrigen auch aus einem anderen Grund kritisch: «Die Forschung zeigt, dass die Attraktivität eines Berufes empfindlich sinken kann, sobald die Anforderungen gesenkt werden. Wenn die Landeskirchen eines nicht gebrauchen können, dann ist es ein Verlust der Attraktivität der kirchlichen Berufe.»

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